Trauer um Schöpfer der Todesmarsch-Mahnmale: Hubertus von Pilgrim ist gestorben – Landkreis München | ABC-Z

Eine Wirklichkeit und ihr Wesen in eine plastische Form zu kleiden, die optisch eindrucksvoll, historisch angemessen und menschlich tief berührend anmutet – das ist eine Kunst, die überdauert. Der 1931 in Berlin geborene Bildhauer Hubertus von Pilgrim zeichnete in seinem langen Leben für etliche bedeutende Skulpturen verantwortlich, die von ihm geschaffenen Mahnmale, die seit 1989 im Münchner Umland und in der Stadt an den Todesmarsch der Dachauer KZ-Häftlinge Ende April 1945 erinnern, sind aber wohl seine bekanntesten und sein Dasein am meisten bestimmenden Schöpfungen. Als ein Teil seines „Lebenswerks“ hat er sie bezeichnet und die oft positive Resonanz von Holocaust-Opfern als besonders bewegend empfunden: „Dass die Überlebenden meine Arbeit anerkannt haben, hat mein Leben geprägt“, sagte er vor einigen Jahren der SZ. Ein Leben, das jetzt zu Ende gegangen ist: Hubertus von Pilgrim ist in der Neujahrsnacht, in den frühen Stunden des ersten Januars, im Alter von 94 Jahren in seinem Haus in Pullach gestorben.
Neben den 22 Mahnmalen, die entlang der damaligen Strecke des Marsches von Dachau Richtung Süden aufgestellt wurden – das erste wurde 1989 in Gauting eingeweiht – und die in ihrer erschütternden figurativen Charakteristik gleichsam identisch sind, ist Pilgrim für seinen 1982 geschaffenen Monumentalkopf Konrad Adenauers in Bonn bekannt. Auch diese Bronzeplastik war anfangs umstritten, avancierte bald zum beliebten Fotomotiv in der damaligen Bundeshauptstadt. Ein weiteres, charakteristisches Werk von ihm ist eine Mozart-Gedenktafel am Lesmüllerhaus in München.
Als ein versierter Exponent der Erinnerungskultur und mit hohem Geschichtsbewusstsein gesegnet, ist Pilgrim, der als Professor unter anderem von 1977 bis 1995 an der Akademie der Bildenden Künste in München lehrte, mit diversen Auszeichnungen geehrt worden, unter anderem dem Großen Bundesverdienstkreuz mit Stern. Er war aber immer wieder – nicht zuletzt, weil Denkmäler, zumal figürliche, lange Zeit nicht gerade als State of the Art galten – auch Kritik ausgesetzt. Die „Todesmarsch“-Skulpturen, die von 1989 bis 2009 errichtet wurden, waren ebenfalls nicht unumstritten. So reagierten etliche Kommunen zunächst abwehrend auf die Denkmal-Initiative, die der Gautinger Bürgermeister Ekkehard Knobloch in einen Rundbrief angeregt hatte. Anfangs gab es sogar Anschläge auf die Mahnmale.
Ein Exemplar steht in Yad Vashem
Schon lange freilich gelten die Skulpturen, die eine Figurengruppe von KZ-Häftlingen zeigen, welche sich in qualvoller, existenzieller Nacktheit fortschleppt, als Marksteine der Erinnerungskultur im öffentlichen Raum der Region München. Neben dem Landkreis Dachau und dem Stadtgebiet (am Schloss Blutenburg) gibt es Mahnmäler in den Landkreisen München, Starnberg, Fürstenfeldbruck, Ebersberg, Bad Tölz-Wolfratshausen und Miesbach. Der Eurasburger Dokumentarfilmer Max Kronawitter, der den Film „Todesmarsch – als das Grauen vor die Haustür kam“ 2021 realisierte, zeigte sich angetan von ihrer Wirkung: „Der Künstler zeigt sie nackt und barfuß, ihnen wurde alles genommen. Hubertus von Pilgrim ist es gelungen, etwas einzufangen, was sehr schwer einzufangen ist“, sagte er im Gespräch mit der SZ. Dass Pilgrims Todesmarsch-Skulpturen die Konventionen der herkömmlichen Denkmalsprache unterlaufen, zeigt auch eine besondere Ehre, die ihm 1992 zuteilwurde: Damals nahm die Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem ein Exemplar seines Werkes auf. Pilgrim ist damit als erster deutscher und christlicher Bildhauer in Jerusalem vertreten. Eine Version der Skulptur steht zudem im NS-Dokumentationszentrum in München.
Geboren und aufgewachsen ist Hubertus von Pilgrim in Berlin. Nach einer Ausbildung als Böttcher studierte er Kunst- und Literaturgeschichte und Philosophie an der Universität Heidelberg. Zur selben Zeit nahm er künstlerischen Unterricht bei Erich Heckel, dem berühmten expressionistischen Maler und Grafiker. Später studierte er Bildhauerei bei Bernhard Heiliger an der Hochschule der Künste in Berlin und erweiterte seinen künstlerischen Horizont bei Stanley William Hayter im bekannten „Atelier 17“ Paris.
Nach seiner Emeritierung war er von 1995 an als freischaffender Künstler in Pullach tätig, wohnte dort mit seiner Frau Barbara, auch zwei (schon lange erwachsene) Kinder gehören zur Familie. Im Isartal, wo er nach eigener Aussage sehr gerne lebte, ist er jetzt verstorben.





















