Wirtschaft

Wie gibt man den Wählern das Gefühl, man sei einer von ihnen? | ABC-Z

Es ist für Politiker das A und O, den Wählern das Gefühl zu geben, man sei, bei allem Erfolg, einer von ihnen geblieben und wisse noch, was ein Pfund Butter kostet. ­Gavin Newsom, Gouverneur von Kali­fornien, hat eben deshalb den Eindruck geradegerückt, er könnte mit einem goldenen Löffel im Mund geboren worden sein. Vielmehr sei er Sohn einer einst alleinerziehenden, hart arbeitenden Mutter und Schlüsselkind gewesen.

Die Schlüsselkinderzählung ist eine Unterart des Genres Street Credibility. Dieses sollte man freilich nicht zu wörtlich nehmen. Man denke an Wondratscheks Tat­sachenroman „Einer von der Straße“, der von einem Zuhälter handelt. Die Straße ist auch arg nahe an der Gosse und an dem Bonmot: „Man bekommt einen Mann aus der Gosse, aber nicht die Gosse aus einem Mann.“ Gossen-Goethe Franz Josef Wagner war einer der wenigen, die daraus Kapital ­schlagen konnten.

Unverfänglicher ist es, man hat einen Background als Bauernbub oder Arbeiterkind, so wie Multimedialist Micky Beisenherz, der nicht nur Wagner-Fan ist, sondern jetzt im Gespräch mit der „Süddeutschen Zeitung“ neuerlich verraten hat, zwar selbst kein „Joe the Plumber“ zu sein, aber immerhin Sohn eines Klempners. Das hat er Friedrich Merz voraus. Wäre der auch ein solcher, hätte sein gegen Scholz gerichtetes Wort vom „Klempner der Macht“ gleich mehr Gewicht gehabt, ebenso seine Appelle zum Anpacken und Ärmel­hochkrempeln.

Bisher bot sich auch der Dialekt an

Eine Schwierigkeit als Arbeiterkind oder Bauernbub besteht darin, dass man glaubhaft so tun muss, als sei man seinen Wurzeln treu geblieben, ohne dass die Wähler „Oh“ sagen und erbleichen. Das ist selbst einem Joschka Fischer nicht gelungen. Wenn er neben Dominique de Villepin, dem Amtskollegen edler Provenienz, gescheit daherredete, war er mehr Metzgerssohn denn je.

Gerade im Wahlkampf muss man auch aufpassen, dass etwa die Behauptung bäuerlichen Backgrounds dem entspricht, was gemeinhin darunter verstanden wird: Bauernhof, nicht Ferien auf dem Bauernhof, auch nicht, wie Christian Lindner mal auf einer Bauerndemo sagte: „Ich bin neben Wiesen, Feldern und dem Wald auf­gewachsen.“

Es darf auch keinesfalls so wirken, als bekräftige man die Kleinheit der eigenen Herkunftsverhältnisse nur, um deutlich zu machen, wie weit man darüber und über sich hinaus gewachsen ist. Stattdessen sollte man schön beiläufig bleiben. Bisher bot sich dafür der Dialekt an. Der galt als unschuldiger und untrüglicher Herkunftsmarker für Politiker – bis er jetzt im „Ländle“ so exzessiv ein­gesetzt wurde, zum Teil in einer altertümlichen Variante, wie sie sich nur unter Berliner Schwaben konserviert hat, dass die hiesigen Schwaben sich fühlen mussten wie anatolische Gastarbeiter, die von Herkunftsdeutschen gefragt werden „Wo du komme?“, weil diese glauben, dem Gegenüber so auf Augenhöhe zu begegnen.

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