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Weßling: Ausstellung „Email – Schutz und Schmuck aus Glas“ – Starnberg | ABC-Z

Erich Rüba bleibt vor einer Vitrine stehen. Darin steht ein kleiner Emailbrennofen aus den späten 1960er-Jahren. „Der lag mit dem Bastelzubehör im Speicher einer Weßlingerin“, erklärt der Ortshistoriker. Die Kiste voller Erinnerungen an die Do-it-yourself-Zeit der 1970er-Jahre brachte Mima Werner-Hildebrandt nach seinem Aufruf in die Gemeindegalerie. Mit im Karton waren bunte Armbänder und Kupfer-Rohlinge, die sie damals mit einer Freundin emaillierte. Dazu lief „Eloise“, der Barry-Ryan-Hit von 1968 in Endlosschleife, erfahren die Besucher der Ausstellung „Email – Schutz und Schmuck aus Glas“. Die Schälchen, Ringe und Manschettenknöpfe sind eine Art Zeitkapsel. Sie wirken auf den ersten Blick unbedeutend, doch für Kurator Rüba erzählen sie authentisch vom Alltag früherer Zeiten. „Sie zeigen: Emaille ist damals wie heute relevant. Das macht die Ausstellung nahbar.“

Der 71-Jährige sammelt seit Jahren alles, was an frühere Zeiten erinnert und mit Weßling (Kreis Starnberg) zu tun hat. Er hat ein Auge für Dinge, die andere wegwerfen und interessiert sich für die Geschichten dahinter. Irgendwann fiel ihm auf, dass seine Sammlung viele Objekte mit Emaille enthält, diesem robusten Überzug aus geschmolzenem Glas, der sich bei rund 800 Grad Celsius dauerhaft mit Metall verbindet. Die Farben stammen aus Metalloxiden: Kobalt für Blau, Kupfer für Grün, Eisen für Rot. Emaille ist hart, korrosionsfest und lebensmittelecht, deswegen taucht sie überall auf: in der Küche, auf Schildern, in Schmuckstücken und sogar in technischen Geräten.

„Was fällt dir zu Emaille ein?“, fragte er Olaf Nie, ebenfalls Sammler und Weßlinger. „Ich habe eine Viertelstunde nicht mehr aufgehört zu reden“, erinnert sich dieser, denn auch in seinem Fundus liegen etliche Emaille-Schätze. So entstand die Idee zur Ausstellung. Und die Weßlinger machten mit: Sie brachten, was ihnen wichtig erschien: Töpfe, Schmuck, Teeservices, sogar den Bundesverdienstorden mit Emaille-Schicht des Weßlinger Bundestagsabgeordneten Anton Besold. Ein Foto zeigt ihn 1960 an der Seite von Konrad Adenauer.

Wer verstehen will, warum Emaille so vertraut ist, braucht nur einen Blick in die nachgebaute Küche von anno dazumal zu werfen: Dort steht ein emaillierter Holzofen. An der Wand hängen blaue, weiße und rote Schöpfkellen. Auf einem Brotkasten steht „Unser tägliches Brot gib uns heute“. „Da werden Erinnerungen wach und die Besucher kommen miteinander ins Gespräch“, sagt Rüba.

Olaf Nie und Erich Rüba (von links) sind leidenschaftliche Sammler mit einem ganz persönlichen Bezug zum Emaille.Nie zeigt das farbenfrohe Geschäftsschild, das er in den 1990er-Jahren für seine Buchbinderei vom Künstler Moritz Götze anfertigen ließ, Rüba das Erbhofschild seiner Familie, das seine Mutter auf der Flucht nach dem Krieg rettete.
Olaf Nie und Erich Rüba (von links) sind leidenschaftliche Sammler mit einem ganz persönlichen Bezug zum Emaille.Nie zeigt das farbenfrohe Geschäftsschild, das er in den 1990er-Jahren für seine Buchbinderei vom Künstler Moritz Götze anfertigen ließ, Rüba das Erbhofschild seiner Familie, das seine Mutter auf der Flucht nach dem Krieg rettete. (Foto: Arlet Ulfers)

Zwischen das Kücheninventar haben Rüba und Nie Kunst gestellt – unaufdringlich, fast schon beiläufig und darum wirkungsvoll. „Manche Zeitgenossen haben fast schon mehr Angst vor Kunst als vor jeder Arztpraxis“, sagt Nie. In der Ausstellung zeigt sich hingegen, wie nah Kunst und Alltag sind. „Zwischen dem Gewöhnlichen und dem Delikaten liegt oft nur ein kleiner Schritt.“ Eine filigrane Tänzerin steht in ihrer Vitrine. Es ist eine schmale Figur aus Kupferblech, fast wie ein Scherenschnitt, doch dreidimensional. Ihr rotes Ballett-Tutu ist emailliert und wirkt, als schwebe es. „Ein wirklicher Könner hat das gemacht“, lobt Nie den Flohmarktfund.

In einem anderen Schaukasten sieht man die Herstellungsschritte einer Vase in Zellenschmelztechnik: Kupferrohling, aufgelötete Stege, drei Emaille-Schichten, vergoldete Oberfläche. Nie ist besonders von den Objekten mit transluzider Emaille fasziniert. Er zieht ein Zigarettenetui hervor und dreht es im Licht, sodass man seine schillernde Tiefe sieht. Ein richtiger Hingucker ist das Sortiment emaillierter Anstecker, von der Brosche mit der Marsupilami-Comic-Figur bis zur „Angel“-Miniatur nach Keith Haring.

Wie verbreitet Emaille früher war, zeigt die Küche mit Ofen, Schüsseln, Töpfen und anderen Utensilien aus dem robusten und lebensmittelechten Werkstoff.
Wie verbreitet Emaille früher war, zeigt die Küche mit Ofen, Schüsseln, Töpfen und anderen Utensilien aus dem robusten und lebensmittelechten Werkstoff. (Foto: Arlet Ulfers)
Dass Emaille auch weniger profanen Gegenständen Glanz verleiht, zeigt das Große Verdienstkreuz, das der Weßlinger Bundestagsabgeordnete Anton Besold Großes 1969 von Bundeskanzler Konrad Adenauer verliehen bekam.
Dass Emaille auch weniger profanen Gegenständen Glanz verleiht, zeigt das Große Verdienstkreuz, das der Weßlinger Bundestagsabgeordnete Anton Besold Großes 1969 von Bundeskanzler Konrad Adenauer verliehen bekam. (Foto: Arlet Ulfers)
Edle Akzente setzt die Streu-Emaille auf Kupfer und vergoldet auch bei dieser Schüssel.
Edle Akzente setzt die Streu-Emaille auf Kupfer und vergoldet auch bei dieser Schüssel. (Foto: Arlet Ulfers)

Rübas Emaille hält die Erinnerung an die Geschichte des Ortes und seiner Bewohner wach. Das Erbhofschild der Familie Rüba liegt in einer Vitrine. Maria Rüba rettete es 1949 auf der Flucht. In ihrem Tagebuch notierte sie: „Ohne Heimat, ohne Geld, ohne Arbeit – mit nichts (…) Familie Reglauer in Oberpfaffenhofen nahm uns auf. Die ersten Tage schliefen wir auf dem Fußboden.“ Das Schild bedeutete seiner Mutter viel, erzählt Rüba. Im Nebenraum hängt das farbenfrohe Geschäftsschild, das Olaf Nie in den 1990er-Jahren für seine Buchbinderei vom Künstler Moritz Götze anfertigen ließ. Es ist ein modernes Gegenstück zu Rübas Familiengeschichte, ebenfalls emailliert und genauso haltbar.

Dazwischen liegen Schilder mit Gebrauchsspuren: Das Werbeschild der „Gräflich Törring’schen Brauerei Seefeld – Inning“, fand Rüba vor dem Abbruch beim Entrümpeln der alten Kegelbahn im ehemaligen Wirtsgarten in Hochstadt. Das Ortsschild „Oberpfaffenhofen, Ortsteil Weichselbaum“ erinnert an die Zeit vor der Gebietsreform. Jede Tafel erzählt ein Stück Dorfgeschichte, konserviert in Glas auf Metall. Auch das Schild mit dem bayerischen Wappen gehört dazu: „Wohnung des 1. Bürgermeisters“. Es hing am Haus von Alfons Schönwetter, der von 1960 bis 1975 im Amt war. Die katholische Filialkirchenstiftung brachte einen goldenen Kelch mit grün emailliertem Weinlaubdekor und ein prunkvoll besticktes Messgewand mit emaillierter Schließe.

Es gibt auch Kurioses: Unter Glas liegen Schilder aus einem alten Eilzug: „Zur Toilette“ und „Bitte verriegeln, sonst außen frei“. Wer sie mitgehen ließ, verrät Rüba nicht. Nur soviel: „Ich war’s nicht.“

Die Ausstellung lädt ein, daheim weiterzusuchen: Tortenform, Ziffernblatt, eine Hausnummer, ein alter Topf … plötzlich merkt man, wie oft Emaille im Alltag auftaucht.

Die Ausstellung „Email – Schutz und Schmuck aus Glas“ ist bis zum 6. April 2026 freitags und sonntags von 14 bis 17 Uhr geöffnet. Die Gemeindegalerie liegt in der Hauptstraße 57, wenige Schritte vom Weßlinger See entfernt.

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