Bayern: Oberster Rechnungshof zerpflückt Fischotter-Management – Bayern | ABC-Z

Jetzt hat es die Staatsregierung amtlich: Im Dauerstreit um den streng geschützten Fischotter steht sie ohne wirksames Konzept da, sieht man einmal von den dramatisch ansteigenden Ausgleichszahlungen für die Teichwirte ab. Auf diese kurze Formel lässt sich der kürzlich erschienene Bericht des Bayerischen Obersten Rechnungshofs (ORH) zum Umgang mit der streng geschützten Art bringen. Bayerns höchste Kassenprüfer formulieren das natürlich nicht so drastisch. Sie empfehlen dem Freistaat vielmehr, „verstärkt auf schadensmindernde Maßnahmen zu setzen“ und „valide Daten zu erheben, um gegebenenfalls Ausnahmen vom strengen Artenschutz rechtssicher zu ermöglichen“.
Aber in seiner Quintessenz läuft der ORH-Bericht darauf hinaus, dass das Fischotter-Management des Freistaats untauglich ist, um die Probleme mit der Tierart zu bewältigen. So beurteilen jedenfalls der Landesfischereiverband (LFV) und der Bund Naturschutz (BN) den Bericht. Beim LFV ist von einer „bemerkenswerten Deutlichkeit“ des ORH die Rede, der BN attestiert den Kassenprüfern eine „klare Sprache“.
Beide Organisationen, die ansonsten beim Fischotter ziemlich konträre Positionen vertreten, erwarten nun, dass der Freistaat sein Fischotter-Management endlich auf eine solide Basis stellt. Zumal die ausnahmsweise erlaubten Abschüsse auffälliger Tiere, die in seinem Rahmen möglich sein sollen, bisher auch vor Gericht keinen Bestand haben, wie zuletzt ein Urteil des Bayerischen Verwaltungsgerichtshofs gezeigt hat.
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Die Wiederausbreitung des Fischotters ist eigentlich eine Erfolgsgeschichte. Vor gut 30 Jahren gab es in Bayern und Deutschland nur noch eine Handvoll der possierlichen Tiere, die ausgezeichnete Schwimmer sind. Das ist der Grund, warum die Fischotter streng geschützt und ganzjährig geschont sind. Auf der Roten Liste werden sie nach wie vor als gefährdet eingestuft. Zwar haben sich die Bestände inzwischen deutlich erholt. Die offizielle Schätzung spricht aktuell von etwa 1500 Fischottern im Freistaat, vorwiegend in Ostbayern. Aber flächendeckend ist die Art längst nicht wieder verbreitet – weder in Bayern noch in Deutschland.
Dort, wo sich die Fischotter wieder etabliert haben, können sie Probleme machen, vor allem in Regionen mit viel Teichwirtschaft. Zum Beispiel in der Oberpfalz in der Region Tirschenreuth. Denn Fischotter sind gefräßig. Ein ausgewachsenes Tier vertilgt ein bis eineinhalb Kilo Fisch am Tag, in einem Jahr sind das 400 bis 500 Kilo. Der Tirschenreuther Teichwirt Franz Kühn sagt, dass die Fischotter aufs Jahr gesehen in seiner Fischzucht etwa 30 000 Euro Schaden anrichten. Zwar werden sie ihm vom Freistaat ersetzt. Aber viele Teichwirte, vor allem die kleinen Nebenerwerbler und Hobbyzüchter mit einigen wenigen Teichen, sind genervt und frustriert. Viele hätten aufgegeben, sagt Kühn.
Das ist keine Dauerlösung, wenn wir den Teichwirten nur Steuergeld für einen Teil ihrer Schäden überweisen und Zäune fördern.
Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger
Die Teichwirte und mit ihnen der LFV fordern deshalb seit einigen Jahren, dass Fischotter abgeschossen werden dürfen, sowie sie übergriffig werden und Zäune um die Teiche nichts nutzen oder nicht möglich sind, etwa weil die Gewässer zu weitläufig sind. Allein das ist wegen des strengen Schutzes, unter dem die Tiere stehen, nicht so einfach möglich. Die Staatsregierung jedenfalls ist mit ihren Verordnungen, die solche Abschüsse möglich machen sollten, bisher regelmäßig vor Gericht gescheitert. Gleichzeitig explodieren die Schadenersatzzahlungen an die Teichwirte förmlich: von 770 000 Euro im Jahr 2019 auf 2,3 Millionen Euro im Jahr 2024.
All das thematisiert der ORH in seinem Bericht zum Fischotter ausführlich. Dabei wirft er der Staatsregierung eine Reihe Versäumnisse vor. So hätten das Umweltministerium von Thorsten Glauber (Freie Wähler) und das Landwirtschaftsministerium von Michaela Kaniber (CSU) es verpasst, „rechtzeitig notwendige Daten“ über die Entwicklung der Fischotter-Population in Bayern zu erheben, wie sie Voraussetzung für ausnahmsweise Abschüsse auffälliger Tiere sind. Zudem sei die Überarbeitung des Fischotter-Managements überfällig. Der Landtag habe das schließlich schon 2018 gefordert. Das Verfahren für die Bewilligung der Ausgleichszahlungen kritisiert der ORH als zu bürokratisch und aufwendig, er empfiehlt dringend eine Standardisierung und Digitalisierung.
Für die Staatsregierung reagierte bisher Vize-Ministerpräsident und Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) auf den ORH-Bericht. Auch aus seiner Sicht trifft der ORH-Bericht den „Nagel auf den Kopf“, wie er gleich nach dessen Veröffentlichung mitteilte. Es sei keine „Dauerlösung, wenn wir den Teichwirten nur Steuergeld für einen Teil ihrer Schäden überweisen und Zäune fördern“. Die Verantwortung für die Probleme sieht Aiwanger freilich weniger bei der Staatsregierung. Sondern vor allem bei den Naturschutzverbänden, die „ideologisch verblendet mit ihren ständigen Klagen die Teichwirte zur Aufgabe treiben“. Spricht man den Tirschenreuther Teichwirt Kühn auf den ORH-Bericht an, dann sagt er, wie viele seiner Kollegen sei er frustriert und ratlos.





















