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Wie der Klimajournalismus an Temperatur verliert • Medieninsider | ABC-Z

Während die Wetterextreme auf der Erde zunehmen, verliert das Interesse in Redaktionen an Thermik. Wie der Journalismus es schaffen kann, dass die Klimaberichterstattung nicht vollends erkaltet und was sich für andere Dauerbrennerthemen lernen lässt.

Manchen Chefredakteuren müsste die folgende Erhebung peinlich sein. Sie behaupteten einst, die Klima-Story sei die wichtigste unserer Zeit. Doch seit 2021 haben Redaktionen die Klimaberichterstattung weltweit um 38 Prozent reduziert.

Dies berichtet das Media and Climate Change Observatory (University of Colorado). Das Institut erhebt diese Daten seit 22 Jahren und verfügt damit über eine fundierte Basis.

Nun gut, mag manch einer argumentieren, die Menge sagt noch nichts über die Qualität aus. Hatten Experten einem nicht stets geraten, man solle dem Publikum weniger und dafür eindrucksvollere Stücke bieten? Als Autorin des 2023 erschienenen Reports Climate Journalism That Works habe ich häufig Ähnliches empfohlen. Wer diese Regel beherzigt, ist hier nicht gemeint. Fakt ist jedoch: Journalisten müssen ihre Kapazitäten heute auf zu viele Krisen verteilen. In vielen Häusern leidet das Klimathema schon allein wegen der Personalnot. Bei Medien wie der Washington Post und den großen amerikanischen TV-Sendern kommen politische Erwägungen hinzu. Man hat den Klimajournalismus zwar nicht abgeschafft, ihn aber ins Abseits gedrängt. Auch Geldgeber und damit Forschungseinrichtungen ziehen sich zurück. So hat das Reuters Institute for the Study of Journalism sein Trainings- und Netzwerk-Programm Oxford Climate Journalism Network Ende 2025 eingestellt.

Währenddessen bereitet die UN die Menschen auf eine vom El-Niño-Effekt verstärkte Rekord-Hitzeperiode vor. Die World Meteorological Organization (WMO) warnte Ende März, das Klima gerate zunehmend aus den Fugen. Das World Economic Forum (WEF) nennt klimabedingte Effekte ganz oben auf seiner Skala der globalen Risiken. Und bei einem Großteil der Weltbevölkerung ist die Bedrohungslage ohnehin längst angekommen. Das gilt sogar für das Energieverbraucher-Kernland USA, wie das Yale Center for Climate Change Communication regelmäßig erhebt.

Was heißt das für den Journalismus? Ist es Zeit für eine große Empörungsrede? Oder machen Redaktionen doch etwas richtig? Jedenfalls können die Medien von den Wellen der Klimaberichterstattung etwas für andere Dauerbrennerthemen lernen, wie sie sich mit Ukraine und Nahost bereits manifestiert haben. 

Erstens: Zunächst darf man loben 

Das mag diejenigen überraschen, die hier eine Tirade erwarten. Die meisten Menschen bringen extreme Wetterlagen heute mit dem Klimawandel in Verbindung. Ob das im Einzelfall stimmt, sei dahingestellt. Dieses Bewusstsein ist jedoch das Verdienst regelmäßiger Berichterstattung. Selbst wenn diese mal mehr und mal weniger intensiv ist: den Effekt der Aufklärung hat sie in vielen Regionen der Erde erzielt. Es kann deshalb der paradoxe Effekt einsetzen, dass Nutzer weiterscrollen, wenn sie irgendwo „Klima“ lesen. Das ist weniger Ignoranz als der „Ich weiß das doch“-Effekt. Ein Beispiel vom Guardian: Laut CEO Anna Bateson begründen Leser ihre freiwilligen Zahlungen oft damit, dass sie auch anderen den kostenfreien Zugang zur Klimaberichterstattung ermöglichen wollen.

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