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Zwei junge Frauen hatten in der Jugend einen Schwarm: Was bleibt vom ersten Crush? | ABC-Z

Die Collage mit seinen Bildern hat Anni immer noch. Nicht einmal, sondern gleich 30 Mal ist er darauf zu sehen. Dunkle, nach hinten gegelte Haare, blaue Augen, verschmitztes Lächeln. Meistens mit freiem Oberkörper. „Die Collage hat mir meine Schwester mal zum Geburtstag geschenkt“, erzählt Anni. „Mein ganzes Zimmer war voller Poster von ihm.“

„Er“, das ist Mario Gómez, ehemaliger deutscher Fußballnationalspieler. Als Anni sechs Jahre alt war, nahm ihr Vater, ein großer Fan des FC Bayern München, sie das erste Mal mit ins Stadion. Die Bilanz: 4:1 für Bayern, drei Tore von Gómez. „Da war es um mich geschehen“, erinnert sie sich.

Und das äußerte sich nicht nur in Stadionbesuchen. Anni wünschte sich Gómez-Trikots, folgte Fanseiten und sog alle Informationen auf, die sie im Internet über den Fußballer finden konnte: „Es gab kein Interview, das ich nicht kannte. Nachts habe ich heimlich ‚Das aktuelle Sportstudio‘ geschaut, wenn er dort zu Gast war.“

Mario Gómez war Annis erster und bisher größter Schwarm. Da sie selbst auch Fußball spielte, sah sie in ihm ein Vorbild, wie sie rückblickend erzählt: „Ich wollte immer im Sturm spielen, weil Gómez auch Stürmer war. Ich fand ihn aber auch optisch attraktiv. Ich glaube, dass sein Aussehen schon eine große Rolle gespielt hat.“

Heute ist Anni 22 Jahre alt und Studentin. Seit drei Jahren hat sie einen festen Freund und schwärmt nicht mehr für Gómez. Aber der Fußballspieler hat über mehrere Jahre einen wichtigen Platz in ihrem Leben eingenommen.

Warum jemand einen Crush hat, kann unterschiedliche Gründe haben

Doch woher kommt dieser Wandel? Wie verändern sich Schwärmereien, wenn man erwachsen wird? Und was bewegt ein junges Mädchen überhaupt, derart viel Zeit, Gedanken, aber auch das ei­gene Taschengeld einer Person zu widmen, die man gar nicht persönlich kennt?

Anna Lübberding, Psychologische Psychotherapeutin aus Hamburg, kennt das Phänomen der Schwärmerei gut. Warum jemand einen sogenannten Crush hat, wie man einen Schwarm im Englischen nennt, kann unterschiedliche Gründe haben. Faktoren, die dabei eine Rolle spielen, sind im klassischen Sinne Aussehen, Stimme, Gestik und Mimik einer Person.

Aber auch bestimmte Werte oder Lebensgefühle, die eine Person vermittelt, können dazu beitragen, dass man sich in seinen eigenen Bedürfnissen bestätigt sieht. „Bei Prominenten kommen die wiederholten Medienkontakte dazu, wenn jemand sich viel mit einer Person beschäftigt“, sagt Lübberding. „Das führt zum psycholo­gischen Effekt der parasozialen Nähe. Man fühlt sich, als würde man die Person kennen.“

Für Marie sind es vor allem ein „gewisses Charisma“ und eine „starke Persönlichkeit“, die ihr Herz schneller schlagen lassen. Ihren ersten Schwarm hatte sie zwischen vier und zehn Jahren: Bela B. von der deutschen Band Die Ärzte. Ihr Bruder war Fan der Punkrock-Band, zu Hause lief die Musik rauf und runter.

„Mein Bruder hatte einen Schlüsselanhänger. Auf dem habe ich Bela B. gesehen und fand ihn total cool“, erzählt sie. „Dann habe ich seine CD geklaut, bin zur Musik auf dem Bett rumgehüpft und habe den Text mitgeschrien.“ Von da an war sie von Bela B. fasziniert gewesen.

Es ist kein Zufall, dass Anni und Marie während der Grundschulzeit das erste Mal bewusst für eine Person geschwärmt haben. Schwärmereien beginnen meistens mit dem Einsetzen der Pubertät, also etwa zwischen 10 und 13 Jahren.

Bei Mädchen passiere das oft auch etwas früher, sagt Psychotherapeutin Lübberding: „In dieser Lebensphase entwickeln sich Phantasie, sexuelles Interesse und der Wunsch nach emotionaler Bindung. Das ist Teil der psychosexuellen Entwicklung. Jugendliche lernen durch Schwärmereien, was sie anziehend finden.“

„Ich war überzeugt davon, dass ich die eine Frau für ihn bin“

Marie, heute 28 und ebenfalls in einer festen Beziehung, erinnert sich gut daran: „Früher gab es kaum eine Zeit, in der ich nicht für je­manden geschwärmt habe. Meine beste Freundin und ich fanden diese älteren Schüler im Schulbus gut. Wir haben bei ihren Gesprächen zugehört, getuschelt und jeweils für einen dieser Jungs geschwärmt.“

Lübberding spricht in solchen Fällen von kollektiven Crushes; im Jugendalter sei so etwas keine Seltenheit: „Eine ganze Klasse schwärmt für den­selben Lehrer, denselben Popstar oder Schauspieler. Das sorgt für soziale Zugehörigkeit und Verbundenheit.“

Mit 15 weckte dann ein anderer deutscher Sänger Maries Aufmerksamkeit: Alliga­toah, der mit Songs wie „Willst du“ und „Bleib in der Schule“ bekannt wurde. Marie lernte seine Songtexte auswendig, kaufte Fanboxen und stand bei den Konzerten in der ersten Reihe.

Parasoziale Beziehung: Die Bindung zu Prominenten wie Justin Bieber ist nur einseitig.Picture Alliance / Symbolbild

„Ich habe mir immer vorgestellt, wie es wäre, ihn zu treffen. Dass er dann ganz verzaubert von mir wäre“, erzählt sie. „Ich war überzeugt davon, dass ich die eine Frau für ihn bin.“ Dass die Realität davon weit entfernt war, habe sich teilweise wie Liebeskummer angefühlt: „In dem gleichen Maße, wie es mich erfüllt hat, hat es mich aber auch verletzt, weil ich wusste, dass es nur Träumereien waren.“

Trotzdem betrachtet sie ihre Schwärmereien rückblickend als eine Art „Safe Space“, insbesondere in Zeiten, in denen es ihr nicht gut gegangen sei: „Ich habe mich gern in meine eigenen Gedanken zurückgezogen, weil das meine kleine heile Welt war, die ich mir gebaut hatte.“

Eine Schwärmerei kann auch problematisch sein

Dass eine Schwärmerei sich wie Verliebtsein anfühlen kann, sagt auch Psychotherapeutin Anna Lübberding. „Schwärmen aktiviert das Belohnungssystem im Gehirn. Es wird vermehrt Dopamin ausgeschüttet, was euphorische Gefühle erzeugt. Gleichzeitig steigt der Spiegel von Noradrenalin, was für Aufregung, Unruhe und körperliche Aktivierung sorgt, die sogenannten Schmetterlinge im Bauch.“

Im Gegensatz zum Verliebtsein gebe es bei einer Schwärmerei aber keine reale Beziehungsabsicht und meist auch keine Interaktion mit dem Gegenüber. „Es handelt sich um eine Form der Zuneigung, die auf eine Person projiziert wird und sich durch die eigene Phantasie speist“, sagt die Psychotherapeutin. „In der Praxis unterscheidet man Schwärmen und Verliebtsein oft an der Tiefe der emotionalen Beteiligung und der realistischen Einschätzung des Interesses, das vom Gegenüber ausgeht.“

Was bei einem Crush besonders häufig auftritt, ist die Idealisierung der umschwärmten Person, wie Lübberding erklärt: „Einzelne Merkmale der Person werden überhöht, Schwächen werden ausgeblendet.“ Gerade bei Pro­mi­nenten sei die Fallhöhe besonders hoch und die Projektion oft sehr stark ausgeprägt.

Dieses Gefühl kennt auch Anni: „Gómez hätte machen können, was er wollte. Ich hätte ihn bis aufs Blut verteidigt.“ Mittlerweile ist der ehemalige Fußballspieler technischer Direktor bei Red Bull Sports, was unter Fußballfans wegen der Kommerzialisierung des Sports kritisch gesehen wird, auch von Anni.

Doch was kommt nach dem Crush? Die meisten jungen Menschen entwachsen ihren Schwärmereien, wenn sie älter werden. Die Poster im Kinderzimmer weichen der Erkenntnis, dass eine Beziehung mit dem Auserwählten niemals Realität werden wird und dass bei einer Schwärmerei die eigenen Bedürfnisse auf die andere Person übertragen werden.

Problematisch wird eine Schwärmerei nur, wenn ein Crush über längere Zeit idealisiert wird oder als Ersatz für echte Nähe dient. „Wenn eine zwanghafte romantische Fixierung auf eine andere Person besteht, nennt man das Limerenz“, sagt Lübberding. „Betroffene denken per­manent an ihren Crush und erleben häufig Schwankungen zwischen Hoffnung und Verzweiflung.“  Limerenz trete häufig bei Menschen mit unsicherem Bindungsstil und in Phasen emotionaler Instabilität auf.

Auch viele Erwachsene schwärmen noch

Marie und Anni schwärmen beide nicht mehr in der gleichen Intensität wie früher. „Ab dem Zeitpunkt, wo ich Leute im echten Leben interessant fand, hat das romantische Interesse an Gómez abgenommen“, sagt Anni. Dabei spiele auch das Alter eine Rolle, glaubt sie: „Je erwachsener ich werde, desto mehr lebe ich in der Realität und drifte nicht mehr in diese Welt ab, die ich mir in meinem Kopf aufgebaut habe.“

Aber selbst im Erwachsenenalter und in einer Beziehung kann es vorkommen, dass man einen Crush hat. Bei einer kanadischen Studie gaben rund 60 Prozent der befragten Personen in festen Beziehungen an, in den letzten zwölf Monaten für eine andere Person geschwärmt zu haben.

Für Psychotherapeutin Lübberding ist das keine Überraschung: „Ein Crush in der Beziehung muss kein Zeichen für eine Krise sein. Oft ist es der Ausdruck harmloser Bedürfnisse, wie zum Beispiel nach Abwechslung im routinierten Alltag. Das bietet die Chance, die eigene Beziehung zu reflektieren und gemeinsam daran zu arbeiten.“

Annis Freund jedenfalls nimmt ihre Gómez-Phase mit Humor. Schon beim ersten Date hatten die beiden festgestellt, dass sie die Leidenschaft für Fußball teilen, und auch über Mario Gómez gesprochen. Heute denkt Anni gern an die Zeit zurück, in der die Poster des Fußballspielers in ihrem Kinderzimmer hingen: „Die Collage und die Trikots habe ich immer noch. Ich habe es nie übers Herz gebracht, sie wegzugeben.“

Und in gewisser Weise ist Gómez immer noch ein kleiner Teil von Annis Leben: „Bis heute ist sein Geburtsdatum mein Handy-Entsperrcode. Das ist einfach Gewohnheit.“

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