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Warum die Essiggurke im Trend ist – Stil | ABC-Z

Die Tradition

Einlegen ist eine der ältesten Methoden, um Lebensmittel zu konservieren. In dem sehr informativen Buch „Pickles: A Global History“ erfährt man, dass in China 9000 Jahre alte Aufzeichnungen über eingelegtes Gemüse gefunden wurden. Es wurde so für den Winter haltbar gemacht, wenn wenig oder kein frisches Gemüse geerntet werden konnte. Der Begriff „Saure-Gurken-Zeit“ nimmt darauf Bezug; heute bezeichnet er Phasen, in denen Geschäfte wenig Umsatz machen. Auch für lange Reisen wurden Lebensmittel eingelegt. Christoph Kolumbus soll auf seinen Seefahrten Fässer mit sauren Gurken mitgeführt haben – als Vitaminquelle und Schutz vor Skorbut. Bis heute haben eingelegte oder fermentierte Gurken in vielen Kulturen Tradition, unter anderem in osteuropäischen und asiatischen Länderküchen. In Deutschland gehören Essiggurken – früher gern als Fächer drapiert – zur Brotzeit. Die Hauptanbaugebiete sind Niederbayern und Brandenburg, dort sind „Spreewälder Gurken“ sogar eine geschützte geografische Angabe.

Der Trend

(Foto: The Pickle Company)

Schon seit mehr als 120 Jahren werden auf dem Viktualienmarkt in München Essiggurken auf die Hand verkauft, 2024 ließen sie Touristen auf Instagram und Tiktok viral und damit um die Welt gehen. Zuletzt erhob Pinterest die „Gewürzgurken-Extravaganza“ sogar zum Design-Trend. Man findet die Gurke als T-Shirt-Aufdruck und als Weihnachtsbaumschmuck. Im Supermarktregal stehen Chips und Popcorn mit „Pickle-Flavor“ und auf Speisekarten Fried Pickles, frittierte Essiggurken. Michelle Fleer hat 2025 das Berliner Start-up „The Pickle Company“ gegründet. „Essiggurken sind tief in der deutschen Esskultur verankert, aber bisher spielten sie nur eine Nebenrolle. Wir wollen ihnen zu der Aufmerksamkeit verhelfen, die sie verdient – als bewussten Genussmoment im Alltag“, sagt sie. Neben den klassischen Gurken mit Senfsaat, Zwiebeln und Dill hat sie eine Variante mit Kurkuma und Kreuzkümmel kreiert, die sehr gut zu Hummus passt, und eine scharfe mit Ingwer und Knoblauch, die von Kimchi inspiriert ist. Die Gurken kommen aus Niederbayern und werden ganz frisch, innerhalb von 24 Stunden, verarbeitet, damit sie knackig bleiben.

Die Gesundheit

(Foto: The Pickle House)

Essiggurkenwasser gerät immer wieder in die Schlagzeilen, zuletzt, als der Tennisspieler Carlos Alcaraz bei den Australian Open es wohl gegen akute Muskelkrämpfe trank und dafür eine umstrittene Verletzungspause beanspruchte. Bei der Fußball-EM 2024 wurde über die englischen Spieler berichtet, die damit Krämpfen vorbeugten. „Pickle Juice“ soll außerdem gegen Kater helfen und gut für die Verdauung sein. Die Sängerin Dua Lipa mixt für ihren Lieblingsdrink Cola light, Jalapeños und Essiggurkenwasser. Beliebt ist der Gurkensud auch in Limonaden, Margaritas und Martinis. In vielen Ländern kann man „Pickle Juice“ auch separat kaufen, zum Beispiel in den hübschen Flaschen von „The Pickle House“. Aber auch der Sud aus dem Gurkenglas lässt sich für Drinks weiterverwerten. Wer es nicht gleich trinken mag: Die Balance aus Essig, Zucker, Salz und Gewürzen kann man auch zum Abschmecken von Salaten und Soßen benutzen.

Die Technik

(Foto: Laura Huston Ceramics)

Oft werden die Begriffe vermischt, doch Essig- und Salzgurken werden völlig unterschiedlich haltbar gemacht: Essiggurken werden mit einem heißen Essigsud übergossen. Der Basis-Sud besteht aus einem Teil Essig und zwei Teilen Wasser, dazu kommen Salz, Zucker und Gewürze. Salzgurken dagegen werden in Salzlake eingelegt (20 Gramm pro Liter Wasser), die man mit einem Stück Roggensauerteigbrot aufkocht und über die Gurken gibt. Der Sauerteig aktiviert den Fermentationsprozess. Während man Essiggurken sofort fest im Glas verschließt, werden Salzgurken am Anfang nur mit einem Tuch oder lose bedeckt, damit Gase entweichen können. Nach einer Woche kann man sie verschließen. Beide Varianten konservieren das Gemüse für Monate. Seit ein paar Jahren boomen Fermentier-Kurse, besonders elegant lässt sich mit den „Fermentation Crocks“ von Laura Huston Ceramics experimentieren.

Der Genuss

(Foto: Christian Verlag)

Für ihren Instagram-Account „russischraclette“ testet die Kochbuchautorin Ana Romas regelmäßig Rezepte ihrer Fans. Ihre Spezialität: alles mit Essig- und Salzgurken, zum Beispiel Pfannkuchen mit Pickle-Juice, gefüllte Essiggurken oder „Pickle-Spritz“. In ihrem neuen Kochbuch „Süß. Salzig. Sauer. Bitter. Umami.“ (Christian Verlag, 29,99 Euro) finden sich unter anderem Grilled Pickles und knusprig frittierte und mit Gewürzgurken gefüllte Eier. Romas ist in einem Dorf in Kasachstan aufgewachsen. „Da gab es den ganzen Winter über eingemachte Gurken und anderes Gemüse“, erzählt sie. Ein Leben ohne kann sie sich nicht vorstellen, sogar auf Reisen nimmt sie ein Glas mit. „Am liebsten mag ich Salzgurken mit ganz viel Knoblauch und Rumgurken, die mit Rum eingelegt werden, eine Spezialität aus dem Spreewald“, sagt Romas. Morgens nimmt sie, noch vor dem ersten Kaffee, gern einen Schuss Essiggurkenwasser. „Sollte man mal machen“, findet sie, „verbessert das Leben und die Laune extrem.“

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