Wirtschaft

Zeitdieb Social Media: Warum man Screentime besteuern sollte | ABC-Z

Die vergangenen zwei Wochen haben es mal wieder bewiesen: Deutsche Debatten über Leistung sind selten produktiv. Oder wem nutzt schon der Generalverdacht einer „Lifestyle-Teilzeit“, außer Politikern, die damit versuchen, von ihrer Ideenlosigkeit abzulenken? Müden Arbeitnehmern und einem noch müderen Wirtschaftswachstum sicher nicht. Deshalb ein Vorschlag, der tatsächlichen Fortschritt verspricht: Wie wäre es, für die von Social-Media-Konzernen verschlungene Aufmerksamkeit Steuern zu verlangen? Eine Screentime-Steuer.

Ganz so absurd, wie er klingt, ist dieser Vorschlag nicht. Hat doch selbst das Europäische Parlament vor wenigen Tagen festgestellt, dass die Plattform Tiktok des chinesischen Unternehmens Bytedance mit seinen Doom-Scrolling-Methoden – den Endlosvideoschleifen, dem hochpersonalisierten Algorithmus – ein Suchtmittel ist. Jetzt drohen Bytedance Strafzahlungen in Höhe von sechs Prozent seines EU-Jahresumsatzes. Vergleichbare Rügen für westliche Social-Media-Giganten wie Meta, Alphabet oder X stehen noch aus.

Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.



Nur was haben süchtig machende soziale Medien mit unserem Wirtschaftswachstum zu tun? Ganz einfach: Diese Suchtmittel machen uns müde, unkonzentriert und mindern unsere Motivation. Privat und bei der Arbeit. Das haben wissenschaftliche Studien in den vergangenen zwei Jahren vielfach belegt. Und wer kennt es nicht? Gerade tanzten die Finger noch fleißig über die Tastatur oder schliffen eine Autokarosserie, schon swipen sie auf Instagram durch Eiskunstlaufclips von Ilia Malinin oder die neidisch machenden Urlaubsstorys der Kollegen. Dieses „Task-Switching“ kostet Zeit, also ökonomisch betrachtet, Leistung und Geld. Ressourcen, die bisher die Social-Media-Konzerne abschöpfen. Leidtragend ist dabei jeder, der in unserer Aufmerksamkeitsökonomie in Konkurrenz zu diesen Konzernen steht. Was so gut wie wir alle tun. Denn in vielen Bereichen unserer Wirtschaft sind Tech-Unternehmen wie Meta zu Monopolisten geworden. Sie diktieren neue Vermarktungs- und Verwertungsmodelle, von denen etwa Zeitungen oder Fernsehsender besonders betroffen sind.

Wie genau sähe nun aber eine Steuer aus, die unsere Volkswirtschaft für den Ressourcenverlust kompensiert – die den ausbeuterischen Zugriff auf unsere Arbeitsleistung regulieren könnte? Zugegeben, „Screentime-Steuer“ klingt erst mal wie eine Tabak- oder Alkoholsteuer, die letztlich nur höhere Kosten für Social-Media-Nutzer bedeuten würde. Vielmehr müssten wir aber Tech-Giganten und deren von uns gewonnene Zeit und Aufmerksamkeit besteuern. Wie viel Investitionskapital der deutsche Staat oder die EU auf diese Weise generieren könnte, ist noch unklar. Bytedance zum Beispiel drohen im oben genannten Fall Strafzahlungen von circa einer halben Milliarde US-Dollar. Die Einnahmen durch eine Screentime-Steuer dürften deutlich höher ausfallen. Genauso wäre sie ein wirksames wirtschaftspolitisches Druckmittel der EU gegenüber China und den USA.

Dementsprechende Initiativen gibt es bereits: In Deutschland forderte die Bundestagsfraktion der Grünen 2025 eine Abgabe auf Werbeumsätze großer Onlineplattformen. Die Bundesregierung prüft zurzeit eine Digitalsteuer für Tech-Unternehmen in Höhe von drei bis fünf Prozent, in Österreich gibt es diese bereits seit 2020. In Chicago führte Bürgermeister Brandon Johnson mit Jahresbeginn die sogenannte Social Media Amusement Tax ein, mit der Konzerne gezwungen werden, pro Monat und lokalem Nutzer einen Beitrag von 50 Cent zu zahlen, der Johnson zufolge in städtische Programme für mentale Gesundheit fließen soll. Radikaler ist eine Gruppe von Forschern der Cornell-University. Im vergangenen Jahr sprach sie sich für eine sogenannte Pigou-Steuer auf Aufmerksamkeit aus. Die soll durch Social Media entstandene Schäden für Psyche, Gesellschaft und Ökonomie ausgleichen.

Sollte so eine Steuer irgendwann kommen, könnte sich der Aufmerksamkeitsdiebstahl womöglich auch für politische Scheindebatten nicht mehr lohnen. Denn wer eine Screentime-Steuer hat, kann sich Lifestyle-Teilzeit sparen.

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