Warum man am Straßenrand ein Psychogramm Berlins findet | ABC-Z

Was mich als Kind fasziniert hat, war die Geschichte von Pompeji. Und da wiederum, wie die Menschen dort lebten. Die Vulkanasche des Vesuv hatte ja nicht nur Tausenden Menschen das Leben genommen. Sie konservierte Häuser, Straßen und Tempel mitten im Alltag in einer vergangenen Zeit vor knapp 2000 Jahren.
Die Ausgrabungen erzählten ganz anders über jene Zeit, die laut Latein-Buch nur aus Kriegen, Helden und Göttern bestanden hatte. In Pompeji erfuhr man, dass auch zu Jesu Zeiten die Menschen nicht nur bei Gelagen aßen und tranken, sondern auch normal am Küchentisch. Dass sie nicht nur kämpften, sondern auch wohnten. Mit Kindern, Haustieren und Bildern an der Wand.
Das Thema kam vor einigen Jahren wieder auf, als vor den Toren der historischen Stadt historischer Müll an unerwarteter Stelle entdeckt wurde. Archäologen stießen auf massenhaft Tierknochen, zerbrochene Krüge und Bauschutt auf Friedhöfen vor den Toren Pompejis. Was heute wirkt wie eine besonders pietätlose Form der Entsorgung, sei damals üblich gewesen, so die Wissenschaftler. In Pompeji gab es keine Müllkippen. Ganz zu schweigen von Mülltrennung oder Sperrmüll-Kieztagen.
Was werden Archäologen einst aus dem Müll der Hauptstadtbewohner schließen?
Wenn Sie jetzt sagen: Moment, so weit sind wir in Berlin noch nicht, dass Müll auf Friedhöfen entsorgt wird! Dann sage ich Ihnen: Ja. Ich hoffe zumindest, dass es so ist. Andererseits reicht aktuell ein Spaziergang, um ins Grübeln zu kommen.
Was werden Archäologen einst aus dem Müll der Hauptstadtbewohner schließen? Ich glaube, einiges kann man aus den Ablagerungen an Berlins Straßenrändern, Gleisen und Ufern durchaus vorhersagen. Wer aus der Ringbahn aus dem Fenster schaut, sieht: Das Problem betrifft ganz Berlin. Packungen, Becher, Tüten, wohin das Auge reicht. Wissenschaftler haben festgestellt: Nicht nur Müll in den Meeren der Welt besteht vorwiegend aus Plastik, sondern auch in den Berliner Gewässern. Etwa zwei Drittel des in Berlin gefundenen Mülls waren übrigens Lebensmittelverpackungen. Essen am Küchentisch wie in Pompeji? Nicht in Berlin.
Müll als Zeichen dafür, dass Berlin auch Menschen in schwierigen Umständen Platz bietet
Vermüllte Brache an der Modersohnbrücke in Friedrichshain.
© BM | Uta Keseling
Eine andere Erzählung bieten Müllhaufen unter Brücken und auf Brachen. In Friedrichshain wächst aktuell nahe dem Party-Gelände der Revaler Straße ein skurriles Ensemble. Verkehrsschilder stecken zwischen Plastiktonnen, einer Fahne, Masken, Fahrradteilen und allerlei Kram.
Die Idee, Weggeworfenes zur Kunst zu erklären, ist ja nicht neu. Die Vermutung, dass es sich hier um die Sammlung von Obdachlosen handelt, liegt nahe. So widerlich der Haufen ist: Orte wie diese sagen auch etwas über Berlin aus. Als Stadt, die auch für Menschen in schwierigen Umständen Platz bietet. Ob aus Rücksicht oder Schlamperei, sei dahingestellt.
In Neukölln ließ der Bezirk gerade einen ganzen Platz sperren wegen Rattenbefalls. Ursache: Müll. Am Reuterplatz wurden offenbar nicht nur Essensverpackungen weggeworfen, sondern auch der Inhalt. Überfluss könnte ein weiteres Thema künftiger (Sozial-)Forscher sein, die sich mit Berlin befassen.



Drittes interessantes Forschungsgebiet könnte der Sperrmüll sein. In Berlin ist es ja üblich, seine alten Möbel einfach an den Straßenrand zu stellen. Und auch hier gilt: Das passiert in der gesamten Stadt.
Rund zehn Millionen Euro gibt das Land pro Jahr für die Entsorgung von illegalem Müll aus. Das Thema beschäftigt seit Langem Politik, Ämter und Behörden. Leider bisher weithin folgenlos, trotz inzwischen drakonischer Strafen von bis zu 100.000 Euro für Müllsünder. Auch wenn das Thema aktuell im anstehenden Wahlkampf wieder hochkommt, befürchte ich: Viel ändern wird sich nicht.
Morgenpost der Chefredaktion
Die ersten News des Tages – direkt von der Chefredaktion. Montag bis Samstag um 6:30 Uhr.
Morgenpost der Chefredaktion
Die ersten News des Tages – direkt von der Chefredaktion. Montag bis Samstag um 6:30 Uhr.
Werbevereinbarung
zu.
Vielleicht finden die Wissenschaftler der Zukunft ja wenigstens heraus, was genau die Berliner zu unseren Zeiten dazu getrieben hat, den eigenen Müll zuerst auf die Straße zu stellen – und danach einfach großzügig darüber hinwegzusehen. Im Zweifelsfall werden die eigenen Hinterlassenschaften sogar noch als „Geschenk“ an die Nachbarn deklariert, in Form von „Geschenkeboxen“ mit Schrott. Wenn ich ehrlich sein soll: Dieses Verhalten finde ich nicht weniger abseitig als die Müllentsorgung auf Friedhöfen.
Die Kolumne „Stadtflucht“: Hier schreibt Morgenpost-Redakteurin Uta Keseling über die Merkwürdigkeiten des Alltags in Berlin und manchmal auch auf dem Land.





















