Warum Donald Trump Irans Öl-Herz ins Visier nimmt | ABC-Z

Zwei Wochen nach Beginn des amerikanisch-israelischen Krieges gegen den Iran hat sich die See-Straße von Hormus als Teherans wirksamstes Druckmittel entpuppt. Die Islamischen Revolutionsgarden bedrohen und beschießen die für den Welthandel enorm wichtige Meerenge. Viele Reedereien machen einen Bogen um die Passage, was den Ölpreis weltweit rasant in die Höhe getrieben hat. Donald Trump kontert seit Freitagabend – mit den nach seinen Worten „heftigsten Luftangriffen in der Geschichte des Nahen Ostens“.
Das US-Militär hat nach Worten des US-Präsidenten die für Teheran zentral wichtige Insel Kharg im Persischen Golf, über die das Mullah-Regime einen Großteil seiner Öl-Exporte abwickelt, bombardiert. Trump nennt die Insel Kharg das „Kronjuwel” Teherans, auf der nun „jedes militärische Ziel vollständig ausgelöscht” sei. „Aus Gründen der Anständigkeit“, so Trump, sei die Ölinfrastruktur auf dem nur wenige Kilometer breiten Eiland verschont worden; jedenfalls vorläufig.
Sollte der Iran oder „jemand anderes“ weiterhin die „freie und sichere Durchfahrt von Schiffen“ durch die Straße von Hormus behindern, werde er diese Entscheidung „sofort überdenken“. Das klingt nicht wie eine beiläufige Formulierung, sondern wie ein Ultimatum in der Sprache eines Mannes, der den wirtschaftlichen Nerv seines Gegners jetzt mit zwei Fingern umfasst, aber noch nicht ganz zudrückt.
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Insel Kharg: Trump nimmt das Herz der iranischen Ölexporte ins Visier
Kharg ist für den Iran weit mehr als eine Insel. Über die einst von Shell gebauten Terminals dort, die mit Pipelines auf dem Festland verbunden sind, laufen nach Regierungsangaben rund 90 Prozent der iranischen Ölausfuhren. Die Insel sammelt das Öl aus den großen Feldern im Landesinneren, verfügt über enorme Speicherkapazität, kann am Tag bis zu neun Mega-Tanker gleichzeitig befüllen und blieb selbst im Tankerkrieg der 80er Jahre trotz Attacken im Kern funktionsfähig. Die 112. Zolfaghar-Küstenkampfbrigade, die mit Schnellbooten, Schiffsabwehrraketen und Seeminen ausgerüstet ist, bewacht das Ganze.
Die Öl-Terminals auf Kharg blieben bisher verschont von US-Angriffen. Trump droht aber damit, wenn Teheran nicht die Straße von Hormus freigibt.
© picture alliance / AA | Fatemeh Bahrami
Genau deshalb ist die US-Aktion so bedeutsam: Trump hat nicht irgendein Ziel bombardieren lassen, sondern das Herz der iranischen Exportmaschine markiert, ohne es zu zerstören. Seine Botschaft lautet: Wir können euch finanziell ruinieren, wir tun es nur noch nicht. Gerade diese demonstrative Zurückhaltung macht den Schlag politisch so aufgeladen.

Der Angriff ist auch innenpolitisches Theater
Trumps Motiv ist doppelt. Nach außen soll der Angriff Teheran zwingen, die Hormus-Blockade aufzugeben, ohne dass Washington sofort selbst die weltwirtschaftliche Atombombe zündet. Denn ein direkter Schlag gegen Tanks, Leitungen und Verladeeinrichtungen auf Kharg würde nach Einschätzung von Experten der Bank JPMorgan den Großteil von Irans Rohölexporten abrupt stoppen und wahrscheinlich schwere Vergeltung in Hormus und gegen Energieanlagen der Anrainer-Staaten auslösen.

Diese von der Nasa erstellte Satellitenaufnahme zeigt die Straße von Hormus, die den Golf von Oman (links) mit dem Persischen Golf (rechts) verbindet. Knapp zwei Wochen nach Beginn des Kriegs im Iran zeichnet sich an der wichtigen Ölroute durch die Straße von Hormus keine Entspannung ab.
© -/NASA/dpa | –
Nach innen, wo der Wahlkampf für die US-Kongresswahlen im November anläuft und der Iran-Krieg herzlich unbeliebt ist, versucht Trump zugleich zu zeigen, dass er nicht tatenlos zusieht, während die Benzinpreise in nur zwei Wochen um rund einen Dollar pro Gallone gestiegen sind. Kharg ist deshalb auch innenpolitisches Theater: Stärke zeigen, ohne die Preislawine vollends loszutreten.
Bemerkenswert ist dabei, wie unscharf die operative Lage weiter bleibt. Verteidigungsminister Pete Hegseth sagte am Freitagmorgen, es gebe „keine klaren Beweise“, dass Iran die Meerenge von Hormus vermint habe. Tatsache ist, dass der Tanker-Verkehr bis auf wenige von Iran geduldete Ausnahmen, dort faktisch zum Erliegen gekommen ist, und Trump selbst ankündigte, die US-Marine werde „bald“ Öl-Tankern Geleitschutz geben.

Die Wirtschaftswaffe Hormus wirkt
Washington weiß also, dass die Wirtschaftswaffe Hormus wirkt – ob durch Minen, Angriffe, Drohkulisse oder Versicherungsangst –, hat aber die sichere Öffnung der Passage bislang nicht sichtbar durchgesetzt. Der Angriff auf Kharg muss deshalb auch als ein Eingeständnis gewertet werden, dass massive Luftschläge allein das Problem bisher nicht gelöst haben.
In dieses Bild passt die Verlegung zusätzlicher US-Kräfte. Das Pentagon schickt die USS Tripoli und Elemente der 31. Marine Expeditionary Unit aus Japan in den Nahen Osten; die Größenordnung liegt bei über 2200 Marines plus begleitenden Seeleuten und weiteren Schiffen. Offiziell mauert das Pentagon zum konkreten Auftrag. Aus offiziellen Marine-Beschreibungen ist aber klar, was diese Kräfte grundsätzlich mitbringen: eine seegestützte, schnell verlegbare Eingreiftruppe für Krisenreaktion, Abschreckung, amphibische Operationen und Gefechtsführung.
Das muss nicht heißen, dass Trump eine Landung auf Kharg oder anderswo vorbereitet. Es heißt aber, dass er sich genau diese Option nicht mehr vom Tisch nehmen lassen will. Der militärische Satz hinter der Verlegung lautet: Aus Drohkulisse kann nötigenfalls Handlungsfähigkeit werden.

Wie reagiert der Iran auf den Warnschuss?
Wird Iran daraufhin die weiße Fahne hissen? Dafür spricht im Moment wenig. Irans neuer Oberster Führer Mojtaba Chamenei, offenbar verwundet, hat in seinen ersten öffentlichen Bemerkungen (die nur im Fernsehen vorgelesen wurden) angekündigt hat, Hormus geschlossen zu halten. Schon das zeigt, dass Teheran die wirtschaftliche Erpressbarkeit seiner Gegner verstanden hat.
Iran kann militärisch viel verlieren und politisch doch weiterkämpfen, solange es den Preis des Krieges auf Tankstellen, Reedereien und Regierungen außerhalb des Landes verlagert – aber dabei gezielt Ausnahmen zulässt. Zwei indische Gastanker durften passieren, was bedeutet: nicht totale Blockade um jeden Preis, sondern selektive Kontrolle als Druckmittel. Wer so vorgeht, kapituliert nicht wegen eines Warnschusses auf Kharg – er prüft zuerst, ob der Gegner vor dem letzten Schritt zurückschreckt.
Krieg gegen den Iran – spannende Hintergründe
Mega-Schock für die Weltwirtschaft: ein Barrel Öl für 150 Dollar
Genau hier liegt das Eskalationsrisiko. Trump hat Kharg zur Geisel seiner eigenen Glaubwürdigkeit gemacht. Wenn Iran den Druck in Hormus fortsetzt, muss er entscheiden, ob seine Warnung Bluff war oder nicht. Greift er die Ölinfrastruktur der Insel tatsächlich an, wäre das für Iran ökonomisch verheerend – aber für die Weltwirtschaft ebenfalls ein Mega-Schock. Insider im Öl-Geschäft erklärten in Washington, dass eine Lahmlegung Khargs einen Barrelpreis von 150 Dollar wahrscheinlich machen würde – heute liegt der Preis etwas über 100 Dollar. Greift Trump dagegen nicht weiter an, obwohl Teheran weitermacht, dann wirkt der jetzige Schlag wie halbe Entschlossenheit. Das ist sein Dilemma: Jeder nächste Schritt ist teuer, jeder unterlassene Schritt ebenso.
Hauptstadt Inside von Jörg Quoos, Chefredakteur der FUNKE Zentralredaktion
Hinter den Kulissen der Politik – meinungsstark, exklusiv, relevant.
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Deshalb ist Kharg strategisch so heikel. Der Angriff ist weniger das Ende einer Kampagne als ein Versuch, durch dosierte Brutalität doch noch Kontrolle zurückzugewinnen. Trump will Iran einschüchtern, die Märkte beruhigen und den Eindruck erwecken, Amerika habe wieder den Taktstock in der Hand.
Aber seine eigenen Worte verraten, dass er selbst die nächste Stufe schon mitdenkt. Wer öffentlich sagt, er habe aus „Anstand“ noch nicht auf die Ölanlagen gezielt, erklärt damit zugleich, dass genau dies die nächste Karte ist. Das kann funktionieren, wenn Teheran einknickt. Wahrscheinlicher wirkt im Moment jedoch ein anderer Verlauf: Iran testet die amerikanische Entschlossenheit weiter aus, Trump erhöht den Druck weiter – und die Welt lernt, dass zwischen einem Warnschuss auf Kharg und einem Energieschock historischen Ausmaßes nur noch sehr wenig Raum liegt.





















