Gibt es zu viele ADHS-Diagnosen bei Jungen? |ABC-Z

Zurzeit ist mein Enkel mit meiner Tochter zu Besuch bei mir. Wer diese Kolumne regelmäßig liest, weiß: Ich bin gerne Opa, und wenn mein Enkel da ist, dann ist er der Chef, und Opa ist schwer beschäftigt. Mein Enkel ist fast drei Jahre alt, und wie jeder Opa finde ich ihn einfach nur wunderbar. Er wirbelt durch die Wohnung und bringt mein Leben ganz schön durcheinander, aber ich liebe es.
So, genug geschwärmt. Warum erzähle ich Ihnen das? Weil ich in der Zeit, in der mein Enkel da ist, natürlich auch viele Kinder beobachte – auf Spielplätzen, in Parks, bei Nachbarn. Und ich bin da ganz klar: Natürlich gibt es einen Unterschied zwischen Jungen und Mädchen. Ich muss nur die Zeit, die ich als Papa früher mit meiner Tochter verbracht habe, und die Zeit heute mit meinem kleinen Enkel vergleichen. Mein Enkel bewegt sich am liebsten die ganze Zeit. Er ist nur am Rennen und Klettern. Bilder malen, zeichnen, basteln – das alles ist nicht sein Ding. Zu lange ruhig dasitzen und zuhören – dann kribbelt es ihm in den Beinen. Bei meiner Tochter war das anders.
Ich erlebe aber zunehmend, dass man diese Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen nicht mehr akzeptiert. Viel zu schnell wird im Kindergarten oder in anderen Betreuungseinrichtungen gesagt: „Oh, dieses Kind ist bestimmt hyperaktiv, der hat Konzentrationsschwierigkeiten.“ Diese vermeintlichen Diagnosen treffen viel häufiger Jungs als Mädchen.
Die Standarddiagnose: ADHS
In der Schule wird es noch schlimmer. Jungs, die eingeschult werden und dann nicht so angepasst und ruhig sind wie andere Kinder, werden schnell in eine Schublade geschoben. Wie schnell das passiert, hängt auch von der Geduld der Lehrerin und des Lehrers ab. In der Grundschule arbeiten vor allem Lehrerinnen – können sie nachvollziehen, wie Jungs sich fühlen? Manchmal zweifle ich daran. Immer häufiger bekomme ich erzählt, dass Kinder doch bitte mal zum Schulpsychologen gehen sollen. Die Standarddiagnose dann: ADHS!
Es gibt keine Laborparameter oder Ähnliches, um diese Diagnose objektiv zu sichern oder zu bestätigen. Die Diagnose wird mittels Tests und Beobachtungen von Lehrern, Eltern und Psychologen gestellt. Die Einschätzung hängt natürlich oft auch von subjektiven Eindrücken ab.
Neulich las ich von einer Studie, nach der als Ergebnis dieser klinischen Einschätzung fast 80 Prozent der Jungen und Männer ADHS haben sollen. Das kann natürlich nicht sein; die Prävalenz von ADHS liegt bei Kindern und Jugendlichen nach wissenschaftlichen Zahlen bei fünf bis acht Prozent.
Das Kind soll „besser funktionieren“
Eine Überdiagnostik macht Eltern nervös und unsicher. Sie wollen dann oft auch Medikamente, damit ihr Kind „besser funktioniert“. Die Menge Ritalin, die verschrieben wird, hat sich von 2000 bis 2014 fast verdreifacht. Ich gehe fest davon aus, dass die Zahl weiter steigt.
Auch in unserer Praxis nimmt die Zahl der Patienten mit der Diagnose ADHS zu. Mehr als 80 Prozent davon sind Jungen und Männer.
Ich würde mich für meinen Enkel und alle Jungen freuen, wenn sie in der Schule Lehrerinnen und Lehrer treffen, die genügend Geduld für sie aufbringen und auch die besondere Situation als Jungen berücksichtigen.
Wichtig sind natürlich auch Eltern, die in dieser herausfordernden Zeit einen kühlen Kopf bewahren. Wenn nicht, befürchte ich, dass es einer ganzen Generation von Jungs ähnlich ergeht wie uns beim ESC: „Germany: zero points“.
Aber ich hoffe natürlich das Beste – gerade für meinen famosen Enkel. So, glaube ich, denken alle Großeltern!
Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, eine gute Woche mit voller Punktzahl – Ihr Landarzt.
Dr. Thomas Aßmann, 62 Jahre alt und Internist, hat eine Praxis im Bergischen Land. Er schreibt hier alle 14 Tage in der F.A.S.





















