Wolfratshausen: Knobloch ermahnt Schüler zu Einsatz für die Demokratie – Bad Tölz-Wolfratshausen | ABC-Z

Rektor Frank Schwesig lässt keinen Zweifel dran, was er von den Jugendlichen erwartet. In der Mensa ermahnt er die Acht- und Neuntklässler der Grund- und Mittelschule Wolfratshausen eindringlich, sich anständig zu verhalten, wenn Charlotte Knobloch hereinkommt. „Ich erwarte, dass ihr Respekt entgegenbringt, dass ihr still seid, dass ihr auf keinen Fall stört“, sagt der Rektor. Und er wünsche, dass die ehemalige Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland und jetzige Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, einen Besuch in Wolfratshausen erlebe, der „etwas ganz Besonderes für sie wird“. Schließlich sei dies eine einmalige Gelegenheit, noch mit einer Zeitzeugin der Nazi-Diktatur zu sprechen. Eine Chance, „die es so nicht mehr geben wird“.
Gut anderthalb Stunden später stellt sich die Frage, ob diese Ermahnungen wirklich notwendig waren. Die Schülerinnen und Schüler sitzen still da, als sich Charlotte Knobloch an die Frau des Hausmeisters erinnert, die ihr als „Judenkind“ verbot, im Innenhof mit den anderen zu spielen. Sie hören aufmerksam zu, als sie von der Reichspogromnacht erzählt, vom Brandgeruch der Synagoge, den sie immer noch in der Nase hat, und vom langen Marsch mit ihrem Vater in dieser „schrecklichen Nacht“ nach Gauting, wo sie von Freunden aufgenommen wurden.
Sie tuscheln auch nicht untereinander, als sie ihre Oma als „liebenswerteste und geduldigste Großmutter, die man sich denken kann“ beschreibt – und die später im Ghetto Theresienstadt verhungerte. Oder von der Haushälterin Kreszentia Hummel, die die kleine Charlotte auf dem Bauernhof ihrer Eltern im mittelfränkischen Arberg versteckte und nicht zu stolz war, sie als ihr uneheliches Kind auszugeben. „So viel Mut und so viel Menschlichkeit sind mir seither nicht mehr begegnet“, sagt Charlotte Knobloch.
15 Fragen stellen die Wolfratshauser Mittelschüler der 93-jährigen Zeitzeugin, einige davon haben sie im Unterricht vorbereitet. „Ein Teil war aber auch spontan“, sagt Konrektorin Nicole Strufe im Anschluss. Und nicht alle betreffen das dunkelste Kapital deutscher Geschichte. Ahmed möchte etwa wissen, ob Frau Knobloch glaube, dass Israelis und Palästinenser in Frieden leben können.
„Sie sind in der Lage einen gewissen Frieden, ein gewisses Zusammensein zu schaffen, aber sie müssen es auch tun“, erwidert Knobloch. Anstöße dafür habe es schon gegeben. Aber: „Frieden muss man lernen.“ Sie selbst sei „überglücklich“, dass es Israel gebe, weil Juden dort eine Zuflucht haben, sagt sie. Auch ihre Tochter und zwei Enkelkinder leben dort, seit dem Beginn des Iran-Kriegs jedoch unter schwierigen Bedingungen. „Die Schulen sind geschlossen, es wird im Bunker geschlafen – eine furchtbare Situation.“
Immer wieder kommen die Jugendlichen in ihren Fragen auch auf die politische und gesellschaftliche Situation in Deutschland zu sprechen. Ob sie Angst vor der Zukunft habe, ob sie fürchte, dass sich die dunkle Geschichte wiederhole, welchen Rat sie der Jugend geben könne. Da ist Knobloch ganz eindeutig: Es gebe „eine gewisse Partei“, die in ihren Aussagen den Nationalsozialisten ähnlich sei, sagt sie, ohne die AfD zu benennen. „Wenn sie Fuß fasst, dann droht Gefahr.“ Die Schülerinnen und Schüler fordert sie dazu auf, mit Freunden und Bekannten, die anderer Meinung sind, zu diskutieren. „Ihr müsst kämpfen und froh sein, dass wir in einem Land leben, das sich auf der Welt wieder zeigen kann.“ Die Demokratie müsse man unterstützen und dabei manchmal „ein bisserl nachhelfen“.
Unter Juden in Deutschland herrsche wieder Verunsicherung
In einigen Äußerungen lässt Knobloch allerdings durchblicken, dass unter den jüdischen Menschen hierzulande wieder Verunsicherung herrscht. Das Aufblühen der AfD, der Hass und die Hetze in den sozialen Medien, der wachsende Antisemitismus: „Sie haben Angst, öffentlich als Jude erkennbar zu sein, weil sie nie wissen, ob die Menschen aggressiv auf sie reagieren“, sagt die 93-Jährige. Über Jahrzehnte hinweg habe man die jüdische Gemeinschaft in Deutschland wieder aufgebaut. Als 2006 die Synagoge am Jakobsplatz in München eingeweiht wurde, sei dies „ein Moment des Stolzes und des Ankommens“ gewesen, bekennt sie. „Ich konnte die Koffer wirklich auspacken.“ 20 Jahre später werden jüdische Einrichtungen mehr denn je geschützt, der Rechtsextremismus nimmt stark zu. „Trotzdem bleiben meine Koffer ausgepackt“, sagt Knobloch. „Das ist meine Heimat.“
Den Wolfratshauser Schülerinnen und Schülern ruft die Zeitzeugin zu: „Lasst euch von niemandem eine Schuld geben, die nicht die eure ist, aber wisset, dass jeder im Land eine Verantwortung hat.“ Die Jugend solle wachsam bleiben und eine gesunde Liebe zum eigenen Land pflegen, die nicht überheblich und ausgrenzend daherkomme wie bei den Rechtsextremen. Am Ende wird es doch laut in der Mensa. Charlotte Knobloch bekommt viel Applaus von den Jugendlichen. Und Schulleiter Schwesig muss nur noch kurz bekanntgeben, welche Klasse die Stühle wegräumt.





















