Berlin

Sprachprojekt in Neukölln: Einfach mal den Mund aufmachen | ABC-Z

Hinter der breiten Fensterfront: die Hermannstraße. Pausenlos rauschen Autos vorbei, Menschen hasten oder schlurfen, irgendwann gibt es gegenüber einen Einsatz mit Blaulicht und Krankenwagen. Die zehn Jugendlichen im Raum sind kurz abgelenkt, aber nur ein bisschen. Die dicken Scheiben halten den Lärm draußen. Das ist gut, denn es geht um genaues Zuhören.

Ein Mädchen liest eine kurze Momentaufnahme vor, die sie aufgeschrieben hat: wie sie zu ihrer Cousine ins Auto steigt und sofort spürt, dass es dieser nicht gut geht. „Ihre Hände umklammerten das Lenkrad. Das war einfach nicht sie. Die Stille im Auto sagte mehr als jedes Gespräch.“ Wie es weitergeht, erfahren die anderen erst einmal nicht, trotzdem klatschen sie anerkennend.

Welche Wirkung hat der Text – und warum? Was sitzt schon, was ließe sich noch stärker formulieren und mit welcher Art von Wörtern? Dilek Güngör bespricht diese Fragen im Anschluss mit den SchülerInnen aus einem Deutsch-Leistungskurs am Albrecht-Dürer-Gymnasium. Die Schriftstellerin ist eine von mehreren WorkshopleiterInnen des Projekts „Pipe up! Die Wort Werkstatt“, das Anfang 2025 die Arbeit aufgenommen hat.

Das Dürer-Gymnasium liegt nur in paar Ecken entfernt, in der Emser Straße, was zum Konzept der Workshops gehört: „Pipe up!“ arbeitet mit Kindern und Jugendlichen aus Schulen in den Neuköllner Kiezen. Mal finden die dreistündigen Treffen in den vertrauten Klassenräumen statt, mal kommen die Gruppen – wie dieses Mal – ins Journalismus-Zentrum Publix an der Hermannstraße.

„Mach den Mund auf!“

Publix, ein schicker Kubus aus Beton und Glas, hat Ende 2024 seine Türen in der Hermannstraße geöffnet – als „neue Heimat für alle, die Journalismus machen, Öffentlichkeit gestalten und die Demokratie stärken“, wie es in der Eigenbeschreibung heißt. Auf mehreren Etagen arbeiten Recherche-Initiativen und Kleinverlage, es gibt Co-Working-Arbeitsplätze und Räume für Veranstaltungen. Wie Spore, das Zentrum für Klimagerechtigkeit und globalen Dialog im Schwestergebäude ein paar Schritte weiter, wird Publix von der Schöpflin-Stiftung getragen.

Pipe up! nutzt die Infrastruktur von Publix, gehört aber organisatorisch zu dem „Wir machen das“ e. V., der 2015 aus einem Netzwerk von Frauen in Kultur, Wissenschaft und Journalismus hervorgegangen ist. Unter Leitung der Autorin Annika Reich ist sein Aushängeschild das Programm „Weiter Schreiben“, bei dem AutorInnen aus Kriegs- und Krisengebieten mit deutschsprachigen AutorInnen zusammenarbeiten und Texte veröffentlichen.

Auch Pipe up! – frei übersetzt so viel wie „Mach den Mund auf!“ – will Menschen eine Stimme geben, die von der Gesellschaft zu oft nicht gehört werden. Eine „Wortwerkstatt“ soll es sein, die Neuköllner SchülerInnen verschiedener Altersstufen ermöglichen will, sich mit Sprache auseinanderzusetzen, Medienkompetenz und kritisches Denken zu entwickeln. Im Mittelpunkt stehen Mehrsprachigkeit und die kreative Ausdrucksfähigkeit durch Schreiben.

Im Workshop animiert Dilek Güngör die Jugendlichen dazu, authentisch über ihre Gefühle zu schreiben. Einige haben ihr schon nach dem letzten Termin kurze Texte gemailt, sie hat ihnen Feedback und Anregungen zurückgeschickt. Jetzt bittet sie einen Jungen, sein Stück noch einmal vorzulesen. Es beschreibt eine Situation, in der ein Freund ihm etwas sehr Privates anvertraut – und sein anfängliches Unwohlsein bei dem Gedanken, dass es nun an ihm sein soll, sich gegenüber dem anderen zu öffnen.

Beim Schreiben geht es auch darum, mit Emotionen umzugehen



Foto:
Pipe up!

Es ist kein Unterricht

Dieses Unwohlsein erleben manche der Jugendlichen auch selbst in der Workshop-Situation. Ein anderes Mädchen möchte lieber nicht vorlesen: „Ist mir zu persönlich.“ Das ist okay, es ist ja kein Schulunterricht. Güngör gibt Tipps, wie man über Persönliches schreiben kann, ohne dabei die eigenen Grenzen zu überschreiten. „Vielleicht kannst du von einer anderen Person erzählen. Oder die Situation, das Setting verändern.“

Güngör, Kolumnistin und Romanautorin, ist manchmal überrascht, wie genau die Jugendlichen angeleitet werden wollen: „Sie machen es dann doch manchmal ganz anders, aber erst einmal wollen sie ganz genau wissen, wie und was sie tun sollen.“ Sie hofft, dass ihre Denkanstöße zeigen, „was Schreiben noch sein kann und was man damit tun kann. Gedanken sortieren, sich über Dinge klarwerden, spielen, seine Gefühle ausdrücken.“

Ob das funktioniert, muss und wird sich zeigen. „Es ist vor allem erst mal kein Unterricht“, sagt Güngör. „Also keine Noten, mehr Freiheit, mal mit einer Schriftstellerin sprechen, die begeistert ist von ihrer Arbeit und sie ansteckt. Weniger das Vermitteln von Techniken und Methoden.“ Wobei alle WorkshopleiterInnen unterschiedliche Erfahrungen und Methoden mitbringen und anwenden. Das erste Jahr von Pipe up! war auch eine Pilotphase, ein Experimentieren.

Was die WorkshopleiterInnen alle verbindet: Sie sind mehrsprachig und bringen eine Migrationsgeschichte mit. Denn Ziel ist es auch, den Kindern und Jugendlichen das Gefühl zu nehmen, dass ihre Herkunftssprache – Arabisch, Türkisch, Kurdisch, Farsi oder Ukrainisch – weniger wert sein könnte. Die Begegnung mit den SchriftstellerInnen und KünstlerInnen soll ihnen zeigen, dass Menschen mit Namen, die wie ihre klingen, etwas zu sagen haben und gehört werden. Oder eben gelesen.

Gleichgewicht ist wichtig

Dabei sei ein gleichberechtigter und dialogischer Umgang zentral, wie ihn eine Schule nicht unbedingt bieten kann, sagt Schokofeh Kamiz. Die künstlerische Leiterin von Pipe Up! ist Videojournalistin und Filmemacherin, sie lebt selbst in Neukölln. „Viele SchülerInnen reagieren sehr positiv auf diesen Ansatz“, sagt sie. „Wenn dieses Gleichgewicht verloren geht, merken Jugendliche das sofort und der Austausch funktioniert nicht mehr. Deshalb ist es besonders wichtig, ihnen einen Raum zu bieten, in dem sie sich ernst genommen fühlen und ohne Druck ausprobieren können.“

Kamiz berichtet von einem Moment, der sie besonders berührt hat: Das Projekt wurde vom Moderator Tobias Krell – Kindern als „Checker Tobi“ gut bekannt – in seine Live-Show in der Urania eingeladen. „Drei unserer SchülerInnen haben auf der Bühne vor über tausend Menschen etwas vorgetragen. Einer trug ein Gedicht über unfaire Behandlung vor, ein anderer erzählte, was er in der Zeit bei uns gelernt hat.“

Wenn ein gleichberechtigter und dialogischer Umgang verloren geht, merken Jugendliche das sofort und der Austausch funktioniert nicht mehr

Schokofeh Kamiz, künstlerische Leiterin von Pipe Up!

Eine Schülerin habe einen Text über ihr Leben in der Türkei und in Neukölln vorgelesen, erinnert sich Kamiz. „Der endete mit dem türkischen Satz ‚Neukölln benim evim oldu‘ – ‚Neukölln ist zu meinem Zuhause geworden‘“. Das Publikum habe minutenlang applaudiert. „So ein Satz wirkt ermutigend für viele andere SchülerInnen, die ihre Sprache sonst kaum auf einer so großen Bühne hören.“

Im ersten Jahr hat Publix das Projekt komplett finanziert, jetzt ist Pipe up! auf zusätzliche Unterstüzung angewiesen. Es gebe schon positive Signale von Stiftungen, freut sich Kamiz, aber man sei weiter auf der Suche, auch damit eine nachhaltige Arbeit über mehrere Jahre möglich werde. Die Kooperation mit den vier Schulen – neben dem Dürer- und dem Albert-Schweitzer-Gymnasium ist das auch die Regenbogen- und die Karl-Weise-Grundschule – soll weitergehen. Auch weil die Zusammenarbeit mit den jeweiligen Schulleitungen und Lehrkräften sehr gut funktioniert.

Dabei ist es der Projektleiterin wichtig, dass die Workshops keine AGs sind, an denen nur diejenigen teilnehmen, die sich ohnehin schon für eine Thematik interessieren. Deshalb fänden sie als Teil des Unterrichts – Deutsch oder Politische Bildung – statt, ohne klassischer Unterricht zu sein.

Im Workshop mit Dilek Güngör geht es gegen Ende um die Frage, was zum Schreiben notwendig ist. Den Text des Mädchens über die Begegnung mit ihrer Cousine fanden alle gut. „Sie hat halt Talent“, kommentiert einer der Jungen. Das will Güngör so nicht stehen lassen: „Talent ist nur ein Prozent, der Rest ist machen!“ Die Jugendlichen wirken überrascht. „Talent ist gut, aber es reicht nicht“, legt sie nach. „Es ist wie in der Küche: Der erste Pfannkuchen wird immer schlecht. Traut euch!“

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