Warum viele englische und amerikanische Popstars nur in Deutschland Erfolg haben – Kultur | ABC-Z

Hans-Eberhard Blume war auch dabei, Chef der Plattenfirma Hansa, die unter anderem Boney M., Modern Talking und Milli Vanilli in die Welt gebracht hatte, die deutschen Exportknaller. Norman, der Brite, war in den Siebzigern wiederum mit der Band Smokie ein Bravo-Titelheld gewesen. Nun hatte Hausproduzent Bohlen neue Songs für ihn geschrieben, zum Beispiel „Broken Heroes“, im Stil von „Midnight Lady“, mit dem Norman und Bohlen 1986 sechs Wochen lang Nummer eins gewesen waren.
Sie spielten Chris Norman das Demo vor. „Das wird ein Hit, oder?“, sagte Blume fröhlich. Norman antwortete: „I think it’s crap.“ Was Dieter Bohlen nervös machte, denn er verstand das Wort nicht. „Was hat Chris gesagt?“, fragte er. „Ääh“, sagte Blum, „er findet es scheiße.“ Am Ende sang Norman „Broken Heroes“ trotzdem. Es wurde der Titelsong im nächsten Schimanski-„Tatort“, Platz drei der Charts, doch ein Hit. Weil der Song vielleicht nicht ganz so crap war. Oder gerade weil er es war und ihn deshalb alle gleich kapierten. In Normans Heimat England ist „Broken Heroes“ nie erschienen.
Macht ihn das nicht traurig? Dass er in Deutschland zwar heute noch Erfolg hat, aber zu Hause längst keine Rolle mehr spielt? „Ja“, sagt Chris Norman. „Ab und zu macht mich das traurig.“
Es steckt auch ein Bekenntnis darin, ökonomisch und kulturell: speziell zum deutschen Hinterland
Mit 75 sieht er noch bestens einsatzfähig aus, ganz in Schwarz, schlank, Piratenhaare. „Aber ich werde sicher nicht mehr losziehen und für zehn Kröten pro Abend in kleinen Läden spielen, um England zu erobern. Zumindest dafür bin ich wirklich zu alt.“ Er hat es auch nicht nötig. Im Mai 2026 startet Norman die nächste große Tour, spielt in Irland und Nordirland. 18 Konzerte wird er in Deutschland und Österreich geben, vor allem große Hallen. Aber auch auf Festivals in Singen oder Schopfheim. Keine Show in England, nicht eine.
Es steckt auch ein Bekenntnis darin, ökonomisch und kulturell: zur Pop-Provinz Deutschland als Ganzes. Und speziell zum deutschen Hinterland, wie es sonst nur von Schlagerstars, Hobbyrockern oder Bob Dylan kommt. Auch Suzi Quatro, die Lederdiva des britischen Glamrock, wird diesen Sommer in Thale, Grosheubach und auf Burg Creuzburg bei Eisenach auftreten. Sie spielt zwar auch in England und Australien, aber Deutschland ist bei ihr der klare Fokus. Die Menschen in Limburg, Kulmbach und Würselen, die früher auf den Garnituren klatschten, wenn Chris de Burgh bei „Wetten, dass ..?“ von Thomas Gottschalk als „unser alter Freund“ angekündigt wurde: Sie können den inzwischen tatsächlich alten Iren im Juli live sehen. De Burghs letztes Album verfehlte in allen englischsprachigen Ländern die Charts. In Deutschland kam es in die Top Ten, wie 16 seiner letzten 18 Platten.
Harry Styles tritt nicht in Deutschland auf, für Bonnie Tyler ist es weiter wirtschaftlich darstellbar und wohl auch nötig
Man kennt das als kurioses Phänomen, und meist gibt es nur Spott dafür: Wenn die besten Tage vorbei sind, wenn in den coolen Heimatländern keiner mehr nach ihnen kräht – dann können die Stars immer noch in Deutschland spielen. Für Oldiefreunde an der Mosel, Bravo-Sammlerinnen aus Eimsbüttel, Rock-Rentner aus dem Jagsttal. Schaltet man aber für einen Moment die Arroganz aus, sieht das Ganze plötzlich wie ein immenses popkulturelles Empowerment aus. Zugespitzt: Während ein heißer Typ wie Harry Styles derzeit gar nicht in Deutschland auftritt, ist es für Bonnie Tyler weiter wirtschaftlich darstellbar (und wohl auch nötig), zu den Leuten in Wunsiedel und Zwickau zu kommen. Und Deep Purple spielen in Mönchengladbach und Ulm.
Die Symptome einer sogenannten Leitkultur sucht man sonst ja eher im Volkstümlichen, in den regionalen Bieranstichen. Doch wenn es so etwas wie einen typisch deutschen Geschmack geben sollte, womöglich ein typisch deutsches Wesen: Vielleicht kann man es noch kontrastreicher daran ablesen, welche britischen oder amerikanischen Stars wir mehr lieben, als die Briten und Amerikaner es je taten.
Um der Sache auf die Spur zu kommen, muss man nach Kruft fahren, 20 Autominuten von Koblenz, knapp 5000 Einwohner, Feuerwehr und Fahrschule, Sievert Baustoffe als lokaler Arbeitgeber. Seelenruhe. Und das Studio 61, eine Entertainmentfirma, die der Produzent Christian Geller hier 2023 eröffnet hat. Am Empfang hängen Goldplatten von den No Angels, Giovanni Zarrella und Heino, in der Ecke ein Thomas-Anders-Porträt aus Lego. Anders hat es Geller zum 50. Geburtstag geschenkt. Oben links sieht man, wie er versucht hat, es zu signieren. Es ging nicht so richtig, wegen der Puzzlesteine.
Redet man mit Christian Geller über den typisch deutschen Popgeschmack, erzählt er von Zielgruppen, Konzepten und Kanälen. „Ein Chris Norman, der immer noch ,Living Next Door To Alice‘ singen würde, hätte heute keine Chance mehr“, sagt er. „Er ist immer mit dem Zeitgeist gegangen, ohne dabei die Authentizität zu verlieren.“
:„Normalerweise ist man in so einem Moment ja ein absoluter Scheißemagnet“
Jan Delay und Benjamin von Stuckrad-Barre, Deutschlands größte Lindenberg-Fans, über 80 Jahre Udo, „meterlange Schecks“, die Entwertung der Musik, Entenhausen und die restliche Welt.
Geller hat Normans neues Album „Lifelines“ produziert, und mit Zeitgeist meint er unter anderem, dass sie für das Video zum Titelsong alte Fotos mit KI animiert haben. „Living Next Door To Alice“ singt Chris Norman im Konzert natürlich immer noch, sonst würden ihm die Leute aufs Dach steigen. Fast hätten sie für die Platte sogar „Stumblin’ In“ neu aufgenommen, sein versextes Duett mit Suzi Quatro von 1978. Zuletzt war es wieder in Filmen und Serien aufgetaucht, Helene Fischer und Florian Silbereisen haben es gecovert. Norman und Geller ließen es dann sein, weil sie keine passende Co-Sängerin fanden.
1975, als Smokie zum ersten Mal nach Deutschland kamen, blieben sie gleich für sieben Wochen, erzählt Norman, nebenan im Regieraum. „Wir haben zwischen 35 und 40 Konzerte gespielt, alle in kleineren Hallen“, sagt er. „Als wir bei der nächsten Tour dann in den Großstädten auftraten, kamen die Leute alle wieder. Sie erinnerten sich an uns. So intensiv haben wir England nie bearbeitet.“
1976 trat Smokie sogar in Thüringen auf. „Die Melodien ihrer Lieder gehen ins Ohr“, fand das DDR-Fernsehen
Im Mai 1976 traten Smokie in Thüringen auf, in der Turnhalle der Ernst-Thälmann-Oberschule Sondershausen. „Die Melodien ihrer Lieder gehen ins Ohr, ohne auf Volldampf-Beatniveau herabzusteigen“, kommentierte der Sprecher im DDR-Fernsehen. Er ahnte nicht, wie gut er dabei den Punkt traf.
„Das deutsche Publikum liebt eingängige Lieder zum Mitsingen, und davon hatten wir viele“, sagt Chris Norman. „Britische Fans können oft ein bisschen blasiert sein: ,Zeigt mal, was ihr könnt!‘ Die Deutschen wollen sich lieber gleich amüsieren.“ Zuletzt sah man in den sozialen Medien immer wieder Videos verstörter Amerikaner, die dokumentierten, mit welchem Überschwang bei deutschen Sport- und Bierfesten „Sweet Caroline“ von Neil Diamond gesungen wird. Was freilich im hochkanten Gegensatz zur alten Zuschreibung steht, die schwarze Romantik, das Raunen des Erlkönigs und der Takt der Maschinen und Marschstiefel hätten den deutschen Kunstsinn geprägt. Vielleicht sind es auch nur verschiedene Amplituden desselben Pendels.
„Wir hatten riesiges Glück“, sagte John Lees von Barclay James Harvest 2016 in einem Interview. Zu Hause in England sei die Progrock-Band Mitte der Siebziger über Nacht abgemeldet gewesen, als der Punk kam. „Die Deutschen mochten Punk und New Wave nie so richtig. Also haben wir unsere Aktivitäten im großen Stil zu ihnen verlegt.“ Gern hätte man mit den Konzertveranstaltern von heute darüber gesprochen, warum es sich weiter so gut lohnt, Suzi Quatro, Uriah Heep, Barclay James Harvest, Chris Norman durch deutsche Städte zu schicken. Doch keine Agentur will etwas dazu sagen.
Der Einzige, der eine Kurzdiagnose wagen will, ist Max Vaccaro. Vaccaro, gebürtig aus Mailand, leitet das Hamburger Musiklabel earMusic, bei dem viele alte Helden untergekommen sind: unter anderem Alice Cooper, Marillion und Deep Purple. „In der britischen Popkultur spielt das Ideal der Jugendlichkeit eine viel größere Rolle als hier“, sagt also Vaccaro. „Wenn ein Deutscher in den Siebzigern Deep Purple liebte, noch am Leben und bei guter Gesundheit ist, liebt er sie wahrscheinlich noch immer. Er bleibt ihnen treu. Leute in England sagen stattdessen: ,Ja, früher mochte ich sie. Aber ich gehe nicht mehr auf Konzerte, höre kaum noch Musik, und was ist bitteschön Spotify?‘“ Allerdings, ergänzt Vaccaro, beginne sich das mit den nachrückenden Generationen gerade zu ändern.
Für viele Veteranen gibt es schlicht keine Alternative mehr zum langen Marsch durch die deutsche Pop-Provinz
Für viele Veteranen gebe es schlicht keine Alternative mehr zum langen Marsch durch die deutsche Provinz, da solle man sich nichts vormachen. „Aber man darf auch nicht vergessen, dass Deutschland und sein Musikmarkt in den 60er- und 70er-Jahren für viele britische und amerikanische Bands ein Paradies waren“, sagt Vaccaro. Deshalb kämen sie gerne zurück. „Wenn man mit Deep Purple in Deutschland unterwegs ist, sieht man ihnen an: Sie fühlen sich plötzlich wieder jung. Sie haben so viele gute Erinnerungen.“ Unter anderem an ein Land, in dem man im Zweifel lauter fluchen darf als anderswo.
Es ist nur ein Nebenaspekt, aber man soll ihn nicht vergessen: Auch Frank Zappa hatte den größten Hit seines Lebens im deutschsprachigen Raum. Mit „Bobby Brown“, dem Ohrwurm über sadomasochistische Sexpraktiken, das den ganzen deutschen Sommer 1979 unschuldig im Radio lief. Weil niemand wusste, was „dick“, „butt“ und „bitch“ hieß. Ein Land, das die schönsten Schweinereien oft erst ganz zum Schluss versteht. Wer würde hier nicht gern singen und spielen wollen?





















