Wird die Haarklammer jetzt politisch? | ABC-Z

Wann ist dieser Winter endlich vorbei? So heulen die Berliner in den Eiswind. Sie wollen bitte, bitte wieder ohne Mütze aus dem Haus. Denn die Mütze ist das Symbol allen Unheils, das der Winter bringt. Jede Lockerheit (Basecap) und Leichtigkeit (Haarband) muss sich dem Wunsch nach Wärme unterordnen. Unter den engen Wollhauben wirken menschliche Gesichter wie Frühstückseier, die schon viel zu lange niemand frühstücken will. Zwar warm, doch verloren eiern sie herum, und niemand weiß, wie lange noch. Immerhin: Der Frühling kommt bestimmt, irgendwann. Und dann schlägt die Stunde der Statement-Haarspange.
Manches spricht dafür, dass sie der Modetrend des Jahres wird. Kenner werden einwenden, sie sei doch schon lange Trend. Und es stimmt: Mit der Rückkehr der Neunzigerjahremode kam auch die Haarklammer zurück, von der hier die Rede ist: der Claw Clip, jene Spange, deren grobe Zacken auch üppiges Haar zusammenhalten, als würde es von einer Hand gegriffen. Sie kostet wenig, macht viel her, und auf Tiktok liebt die Jugend ihre Vielgestaltigkeit. Es gibt sie in elegant, hellrosa schimmernd wie das Innere einer karibischen Königinnenmuschel, aber auch in lustig, geformt wie Bananen oder Dackel. Preis: von günstig (7,99 Euro, H&M) bis edel (580 Euro, Prada).
Die politische Mode-Rebellin
Doch bislang ist die Spange unpolitisch. Das könnte sich ändern. Sie hat Eigenschaften, die sie als ideales Accessoire für den Meinungskampf auszeichnet: Man trägt sie auf Augenhöhe, und sie bietet Platz für Botschaften. Am Hinterkopf kann sie verkünden, was in dem Kopf gedacht wird. Und was wäre im Zeitalter des ständigen Bekenntniswunsches verlockender?
T-Shirts und Basecaps taugen schon lange dafür. Der „Make America Great Again“-Kappe und ihrem prominentesten Träger setzen amerikanische Demokraten „I miss Obama“-Shirts entgegen. Aber wirkt das nicht etwas bemüht? Wäre es nicht interessanter, die Botschaft scheinbar beiläufig ins Outfit zu integrieren? Hierfür bietet die Haarspange sich an wie nichts sonst. Sie könnte – nicht nur wegen ihrer auffälligen Form, sondern künftig vor allem wegen ihrer Beschriftung – zur Statement-Klammer werden. Erste Hersteller erkennen das Potential. Das dänische Label Sui Ava, bekannt für seine Claw Clips, hat schon eine Spange im Sortiment, die auf der einen Seite mit „Bella“, auf der anderen mit „Ciao“ beschriftet ist. Das kann man als süßes „Ciao Bella“ lesen, aber auch als anarchistisches „Bella Ciao“. Auf dem Online-Marktplatz Etsy bieten Händler Spangen an mit kämpferischen Slogans wie „Fight The Rich, Not Their Wars“ oder „Capitalism Is A Death Cult“. Mit 33,75 Euro ironischerweise nicht gerade ein Schnäppchen.
Von „Free Iran“ bis AfD-Logo: Die Haarklammer bietet Platz
Individueller und oft auch preiswerter sind Spangen, die sich die Trägerinnen nach eigenen Vorstellungen anfertigen lassen – oder sogar selbst basteln. Im vergangenen Herbst etwa machte die F.A.Z. die Bekanntschaft einer AfD-Anhängerin, die sowohl ein T-Shirt als auch eine Haarklammer trug, die das Logo ihrer Partei, gebildet aus Strasssteinen, zeigten. Wo es das zu kaufen gebe? „Gar nicht. Selbstgemacht!“
Doch nur wenige sind so begabt. Alle anderen könnten auf das Angebot von Händlern zurückgreifen, Spangen zu personalisieren. Üblicherweise schlagen sie vor, dort Namen oder bei Fashionistas beliebte Abkürzungen wie BFF (Best Friends Forever) hineinzugravieren. Aber politische Bekenntnisse dürften auch machbar sein. In einem Feldversuch bat die F.A.Z. unlängst auf einem Markt im Norden von Thailand eine Frau, die anbot, Haarspangen mit Namen zu versehen, darum, stattdessen den Schriftzug „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ dort anzubringen. Dies gelang, obgleich er deutlich länger ist als ein in Thailand oder Deutschland üblicher Vorname. „Free Iran“, „Sie kennen mich“ oder „Besser nicht regieren, als falsch regieren“ müssten demnach ebenfalls möglich sein.
Gegen viel Schrift spricht grundsätzlich nichts. Sie zieht die Blicke anspruchsvoller Leser auf sich. Und wer hätte die nicht gern? Verlässt einen unterwegs die Bekenntnislust, birgt die Haarklammer einen weiteren Vorteil: Sie lässt sich leicht ablegen. Dann zaust der Frühlingswind das Haar der Trägerin, die für alles, nichts oder das erste Eis des Jahres auf die Straße gegangen sein kann.




















