„Wuthering Heights“ mit Margot Robbie und Jacob Elordi: Ziellose und reizarme Erotik | ABC-Z

Findet ein literarischer Klassiker seinen Weg auf die Leinwand, drängt sich unweigerlich die Frage auf, warum man sich gerade jetzt wieder seiner besinnt. Es ist ein Gedanke, der sich natürlich auch angesichts von Emerald Fennells neuem Film „Wuthering Heights“ einstellt.
Im Falle von Emily Brontës einzigem Roman (Deutsch: „Sturmhöhe“) lässt die bloße Tatsache seiner erneuten Verfilmung zunächst allerdings kaum Rückschlüsse auf den Zeitgeist zu. Immerhin hat jedes Jahrzehnt seit der Frühphase des Films zumindest eine, meist gar mehrere Kino- und TV-Adaptionen des erstmals 1847 erschienenen Werks erlebt.
Interessanteres eröffnet sich, wenn man „Wuthering Heights“ als „Gothic Novel“ begreift und sich vergegenwärtigt, wie viele Klassiker dieses Genres derzeit neu interpretiert werden – von Robert Eggers’ „Nosferatu“ bis Guillermo del Toros „Frankenstein“. Gerne wird diese Häufung damit erklärt, dass Horrorfilme in Krisenzeiten an Konjunktur gewinnen, da das Genre als Resonanzraum kollektiver Ängste fungiert.
Sehnsucht nach dem Anderen
Doch womöglich greift diese Lesart im Kontext der „Gothic Novel“ allein zu kurz. Vielleicht spiegeln die Schauerliteratur und ihre filmischen Umsetzungen nicht nur die Furcht, sondern ebenso die Sehnsüchte ihrer Zeit. Sieht man hinter die Schauerfassade von „Nosferatu“, „Frankenstein“ oder „Wuthering Heights“, offenbaren sich Geschichten von beinahe mythischer Schwere.
Allesamt sind sie durchzogen von Tragik, gewiss, doch von einer Tragik, die Bedeutung in sich trägt: Unter der Maske des Grauens verbirgt sich letztlich eben auch die Liebe – eingebettet in Erzählungen, die in einer Gegenwart digitaler Dauerbeschallung, in der vieles im Modus des Oberflächlichen verharrt, noch existenzielles Gewicht versprechen.
Auffällig ist dabei, wie sehr Filme wie „Nosferatu“ und „Frankenstein“ – obgleich sie die Namen ihrer männlichen Titelgestalten tragen – ihre emotionale Schwerkraft aus den Taten der weiblichen Figuren beziehen. Es sind Frauen, die sich isoliert wissen, sich in ihrer Umgebung fremd fühlen, deren Wunsch nach einem anderen Leben sie an den Rand der gesellschaftlichen Norm rückt – bis sie der Kreatur begegnen und in deren Einsamkeit ein Echo der eigenen Entfremdung erkennen.
„Wuthering Heights“ kennt keine Kreatur im eigentlichen Sinne und doch ist die Konstellation verwandt: Auch hier richtet sich das Begehren auf eine Figur, der gesellschaftliche Akzeptanz versagt bleibt. Die Liebe von Catherine, die dem niedrigen englischen Landadel angehört, zu Heathcliff, der einst als Findelkind zur Familie stieß, überschreitet die Grenzen von Stand und Herkunft.
Der verheißene Bruch
Die Nähe der Frauen zum Anderen aber bleibt nicht folgenlos, endet gar in ihrem Tod. Freilich lässt sich das nach modernen Maßstäben leicht als „toxisch“ beschreiben – und im Falle von „Wuthering Heights“ trifft das im späteren Verlauf auch eindeutig zu. Wenn nun aber ausgerechnet Emerald Fennell diesen Stoff für unsere Gegenwart neu interpretiert, schwingt darin beinahe zwangsläufig die Verheißung einer Neuakzentuierung mit.
„Wuthering Heights“. Regie: Emerald Fennell. Mit Margot Robbie, Jacob Elordi u.a. USA/Vereinigtes Königreich 2026, 136 Min.
Schließlich ist die britische Filmemacherin mit ihrem Spielfilmdebüt „Promising Young Woman“ (2020), einem Rachethriller über eine junge Frau, die Jagd auf sexuell übergriffige Männer macht, schlagartig zu internationaler Bekanntheit gelangt. Und damit mit einem Werk, das sich rückblickend als das prägendste der #MeToo-Ära begreifen lässt.
Auch von „Wuthering Heights“ könnte man da, wenn nicht schon den Bruch mit dem romantisierten Frauenopfer, dann zumindest eine zweite Ebene erwarten.
Ein Haus unter Vorzeichen
Der Auftakt legt eine solche Lesart noch nahe. Catherine wird als Kind (Charlotte Mellington) eingeführt, das einer Hinrichtung beiwohnt – ihre sichtliche Verstörung über den Anblick wird von der Haushälterin mit einem beiläufigen „Männer machen eben grausame Dinge“ quittiert, als sei derlei Gewalt keine Abweichung, sondern Grundrauschen dieser Welt.
Sowieso werden die „Wuthering Heights“ von allerlei Misogynie umweht: Der Vater, Mr Earnshaw (Martin Clunes), fühlt sich vom „Geschnatter der Weiber“ belästigt, wo es doch die Frauen sind, die das Gut am Laufen halten, während der Hausherr nicht nur den eigenen Verstand, sondern auch den Familienbesitz versäuft.
Beinahe ließe sich von einem seltenen Akt der Güte sprechen, als er eines Tages dann Heathcliff (Owen Cooper) mitbringt, der zuvor auf offener Straße misshandelt wurde – wäre es nicht wiederum an den Frauen, sich seiner anzunehmen und weiter mit den ohnehin knappen Mitteln zu haushalten, die durch Earnshaws Spielsucht weiter schwinden.
Feminismus nach „Bridgerton“-Art
In wenigen Skizzen zeichnet Emerald Fennell das enge Band nach, das zwischen Catherine und Heathcliff trotz des Machtgefälles erwächst. Selbst dann wird es noch von kindlicher Unbefangenheit getragen, als Catherine und Heathcliff, nun verkörpert von Margot Robbie und Jacob Elordi, längst erwachsen sind.
Die erste klare Umdeutung ihres Verhältnisses vollzieht sich umso unvermittelter, als Catherine zwei Hausangestellte beim sexuellen Dominanzspiel beobachtet. Das Gesehene leitet nicht nur ihr eigenes sexuelles Erwachen ein, sondern lässt auch die beinahe geschwisterliche Nähe zu Heathcliff in ein körperliches Begehren kippen.
Als er sie in diesem voyeuristischen Moment ertappt, sich auf sie legt und ihr erst die Hand auf den Mund, dann „schützend“ über die Augen legt, offenbart sich aber zusätzlich auch die Akzentverschiebung, die Emerald Fennell tatsächlich mit ihrer Adaption vornimmt. Und die hat mehr mit dem „Feminismus“ der gerne als progressiv bezeichneten Historienschmonzette „Bridgerton“ zu tun als mit der wohltuenden Wut ihres Erstlings.
Anders ausgedrückt: Frauen dürfen bisweilen masturbieren oder ein Buch lesen, bleiben aber in der patriarchalen Logik ihrer Zeit gefangen, müssen vor allem eine lukrative Partie machen und Mutter sein.
Wuthering Heights ist ein Film von beträchtlicher Oberflächenwirkung – schön anzusehen, doch schal
Der „Sturmhöhe“-Text setzt sich unverändert fort: Catherine heiratet aus finanzieller Not den wohlhabenden Nachbarn Edgar Linton (Shazad Latif), während Heathcliff zunächst wutentbrannt von dannen zieht, um wenige Jahre später als vermögender Mann zurückzukehren.
Reizarme Erotik
Mit dieser Heimkehr verändert sich der Ton ihrer Beziehung erneut, wird zu Missgunst und schließlich zur leidenschaftlichen Obsession. Fennell fokussiert sich auf ausgiebige Sex-Montagen, um davon zu erzählen – auf windumtosten Klippen, in samtener Kutsche und auf der heimischen Küchentafel.
Schlechterdings jedoch erweist sich die Erotik in „Wuthering Heights“ nicht nur als ziellos, sondern vor allem als bemerkenswert reizarm: Zwischen Margot Robbie und Jacob Elordi entsteht kaum spürbare Chemie, zumal ihre Figuren sich zunehmend in ihrer Kaltherzigkeit einrichten, sodass jede Regung von Empathie im Keim erstickt.
Stärker noch als Catherine ist es Heathcliff, dessen gekränkte Gefühle rasch in Grausamkeit umschlagen: Als sie die Liaison endgültig beendet, heiratet er aus Rache Isabella (Alison Oliver), das Mündel von Catherines Ehemann, demütigt sie und legt sie gar in Ketten. Der Film beobachtet diese Gewalt auffallend unkritisch, beinahe berauscht von seinen eigenen Bildern.
Eine zeitgeistige Adaption?
Mehr als auf interpretatorischer Ebene aber vermag „Wuthering Heights“ auf visueller zu überzeugen: Ein modern kuratierter Soundtrack, der mehrere Tracks von Charlie XCX integriert, trifft auf Kostüme, die weniger an ein klassisches Historiendrama erinnern als an Madonnas „Erotica“-Ära. Doch die Moral bleibt dieselbe: Die Frau stirbt – gleichgültig, ob sie sich den Konventionen widersetzt oder ihnen schließlich doch beugt.
Interessant ist „Wuthering Heights“ letztlich weder als feministische Neuinterpretation, als Träger jener existenziellen Schwere der Gothic-Literatur, noch irgendwo im Dazwischen. Zurück bleibt ein Film von beträchtlicher Oberflächenwirkung – schön anzusehen, doch schal. Zynisch könnte man sagen: Es ist eben doch eine überaus zeitgeistige Adaption.




















