Kultur

Zah1de-Konzert in Berlin: Nerv mich nicht, ich hab abgeliefert – Kultur | ABC-Z

Die Künstlerin Zah1de ist 15 Jahre alt, hat ein Millionenpublikum in den sozialen Medien und auf Musikstreaming-Portalen, wurde kürzlich mit dem Bambi ausgezeichnet und hat, je nachdem, wen man fragt, noch ungewissen bis bereits beachtlichen pophistorischen Wert. Mit ziemlicher Sicherheit ist sie der größte Teenie-Popstar, den Deutschland seit Tokio Hotel hatte. Die übrigens, kleine Randnotiz, bekamen ihren Bambi genau 20 Jahre früher. 2005 war das. Zahide Kayaci war da noch fünf Jahre nicht auf der Welt.

Auch Tokio Hotel waren sehr jung extrem schnell ins Rampenlicht aufgestiegen. Aber es gab einen womöglich entscheidenden Unterschied: Anders als Zah1de, hatte die Band schon ein paar Jahre Live-Erfahrung. Sie wurde bei einem Konzert entdeckt. Klassischer Werdegang in der Popwelt. In der alten jedenfalls. Bei Zah1de lief fast alles umgekehrt. Sie bekam den Bambi, bevor sie ihr erstes richtiges Konzert gespielt hatte. Bevor Zah1de an diesem 2. Januar die Bühne in der sogenannten echten Welt betrat, hatte sie die digitale also bereits quasi vollständig durchgespielt. Und eingenommen. Nun also die Live-Premiere. Und dann direkt in der Uber Eats Music Hall in Berlin. Vor 4500 Leuten. Man kann da natürlich nur spekulieren, aber: Etwas Druck dürfte das schon bringen.

Vor Zah1de kommt ihr Manager auf die Bühne – und lässt das Publikum eine Choregraphie für Tiktok üben

Zah1des Erfolg hat vor allem mit der Social-Media-Plattform Tiktok zu tun, auf der sie 2022 das erste Mal auftauchte, in der Folge als Teil der Berliner Tanzgruppe Lunatix bekannt wurde, die ihrerseits mit Kurzvideos viral ging. Zah1de entwickelte sich zu einer Gallionsfigur der Gruppe und feierte mit ihrem eigenen Kanal immer größere Erfolge, bis Universal Music, die größte Plattenfirma der Welt, auf sie aufmerksam wurde. Man raunt, und so beschwört Zah1de es auch selbst in ihren Songs, dass das Label ihr direkt einen Millionenvertrag anbot. Nicht fürs Tanzen. Sondern fürs Rappen. Womit sie vorher noch nicht viele Berührungspunkte zu haben schien. Aber die Reichweite, die das Label mit ihr anheuerte, war schon zu dieser Zeit bemerkenswert. Sie hatte schon da eine Millionen-Followerschaft, von der man ausgehen konnte, dass sie auch ihre Musik hören würde. Wenn es denn erst welche gebe.

Immerhin hier ist die Musikindustrie sich also treu geblieben.

Eine der großen Fragen heute Abend: Wie sieht Zah1des Gefolgschaft eigentlich aus? Wer sind die Menschen, die sich auf Tiktok mittlerweile zu 8,4 Millionen zusammenfinden? Zum Vergleich: Haftbefehl, den sie in ihrem bisher größten Hit „Mona Lisa Motion“ mit „Chabos wissen, wer Zahide ist“ zitiert, hat dort 1,1 Millionen Follower. Der US-Rapper 50 Cent, den sie sampelt, bringt es auf 8,7 Millionen. Also kaum noch mehr. Relativ wahnwitzige Zahlen. Wie übersetzen sich die also in die analoge Welt?

Eine halbe Stunde vor Einlass warten erst ein paar Kinder zwischen zwölf und 15 Jahren mit ihren Eltern oder Geschwistern in der fingerlähmenden Kälte, irre aufgeregt, sehr textsicher, wie sich zeigen wird. Viele sind mit selbstgemalten Bildern von Zah1de bewaffnet, um vielleicht ein Autogramm abzustauben. Für die meisten, so darf man weiter spekulieren, wird das heute das erste Konzert sein. Eine eigentlich ja hübsche Gemeinsamkeit  mit der Künstlerin.

YouTube

Die SZ-Redaktion hat diesen Artikel mit einem Inhalt von YouTube angereichert

Um Ihre Daten zu schützen, wurde er nicht ohne Ihre Zustimmung geladen.

Ich bin damit einverstanden, dass mir Inhalte von YouTube angezeigt werden. Damit werden personenbezogene Daten an den Betreiber des Portals zur Nutzungsanalyse übermittelt. Mehr Informationen und eine Widerrufsmöglichkeit finden Sie unter sz.de/datenschutz.

Drinnen, kurz vor Konzertbeginn um 18.30 Uhr, eine Ansage: „Falls ihr Gehörschutz für die Kinder, oder wahrscheinlich eher für die Eltern braucht, findet ihr die bei den Securitys.“ Die Halle lacht. Gehörschutz? Fast wie „Ballert auf Lautlos“, Zah1des zweite Single, bald ein Jahr alt, deren Titel sich auf einen Hater-Kommentar bezieht, der sinngemäß meinte, Zah1des Musik sei nur auf „lautlos“ genießbar. Der Song ist Prototyp für Zah1des Hip-Hop, der ohne Drogen, Gewalt oder Beleidigungen auskommt, und am Ende vielleicht nicht weltenerschütternde, aber doch enorm eingängige Popsongs über ihren Erfolg und ihre Ambition hervorbringt. Namentlich: Ferraris, Prada-Sneaker und Chanel-Handtaschen.

Mit „Ballert auf Lautlos“ beginnt die Show. Aber ganz anders, als man denkt.

Nicht Zah1de kommt auf die Bühne, sondern zunächst ihr Manager. Serdar Bogatekin, den sie in ihren Songs und Interviews immer wieder als denjenigen nennt, der sich um alles kümmert. Ihre Fans sind, das wird in vielen, vielen Tiktok-Videos und Kommentaren und auch an der gedämpften Reaktion heute Abend deutlich, gespalten, was Bogatekin angeht. Er ist nicht nur Manager von Zah1de, sondern auch Tanzlehrer der Lunatix-Gruppe. Immer wieder gibt es Vorwürfe, dass er die Kids ausnutze, zu lange arbeiten ließe und ihnen zu wenig Geld bezahle. Das ist auch an diesem Abend Thema, als später ein sehr junger Teil von Lunatix auf die Bühne tanzt und Umstehende laut fragen, ob die dafür eigentlich Geld bekommen? Und ob das nicht Kinderarbeit sei? „Naja, das ist ja auch ne riesen Chance für die“, antwortet jemand.

Bogatekin kommt so früh auf die Bühne, weil er das Publikum für ein Tiktok-Video gewinnen will. Alle sollten einen „Freeze“ machen, zu einem Zah1de-Song also in einer Pose wie eingefroren verharren, und dann locker tanzen. Er lässt mehrfach üben.

„Naja, das ist ja auch ne riesen Chance für die“: Tänzerinnen und Tänzern von Lunatix. (Foto: Leon Frei)

Die eigentliche Aufnahme wird später kommen. Erst zählt er die Tänzern ein: „5,6,7,8!“ Dann das Intro, zirpende Gitarren und schließlich Zah1des Playback: „Ballert auf Lautlos, stop the cap, I ate“. Sinngemäß: „Nerv mich nicht, ich hab abgeliefert“. Stimmt schon auch. Der Song erreichte Platz eins der Tiktok Hot 50 und Youtube-Musiktrend-Charts. Und Platz 38 der deutschen Charts. Wo man wieder bei den schwer greifbaren, aber tiefen Gräben zwischen der digitalen und analogen Popwelt wäre.

Als es wirklich losgeht, ist es 19.10 Uhr und es dominieren diese Gemütszustände: schüchterne, leicht unterzuckerte Aufregung bei den Jungen. Neutrale bis leicht überreizte Stimmung bei den Älteren. Dann kommt endlich Zah1de. Sie sei aufgeregt, sagt sie. „Aber bei so vielen Menschen wär das auch ein Wunder, wenn das nicht so wär.“ Anzumerken ist es ihr jedenfalls nicht. Sie wirkt verblüffend souverän.

„Wenn das dein erstes Konzert ist: Krass!“: Zah1de in Berlin.
„Wenn das dein erstes Konzert ist: Krass!“: Zah1de in Berlin. (Foto: Leon Frei)

Vielleicht hält sie den Bühnendruck aber auch durch ihre Crew der Lunatix-Gruppe aus, die sie tanzend begleitet. Und durch längere Pausen. Von den eineinhalb Stunden ist Zah1de vielleicht die Hälfte auf der Bühne, der Rest wird durch Tanzeinlagen ohne sie aufgefüllt. „Zahide“, skandieren die jungen Stimmen dann immer wieder. Abgesehen davon ist der Abend sehr groß produziert. Aufwendige Videos und Lichteffekte, der junge Rapper Benno hat einen gefeierten Feature-Auftritt, Konfettikanonen knallen. Die Kids singen die Songs mit tellergroßen Augen wie hypnotisiert mit. Feiern frenetisch. Verlieren aber irgendwann, wohl auch wegen der (eher verständlichen) Brüche und Absetzer der Show, doch merklich an Kraft. Dann passiert etwas Erstaunliches.

Zwischendrin pädagogische Appelle: „Schätzt eure Eltern. Zeigt Respekt.“

Beim letzten Song, die Müdigkeitserscheinungen dominieren inzwischen rundherum, zückt Bogatekin auf der Bühne das Handy und hält es ins Publikum. Es ist an der Zeit, das einstudierte „Freeze“-Video aufzunehmen. Und plötzlich sind alle wieder wach, mobilisieren letzte Kräfte. Ein finales Aufbäumen für die Kamera. Das analoge Publikum gibt alles, um dem digitalen später zeigen zu können, wie gut alle drauf waren. Der Clip sieht am Ende wirklich gut aus, Zah1de postet ihn noch am selben Abend. In den ersten zwei Stunden wird er über 700 000 Mal aufgerufen. Für die hier, die mit großen Handys das Konzert und sich selbst beim Mitsingen gefilmt haben, die tagtäglich Zah1des Videos ansehen, muss es wie ein irrer Traum sein, sich später in einem wiederzufinden. Als kleiner Pixel zwischen 4500 Menschen.

Diese Menschen machen vielleicht ihre erste Musikerfahrung mit Zah1de. Und dieser Verantwortung wird sich die junge Rapperin sogar in einigen pädagogischen Appellen bewusst. „Schätzt eure Eltern. Zeigt Respekt“, sagt sie einmal aus dem Off. Oder auch, als scheuer Bruch zu ihren Songs: „Es geht nicht um Autos oder Geld. Es geht darum, ein Vorbild zu sein und der jungen Generation Hoffnung zu geben.“ Das Narrativ, das Zah1de darüber hinaus in ihren Songs, aber gerade auch an diesem Abend mittels der Video- und Toneinspieler erzählt, ist das Prinzip Tiktok: Jeder kann hier zum Star werden, alles ist möglich. Es wird schlimmere Dinge geben, die man Kindern erzählen kann, als dass sie werden können, was sie wollen. Und so muss man es am Ende wohl mit dem jungen Mann halten, der das Konzert beim Rausgehen auf den Punkt bringt: „Wenn das dein erstes Konzert ist: Krass!“

Trifft auf beide zu: auf Zah1de und ihr junges Publikum.

Back to top button