Jahresrückblick 2025: Ein Dorf verhindert eine Flüchtlingsunterkunft – Bad Tölz-Wolfratshausen | ABC-Z

Den Ortsnamen Bairawies kennen gemeinhin allenfalls Menschen, die auf der Staatsstraße 2072 zwischen Geretsried und Bad Tölz auch die kleinen Wegweiser lesen. Im Frühjahr machte das Dörfchen mit seinen 280 Einwohnern jedoch bundesweit Schlagzeilen. Der bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU) schaltete sich im März in eine Debatte ein, die im Landkreis Bad Tölz-Wolfratshausen über Monate hochgekocht war. Im Zentrum: eine Bürgerinitiative namens „Bairawies Aktiv“, die sich gegen eine geplante Großunterkunft für Geflüchtete zur Wehr und allerlei Hebel in Bewegung setzte.
Bereits im November 2024 hatte sich in Bairawies, das zur Gemeinde Dietramszell gehört, Widerstand gegen die Pläne eines Investors formiert, im Dorf eine Containersiedlung für 120 bis 130 Geflüchtete zu errichten. Der Sprecher der Bürgerinitiative, Wolfgang Köster, wurde nicht müde zu betonen, dass man die Unterbringung von Geflüchteten nicht grundsätzlich ablehne; dass ein Dorf ohne Supermärkte, ärztliche Versorgung oder soziale Treffpunkte aber mit der Integration von 130 Menschen schlicht überfordert wäre.
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Köster organisierte eine Demonstration, an der sich 170 Einwohner beteiligten. Fortan hingen neben den kleinen Wegweisern große Banner an der Staatsstraße 2072: „280 Einwohner, 130 Flüchtlinge – nix für’n Flüchtling, nix für’n Ort“, stand darauf. Landrat Josef Niedermaier von den Freien Wählern (FW) hingegen hielt hartnäckig dagegen, dass die Plätze in Bairawies dringend gebraucht würden, weil dem Landkreis jeden Monat 100 Geflüchtete zugewiesen würden. Eine Pattsituation.
Als sich Mitte Februar abzeichnete, dass sich das Projekt juristisch nicht würde verhindern lassen, schickten die Bairawieser Aktivisten Hilferufe: an den damaligen Bundeskanzler Olaf Scholz ebenso wie an Mitglieder der bayerischen Staatsregierung. Die Antwort Joachim Herrmanns habe ihn „vorsichtig optimistisch“ gestimmt, erinnert sich Köster heute. Der Innenminister schrieb, dass bayernweit zwar noch immer neue Unterkünfte für Asyl- und Hilfesuchende aus der Ukraine benötigt würden, dass man allerdings „die Tauglichkeit eines Grundstücks für eine Asylnutzung sowie die Wirtschaftlichkeit“ prüfen müsse.

Ein paar Wochen später dann die Nachricht: Die Pläne für Bairawies sind vom Tisch. Das Innenministerium halte den Bau einer modularen Unterkunft in dem Dietramszeller Ortsteil für „wirtschaftlich nicht mehr vertretbar“, hieß es in einer Pressemitteilung. In Bairawies wurde gefeiert.
Überraschende Post aus der Staatskanzlei gab es noch einmal drei Monate später. Das Innenministerium räumte ein, seit 2016 bei der Berechnung der sogenannten Asylquote versehentlich die Einwohnerzahlen der Landkreise Bad Tölz-Wolfratshausen (rund 130 000 Einwohner) und Dachau (rund 150 000 Einwohner) vertauscht zu haben. Die Tölzer hatten neun Jahre lang eine zu hohe Quote erfüllen müssen. Diese wurde nach unten korrigiert.
Innenministerium verwechselt Landkreise
Wirklich entspannt hat sich die Lage laut Marlis Peischer, Pressesprecherin des Tölzer Landratsamts, seither dennoch nicht. Zum 1. November lebten ihrer Auskunft nach 3277 Geflüchtete zwischen Icking und der Jachenau. 2248 wurden durch das Tölzer Landratsamt mit Wohnraum, Geldleistungen oder beidem versorgt.
Ein Nachlassen in den Bemühungen, neue Unterkünfte zu finden, ist nicht angezeigt.
Marlis Peischer, Pressesprecherin des Tölzer Landratsamts
Immerhin: „Seit August 2025 wurden uns keine Busse aus den Ankerzentren mehr zugewiesen“, sagt Peischer. „Trotzdem müssen wir monatlich zwischen 15 und 30 Flüchtlinge aufnehmen.“ Die meisten kämen aus der Ukraine. Sobald die Ankerzentren an ihre Grenzen stießen, was absehbar sei, würden den Landkreisen wieder Geflüchtete von dort zugeteilt. „Ein Nachlassen in den Bemühungen, neue Unterkünfte zu finden, ist nicht angezeigt.“

Der Kreisbehörde stehen laut Peischer 2207 Plätze in 139 Unterkünften zur Verfügung. 950 verteilen sich auf 122 kleinere Unterkünfte, 1257 Menschen sind in 17 größeren Einrichtungen untergebracht, etwa in der Leichtbauhalle neben dem Landratsamt, in Münsing, Benediktbeuern, Lenggries oder Am Kranzer in Reichersbeuern. Nun aber sollen die 122 Wohnungen, die von der Regierung vorübergehend angemietet wurden, aus „Gründen der Effektivität und zur Entlastung des angespannten Wohnungsmarktes“ baldmöglichst geräumt werden.
Gleiches gilt für Hotelzimmer, die ebenfalls zur Überbrückung der Engpässe von der Regierung angemietet wurden. 49 Menschen, die zuletzt im Hotel Beer in Tölz gewohnt hatten, sind laut Peischer bis Ende November anderweitig untergekommen. Die Mietverhältnisse mit dem Tölzer Hof (255 Plätze) und dem Humplbräu in Wolfratshausen (70 Plätze) sollen indes verlängert werden. Denn es fehlt an Alternativen.

:Über Nacht stehen Hunderte Geflüchtete vor der Tür
Im Sommer 2015 kommen täglich Tausende Geflüchtete nach Deutschland. In der schieren Not, die Menschen unterbringen zu müssen, beschlagnahmt das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge Teile des Fliegerhorsts in Erding. So wie ein Jahr zuvor in Fürstenfeldbruck.
Wo also sollen künftig Geflüchtete eine Bleibe finden? Die Frage wird Bad Tölz-Wolfratshausen wie alle Landkreise und Kommunen im Raum München auch im neuen Jahr beschäftigen. Im März soll die Leichtbauhalle neben dem Tölzer Landratsamt geschlossen werden, weil dann die Baugenehmigung ausläuft. In Wolfratshausen und Geretsried gibt es Planungen für neue Unterkünfte, die allerdings von den Städten abgelehnt werden. Die Vorhaben befinden sich „im Verfahren“, so Peischer.
Nur von Bairawies spricht niemand mehr. Und das ist zumindest für Wolfgang Köster und den Verein „Bairawies Aktiv“ eine gute Nachricht. Anfang Januar komme man zu einem Neujahrspunsch zusammen, sagt er. „Wenn die ganze Geschichte etwas Gutes hatte, dann, dass wir im Dorf zusammengerückt sind.“





















