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Wiederholung der Energiekrise?: “Auch Deutschland wird Gas zu diesen Preisen kaufen müssen” | ABC-Z

Wiederholung der Energiekrise?“Auch Deutschland wird Gas zu diesen Preisen kaufen müssen”

04.03.2026, 12:40 Uhr

Katar, Heimat des Flüssigerdgases. Durch den Iran-Konflikt explodieren die LNG-Preise weltweit. Was bedeutet das für die deutsche Energieversorgung? (Foto: picture alliance / NurPhoto)

Deutschland bezieht kein Flüssigerdgas aus Katar, Europa nur sehr wenig. Dennoch explodiert der europäische Gaspreis, seit der Iran die Straße von Hormus abgeriegelt und katarische LNG-Lieferungen somit eingesperrt hat. Denn LNG wird wie Öl global gehandelt. “Wenn Mengen fehlen, steigen die Preise überall, wo LNG den Preis bestimmt – also auch bei uns”, sagt Jakob Schlandt vom Hamburg Institut im “Klima-Labor” von ntv. Auf Verbraucher im Pech schlagen die Verwerfungen bereits durch. Noch schlimmer trifft es die deutsche Industrie: Am Spotmarkt kostet Gas bereits deutlich mehr als in der vergangenen Woche. Denn der Iran führt einen wirtschaftlichen Guerilla-Krieg, der sich auch mit überwältigender Feuerkraft nicht stoppen lässt.

ntv.de: Sie beobachten den Gaspreis mit größeren Sorgen als den Ölpreis. Warum?

Jakob Schlandt: Der Ölpreis ist wichtig für die Weltwirtschaft und Deutschland. Voriges Jahr haben wir Öl für 35 Milliarden Euro importiert – hauptsächlich für Mobilität und die chemische Industrie. Wir haben aber auch für 25 Milliarden Euro Gas importiert. Das benötigen wir ebenfalls für die Industrie und zum Heizen. Der Unterschied ist: Die Ölversorgung ist flexibler. Unsere Gasversorgung ist stärker von der Krise im Iran betroffen.

Eigenes Foto Jakob Schlandt
Jakob Schlandt leitet die Abteilung Regulierung und Märkte am Hamburg Institut Consulting (HIC) (Foto: privat)

Deutschland bezieht doch gar kein Flüssigerdgas aus Katar. Wir erhalten Pipeline-Gas aus Norwegen und LNG aus den USA. Zusätzlich importieren wir Erdgas aus Belgien und den Niederlanden. Aber auch dort kommen nur geringe Mengen LNG aus Katar an.

Ja, 3,5 Prozent des europäischen Erdgases stammen aus Katar. Indien, Japan, Südkorea oder auch Taiwan beziehen erhebliche größere Mengen. Der Anteil ist aber weitgehend irrelevant, denn Flüssigerdgas wird wie Öl global gehandelt: Fehlen Mengen in diesem Weltmarkt, steigen die Preise überall dort, wo Flüssiggas den Preis bestimmt, also auch bei uns. Letztlich fahren LNG- und Öltanker immer dorthin, wo es ökonomisch gerade am sinnvollsten ist: Wo ist der Preis am höchsten? Wohin ist der Weg am kürzesten?

Asiatische Kunden, die derzeit kein LNG aus Katar erhalten, werben Lieferungen für Europa ab?

Der Höchstbietende gewinnt. Händler, die sich vorher eine günstige Lieferung gesichert haben, können diese jetzt genauso gut mit Gewinn nach Europa verkaufen.

Der europäische Future-Preis für künftige Gaslieferungen hat sich seit vergangenem Freitag beinahe verdoppelt. Ist das eine übertriebene Reaktion? Sollte Deutschland wie bei den Gasspeichern einfach abwarten, bis sich die Lage beruhigt?

Deutschland wird nicht drum herumkommen, zu diesen hohen Preisen Flüssigerdgas zu kaufen, gerade weil die Speicher relativ leer sind. Aber ja, das ist die entscheidende Frage: Wie lange dauert dieser Krieg? Wie lange kann der Iran die Straße von Hormus de facto abriegeln? Das ist eine enorm wichtige Handelsroute. Dort müssen gut 20 Prozent des globalen LNG durch. Es gibt keinen anderen Weg für das Gas. 20 Prozent des globalen Erdöls müssen die Meerenge ebenfalls passieren. Etwa die Hälfte kann allerdings über Pipelines innerhalb Saudi-Arabiens umgeleitet und dann abtransportiert werden. Deswegen ist der Gaspreis auch um 100 Prozent gestiegen und der Ölpreis nur um 20 Prozent.

Lässt sich am Gaspreis bereits ablesen, wann die Märkte eine Beruhigung der Lage erwarten?

Die Gaspreise für den kommenden Winter sind ebenfalls gestiegen, aber nicht so stark wie für eine LNG-Lieferung im April. Die Preise für eine Lieferung in anderthalb Jahren haben sich fast gar nicht bewegt. Die Märkte erwarten also keinen ewigen Konflikt. Klar ist aber auch: Die Märkte kalkulieren aktuell mit einem längeren Konflikt als noch am Montag. Zum Wochenstart war der Preisaufschlag verhalten. Wirklich gestiegen ist der Preis erst am Dienstag.

Warum?

Ich bin kein Nahost- oder Konflikt-Experte, es gibt aber mehrere Hinweise auf eine längere Auseinandersetzung: Der Iran wurde schwer getroffen, es gab dennoch keinen Regimesturz und keine Revolution auf den Straßen. Stattdessen hat der Iran deutlich gemacht, dass er die Straße von Hormus schließen wird. Letztlich reichen eine Drohne, ein Schnellboot oder eine Seemine aus, um einen Tanker anzugreifen. Das haben wir so ähnlich bereits in den vergangenen Jahren gesehen: Die Huthi-Milizen haben mit schmalen Mitteln und asymmetrischer Kriegsführung de facto den Suezkanal lahmgelegt, obwohl Saudi-Arabien und die USA über eine überwältigende Feuerkraft verfügen.

Der Iran hat zwei LNG-Produktionsanlagen von Katar und eine saudische Ölraffinerie angegriffen. Es ist einfacher, diese Infrastruktur zu zerstören, als sie zu beschützen?

Ja, um Größenordnungen einfacher. Wer eine Handelsstraße lahmlegen oder Infrastruktur beschädigen will, kann sich Ort und Zeit des Angriffs aussuchen. Wer schützen will, muss das gesamte Gebiet zeitlich unbegrenzt überwachen. Das ist eine Art Wirtschaftsguerilla-Krieg. Der Iran wird die Öl- und die Gaswirtschaft, aber vermutlich auch den Tourismus der Region so lange in Geiselhaft nehmen können, wie das Regime stabil bleibt.

Aber sobald der Konflikt befriedet ist, fallen die Preise wieder?

Anfangs wahrscheinlich nicht ganz auf das Vorkriegsniveau, denn das Feuer wäre zwar gelöscht. Die Händler würden aber einpreisen, dass der Konflikt wieder aufflammen könnte. Im Kern würden die Gaspreise tatsächlich auf das frühere Niveau kollabieren. Die Kalkulation der Händler ist immer risikogewichtet. Das bedeutet im Umkehrschluss übrigens auch, dass das Ende der Fahnenstange womöglich nicht erreicht ist: Sollte die Straße von Hormus längere Zeit gesperrt bleiben, werden die Preise weiter zulegen.

Was empfehlen Sie der Bundesregierung?

Die Bundesregierung kauft kein Gas, das machen in Deutschland Händlerinnen und Händler. Das Problem ist: Wenn die Preise für eine mittelfristige Lieferung niedriger sind als für eine kurzfristige, besteht kein Anreiz, jetzt Gas zu kaufen, um es für den nächsten Winter einzuspeichern. Man wird eher den gegenläufigen Effekt sehen: Es wird kein Gas zur Einspeicherung gekauft, sondern nur das Nötigste, um quasi den Betrieb im Frühling und Sommer am Laufen zu halten.

Man wartet wie im vergangenen Jahr ab?

So ungefähr, vielleicht noch extremer. Warten die Händler aber zu lange und es zeichnen sich echte Knappheiten für den kommenden Winter ab, würden wiederum Lieferungen im kommenden Winter selbst ebenfalls deutlich teurer werden.

Was bedeutet das für Gaskunden? Müssen sie wie in der Energiekrise mit explodierenden Heizkosten rechnen?

2022 waren die Preise extrem. Ich halte einen ähnlichen Anstieg für ausgeschlossen. Unsere Versorgung ist mit den norwegischen Pipelines und den LNG-Terminals viel besser aufgestellt. Die Gaspreise könnten aber nochmals deutlich steigen und dieses Niveau längerfristig halten. Dann würden sie schrittweise an die Verbraucher durchgereicht. Die meisten haben einen Vertrag mit Preisbindung. Hat man Pech und dieser Vertrag läuft bald aus, wird man bereits teurere Tarife nutzen müssen. Deutlich schneller wird es die Industrie treffen.

Warum?

Die verfügt teilweise ebenfalls über langfristigere Verträge. Einen Teil ihres Gasbedarfs deckt sie aber typischerweise am Spotmarkt, also am “Ich benötige morgen Gas”-Markt. Dort wird Gas zu aktuellen Preisen gehandelt – und kostet jetzt beinahe doppelt so viel wie vergangene Woche. Das ist eine schlechte Nachricht für die deutsche Industrie.

Ist diese Entwicklung ein Beleg dafür, dass wir schnellstmöglich auf erneuerbare Energien umsteigen sollten?

Die Abhängigkeit von fossilen Importen ist eine strategische Schwäche, die von der Politik bearbeitet werden muss. Erneuerbare Energien haben große Schnittmengen mit diesem Ziel. Wir können aber nicht von heute auf morgen auf 100 Prozent Wärmepumpen umsteigen. Deren Befürworter müssen genauso zu Kompromissen bereit sein wie die andere Seite. Wir müssen uns unangenehme Abwägungen stellen, etwa: Sollte man Kohlekraftwerke in einer Schlummerreserve halten?

Für einen Energienotfall?

Das soll kein Plädoyer für Kohlekraftwerke sein. Die sollen nicht im Normalbetrieb am Energiemarkt laufen, sondern wirklich nur in absoluten Ausnahmefällen. Steinkohle kann man jahrelang gut und günstig unter freiem Himmel lagern. Braunkohle haben wir selbst im Boden. Ich unterstütze Klimaschutz und die Energiewende, aber die Welt hat sich radikal verändert. Das muss Deutschland anerkennen und wie die nordischen Länder einen Plan für strategische Resilienz und Unabhängigkeit entwickeln. Dazu gehören erneuerbare Energien, aber nicht nur. Diesen Plan gibt es vier Jahre nach der Energiekrise aber immer noch nicht. Das ist ein Versäumnis.

Und die Lösung ist Kohle?

Möglicherweise. Es gab die Vorstellung von Gas als sicherer Brückentechnologie. Diese Vorstellung hat sich zum zweiten Mal innerhalb von vier Jahren als illusionär erwiesen. Wir müssen neu über Themen wie Resilienz und Versorgungssicherheit nachdenken und entsprechend handeln.

Mit Jakob Schlandt sprach Christian Herrmann. Das Gespräch wurde zur besseren Verständlichkeit gekürzt und geglättet. Das komplette Gespräch können Sie sich im Podcast “Das Klima-Labor von ntv” anhören.

Quelle: ntv.de

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