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Winterdepression: Hilfe gegen innere Leere nach den Feiertagen | ABC-Z

Stand: 23.12.2025 21:45 Uhr

Innere Leere, Erschöpfung, Unzufriedenheit – viele Menschen stecken nach den Feiertagen in einer Art Winterdepression. Warum der Januar so auf die Stimmung drückt und was die Psyche dann braucht.

von Tina Roth

Ein anhaltendes Stimmungstief nach den Feiertagen – das ist kein persönliches Defizit. Wochenlang war viel los: Termine, Erwartungen, Vorbereitungen, soziale Nähe. Weil diese Zeit häufig emotional aufgeladen ist, kann sie ein inneres Vakuum und Traurigkeit hinterlassen – selbst dann, wenn die Feiertage harmonisch und friedlich verlaufen sind. 

Innere Leere als psychologische Chance betrachten

Wer versucht, diese Gefühle im Januar schnell mit Aktivismus, neuen Vorsätzen oder Herausforderungen zu überdecken, verpasst möglicherweise eine wichtige psychologische Chance. Die Psyche braucht Zeit, um vom Ausnahmezustand zurück in den Alltag zu finden. Wer sich bewusst auf seine Stimmungen einlässt, kann aus dieser scheinbar tristen Phase nach den Feiertagen sogar Kraft ziehen. Empathische Selbstwahrnehmung und Ruhe können den Start ins neue Jahr erleichtern und Winterdepression vertreiben. 

Winterdepression: Selbst schöne Feiertage können die Psyche erschöpfen

Das soziale Miteinander rund um Weihnachten und Silvester kostet Energie. Gespräche, Rücksichtnahme, alte familiäre Rollen – von denen man vielleicht glaubte, sie längst überwunden zu haben – sowie hohe Erwartungen an “perfekte” Momente verlangen emotionale Anpassung. Nach den Feiertagen fühlt es sich deshalb manchmal an wie nach einer bestandenen Prüfung: Statt Erleichterung stellt sich Erschöpfung ein, verbunden mit Dünnhäutigkeit oder innerer Leere. Das geht vielen so und das Phänomen hat viele Namen: Winterdepression, saisonale Depression, Post Holiday Depression, Winterblues oder Entlastungsdepression zum Beispiel. Diese Gefühle jedenfalls können ein klares Signal sein, dass Körper und Psyche jetzt eine Pause brauchen. 

Innere Leere im Januar: Wenn Vorsätze und Aktivismus nicht helfen

Der Januar bietet selten Höhepunkte: Statt Lichterketten und Begegnungen warten grauer Alltag, Erkältungen und unerledigte Aufgaben. Viele reagieren darauf mit hohen Erwartungen an sich selbst: mehr Leistung, mehr Sport, mehr Disziplin. Manchen gibt dieser Aktivismus tatsächlich Auftrieb und Motivation. Für viele andere ist jedoch das Gegenteil heilsam: Ruhephasen und ein bewusstes Innehalten. Stillstand ist kein Rückschritt, sondern manchmal eine wichtige Voraussetzung für psychische Gesundheit – und nicht nur gegen innere Leere hilfreich. 

Winterruhe für die Psyche: Kein Luxus, sondern menschlich

Über Jahrtausende war der Winter – lange vor Fitnessstudios und Dauerbeleuchtung – eine Zeit der Ruhe. Dunkelheit und Kälte reduzierten Aktivität ganz selbstverständlich. Rückzug, Nachdenklichkeit und geringerer Antrieb sind deshalb natürliche menschliche Reaktionen in dieser Jahreszeit. Eine bewusste Pause für die Seele passt zum Winter und schafft Raum für Fragen wie: Wie geht es mir eigentlich gerade? Welche Gefühle melden sich – und welche Gedanken kehren immer wieder zurück? 

Fragen zulassen, Gefühle benennen

Viele Menschen sind zunächst verunsichert, wenn sie eine diffuse Traurigkeit oder innere Leere spüren. Die eigenen Gefühle klar zu benennen, ist oft schwierig: Ist es Traurigkeit, Wut, Einsamkeit oder Angst? Manchmal tauchen auch alte Enttäuschungen, ungelöste Konflikte oder Zweifel am eigenen Alltag auf. Weihnachten und Jahreswechsel berühren unterschwellig existenzielle Themen wie Anfang und Ende, Nähe und Verlust, Vergänglichkeit und Sinn. Wer solche Gedanken als normal akzeptiert, nimmt ihnen ihren Schrecken. Hilfreich ist auch die Erlaubnis an sich selbst, jetzt einmal nicht wie immer funktionieren zu müssen. 

Wirksame Methoden gegen den Winterblues

Unangenehme Gefühle wie depressive Verstimmungen und Niedergeschlagenheit verschwinden meist nicht schneller, wenn man sie ignoriert oder durch Aktivismus unterdrückt. Die Psyche braucht Zeit und Aufmerksamkeit, um sich zu ordnen. Sanfte Methoden aus Psychotherapie, Emotions- und Achtsamkeitsforschung können helfen, inneren Stimmungen Ausdruck zu verleihen und die innere Leere wieder selbstwirksam aufzufüllen.  

Schreiben – Gefühle strukturieren und entlasten

Freies Schreiben verlagert emotionale Inhalte aus dem Gedankenkarussell nach außen. Bereits 10 bis 15 Minuten Schreiben können Stress reduzieren und die emotionale Verarbeitung fördern. Wichtig ist, nicht zu bewerten, sondern Gedanken und Gefühle ungefiltert festzuhalten. 

Gefühle benennen – innere Zustände differenzieren

Die sogenannte Affektbenennung hilft, Gefühle greifbarer zu machen. Statt sich einfach “schlecht” zu fühlen, können genauere Begriffe wie “enttäuscht”, “ängstlich” oder “unsicher” den inneren Zustand klären. Das reduziert emotionale Überforderung und erleichtert es, passende Strategien zu finden. Um passende Worte zu finden, können Listen helfen, die verschiedene Begriffe für Emotionen gesammelt haben, wie Listen der Universität Bern für angenehme und unangenehme Gefühle.

Malen und Kritzeln – Zugang zu nonverbalen Gefühlen

Nicht alle Emotionen lassen sich in Worte fassen. Kreatives Gestalten aktiviert andere Hirnareale als Sprache und kann helfen, diffuse Stimmungen sichtbar zu machen – ohne sie sofort erklären zu müssen. 

Dankbarkeit ausdrücken – emotionale Regulation unterstützen

Dankbarkeit bedeutet nicht, negative Gefühle zu verdrängen. Sie erweitert den Blick und kann das Nervensystem beruhigen. Bewährt haben sich Dankbarkeitstagebücher oder kleine Notizen zu positiven Momenten – selbst zu sehr kleinen –, die sichtbar gemacht werden und Halt geben. 

Achtsamkeit im Kontakt – Gefühle durch Beziehung klären

Emotionen entstehen und regulieren sich oft im Miteinander. Ein offenes Gespräch, in dem man gehört wird, wirkt nachweislich stressmindernd. Sich anderen mitzuteilen hilft, Gefühle einzuordnen und sich weniger einsam zu fühlen, ohne dass sofort Lösungen gefunden werden müssen.   

Saisonale Depression erkennen und rechtzeitig gegensteuern

Innere Leere nach den Feiertagen ist meist harmlos. Halten jedoch gedrückte Stimmung, Schlafstörungen und ausgeprägte Antriebslosigkeit über Wochen an, kann eine Depression dahinterstecken. Solche Beschwerden sollten auf alle Fälle beim Arzt oder der Ärztin angesprochen werden. Bei der saisonalen Depression (SAD), auch Winterdepression genannt, ist der Mangel an Tageslicht in der dunklen Jahreszeit ein wichtiger Faktor.  Oft helfen dann Tageslicht, frische Luft und sanfte Bewegung. Morgens möglichst viel natürliches Licht, regelmäßige Spaziergänge und – falls nötig – Tageslichtlampen mit hoher Lux-Zahl können den inneren Rhythmus stabilisieren. Nahrungsergänzungsmittel mit L-Tryptophan, die den Serotoninspiegel heben und so die Stimmung steigern sollen, haben nach Angaben der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit EFSA keine ausreichend belegte Wirksamkeit zur Stimmungsaufhellung. 

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