Allensbach-Umfrage: Das Vertrauen in demokratische Systeme schwindet | ABC-Z

Fünf Jahre Ausnahmezustand drücken auf die Stimmung der Menschen. Erst die Pandemie, dann der Ausbruch des Ukrainekrieges, gefolgt von Energieengpässen, dann eine seit Jahrzehnten so nicht gekannte Inflation und gleichzeitig die zähe Stagnation der Wirtschaft, verschärft durch zunehmenden Protektionismus und geopolitische Spannungen – all das unterminiert das Empfinden von Sicherheit und Berechenbarkeit.
Die große Mehrheit rechnet mittlerweile nicht mehr mit einer baldigen Rückkehr zu ruhigeren, risikoärmeren Zeiten. Nur kurz hofften viele auf eine Stabilisierung der Wirtschaft. Seit Mitte des Jahres sind jedoch Befürchtungen, dass es in den kommenden Monaten wirtschaftlich bergab gehen könnte, wieder steil angestiegen, von 33 Prozent im Juni auf jetzt 47 Prozent.
Nur eine kleine Minderheit von 14 Prozent hofft zurzeit auf einen baldigen Aufschwung. Selbst da, wo sich die Lage objektiv entspannt hat, bleibt die Beunruhigung groß: Die Inflation beschäftigt die Menschen unverändert und verständlicherweise, da sich ihre Lebenshaltungskosten durch den zwar vorübergehenden, aber heftigen Inflationsschub nachhaltig erhöht haben.
Optimismus auf niedrigem Niveau
Nicht nur die wirtschaftlichen Perspektiven werden zurzeit überwiegend pessimistisch gesehen, sondern generell die Zukunft des Landes und das nicht nur auf Sicht der nächsten Monate, sondern längerfristig. Nur 30 Prozent sind optimistisch, dass Deutschland sich in den nächsten zehn Jahren positiv entwickeln wird, 41 Prozent fehlt dieses Zutrauen. Unmittelbar nach Ausbruch des Ukrainekrieges war die Bevölkerung zwar noch pessimistischer, aber der Zukunftsoptimismus verharrt seit drei Jahren auf niedrigem Niveau.
Die Mehrheit glaubt auch nicht daran, dass die Lage eigentlich besser ist als die Stimmung: Nur jeder Dritte ist davon überzeugt, während 43 Prozent widersprechen. Dieser Widerspruch kommt vor allem von den politischen Rändern: Während unter den Anhängern der Mitte-Parteien die Überzeugung überwiegt, dass die Stimmung schlechter ist als die Lage, vertreten 79 Prozent der AfD-Anhänger und auch 59 Prozent der BSW-Anhänger die Gegenposition.
Die deutsche Bevölkerung ist jedoch nicht so verzagt, wie es auf den ersten Blick scheint. Sie ist skeptisch, ob die Herausforderungen konsequent angegangen werden, glaubt mehrheitlich aber durchaus, dass sie bewältigbar sind. 51 Prozent glauben fest daran, dass „wir in Deutschland alle Herausforderungen gemeinsam meistern können“, nur 29 Prozent widersprechen dezidiert. Die einzige Gruppierung, die überzeugt ist, dass sich die Probleme nicht bewältigen lassen, sind die Anhänger der AfD: 64 Prozent von ihnen glauben nicht, dass die Zukunft des Landes überhaupt erfolgreich gestaltet werden kann.
Die Mehrheit der Bevölkerung ist dagegen überzeugt, dass sich viele Probleme lösen lassen, wenn sich mehr Optimismus breitmacht und die Kräfte gebündelt werden. Zwei Drittel sind neugierig auf die Zukunft, von den unter Fünfundvierzigjährigen drei Viertel; ebenso viele sind gespannt, was speziell der technologische Fortschritt künftig alles bringen und verändern wird.
Die große Mehrheit glaubt an die Innovationskraft des Landes, ohne dass die Fortschritte insbesondere in China und die in einigen Bereichen geradezu erdrückende Dominanz der amerikanischen Forschung und Entwicklung ignoriert würden. 63 Prozent der Bevölkerung halten die Innovationskraft Deutschlands auch heute für groß, überdurchschnittlich die höheren Schichten. Die Vorstellungen, welche Branchen besonders innovativ sind, haben sich jedoch erheblich verschoben.
Vor zehn Jahren zählten 80 Prozent der Bevölkerung den deutschen Automobilbau zu den besonders innovativen Branchen, aktuell nur noch 45 Prozent; auch andere Untersuchungen belegen, dass die Bevölkerung heute die Qualität und das Innovationstempo dieser Branche insbesondere im Vergleich zu China völlig anders bewertet als noch vor einigen Jahren. Auch erneuerbare Energien werden heute längst nicht mehr in dem Maße als Domäne deutscher Innovationskraft gesehen: Vor zehn Jahren schrieben 66 Prozent hier Deutschland einen Innovationsvorsprung zu, heute noch 48 Prozent.
Autoindustrie verliert stark an Ansehen
Parallel ist die Überzeugung verfallen, dass Deutschland in diesen Bereichen weltweit führend ist. Vor zehn Jahren galt der deutsche Automobilbau bei 83 Prozent der Bevölkerung als in der Welt führend, heute sind davon noch 42 Prozent überzeugt, Tendenz fallend. Die Einschätzung, dass Deutschland bei regenerativen Energien zur Weltspitze gehört, ist im selben Zeitraum von 59 auf 27 Prozent verfallen, auch die Position des deutschen Maschinenbaus wird heute schwächer eingeschätzt, aber deutlich stärker als der Automobilsektor.
Gleichzeitig gibt es Branchen, denen heute mehr zugetraut wird, insbesondere was ihre Innovationskraft angeht. Das sind vor allem die medizinische und die pharmazeutische Forschung, begrenzt auch die Chemie und die lange in Deutschland stigmatisierte Gentechnologie. So ist die Überzeugung, dass die pharmazeutische Forschung in Deutschland besonders innovativ ist, in den vergangenen zehn Jahren von 45 auf 60 Prozent gestiegen, das Vertrauen in die Innovationskraft der Gentechnologie in Deutschland von acht auf 22 Prozent.
Auch die Vorstellungen, welche Entwicklungen für das Land große Chancen bieten, zeigen die bemerkenswerte Fokussierung der Bevölkerung auf die Fortschritte in der Medizin. 71 Prozent der Bevölkerung verorten hier große Chancen; deutlich geringer wird das Potential von Batterietechnologie und Energiespeichern gesehen wie auch von Elektromobilität.
Nur 31 Prozent glauben, dass die Elektromobilität für Deutschland große Chancen bietet. Weitaus mehr verspricht sich die Bevölkerung von dem zunehmenden Einsatz von KI, der mittlerweile nach Überzeugung von 50 Prozent der Bürger große Chancen bietet. Dieser Anteil ist angesichts einer öffentlichen Diskussion, die oft Risiken und die Notwendigkeit von Steuerung und Kontrollen betont, bemerkenswert hoch.
Demokratien wird weniger zugetraut
Große Hoffnungen setzt die Bevölkerung auch in die Digitalisierung, insbesondere im staatlichen, aber auch im wirtschaftlichen Sektor. 57 Prozent sind überzeugt, dass die Digitalisierung der Verwaltung große Chancen bedeutet, 46 Prozent verbinden diese Hoffnung auch mit der zunehmenden Digitalisierung in der Wirtschaft. In Bezug auf den angestrebten Bürokratieabbau, den eine rasche Digitalisierung mit vorantreiben kann, sind zwei Drittel überzeugt, dass er das Land wesentlich voranbringen wird. Dagegen wird die Stärkung der Verteidigungsfähigkeit nur von jedem Dritten als Chancenszenario gesehen. Gleichzeitig hält die Mehrheit diese Stärkung für unumgänglich, wie auch das Sondervermögen zu ihrer Finanzierung von der großen Mehrheit befürwortet wird.
Obwohl die meisten skeptisch sind, ob die Herausforderungen tatsächlich gemeistert und die Potentiale des Landes gehoben werden, hofft die Mehrheit nicht nur auf die Innovationskraft des Landes, sondern auch auf die Einsicht, dass Veränderungen unumgänglich sind. 57 Prozent macht mit Blick auf die Zukunft Hoffnung, dass viele verstanden haben, dass ein „Weiter-so“ keine Option ist. Viele ziehen auch Hoffnung aus dem verlässlichen Rechtsstaat, dem Reservoir an gut ausgebildeten Arbeitskräften, dem Wohlstandsniveau des Landes, der sozialen Absicherung, aber auch den politischen Plänen für Reformen.
Die Mehrheit möchte hoffen und ist überzeugt, dass Deutschland unter seinen Möglichkeiten bleibt. Allerdings macht es die tägliche Berichterstattung, die sich oft mehr auf Probleme statt auf Problemlösungen, mehr auf Fehler als auf Erfolge, mehr auf Dissens- als auf Konsensfelder konzentriert, vielen schwer, nicht in Fatalismus zu verfallen. 53 Prozent der Bevölkerung halten die tägliche Berichterstattung oft für zu negativ, um Vertrauen zuzulassen, dass das Land seine Herausforderungen überhaupt bewältigen kann.
Wenn dieses Vertrauen jedoch unterminiert wird, beschädigt das weitaus mehr als nur die Popularität der politisch Verantwortlichen; es greift auch den Rückhalt für das politische System an. Zwar bekennt sich die große Mehrheit der Bürger zur Demokratie. Aber das Vertrauen schwindet, dass die Demokratie mit ihren steten Kontroversen und mühsamen Abstimmungsprozessen den aktuellen Herausforderungen gewachsen ist.
Nur 50 Prozent der Bevölkerung sind überzeugt, dass sich die aktuellen Probleme im Rahmen des demokratischen Systems gut lösen lassen. Insbesondere die Bewältigung von militärischen Krisen und von Pandemien wird Demokratien heute weniger zugetraut als noch vor zwei Jahren. 2023 waren noch 53 Prozent der Bevölkerung überzeugt, dass Demokratien militärische Krisen besser bewältigen können als autoritäre Systeme, heute glauben das nur noch 44 Prozent. Der Anteil, der hier autoritären Systemen mehr zutraut, hat sich in diesem kurzen Zeitraum von 14 auf 31 Prozent mehr als verdoppelt.
Das Zutrauen, dass Demokratien mit Gesundheitsrisiken wie einer Pandemie besser umgehen, hat sich in den vergangenen zwei Jahren von 57 auf 41 Prozent geradezu erdrutschartig verringert. In Bezug auf Inflationsbekämpfung traut zwar noch die Mehrheit Demokratien mehr zu – aber ebenfalls mit sinkender Tendenz; dasselbe gilt für den Umgang mit Flüchtlingswellen. In jedem dieser Fälle trauen AfD-Anhänger autoritären Systemen mehr zu als der Demokratie.





















