Stil

Warum die Berliner Modewoche besser als ihr Ruf ist | ABC-Z

Mit langsamen Handbe­wegungen wird ein Tellerchen nach dem anderen vom silbernen Tablett auf die ­Tische gestellt. Keinen Mucks geben die Kellnerin und ihr Gehilfe dabei von sich, ihr Blick wirkt ausdruckslos. Erster Gang: von getrocknetem Seetang umhülltes Gemüse, dann ein mit Paprika gefülltes und mit essbarer Kapuzinerkresse dekoriertes Häppchen, später ein salzig-herber Trunk. Zu guter Letzt: ein großes Straußenei, in dessen Inneren eine Überraschung wartet, die es mit einer Pinzette ­herauszufischen gilt.

Was klingt wie eine Szene aus einem extravaganten Restaurant, ist in Wahrheit Teil der Schau des Modelabels Richert Beil, das am späten Montagabend bei der Berlin Fashion Week seine Mode für Herbst und Winter präsentierte. Alle Männer und Frauen, die zwischen den Stühlen und Tischen wandeln, tragen Teile der neuen Kollektion mit dem Namen „Landei“. Um Ruhe wird im Kleingedruckten der Speisekarte gebeten, und doch ist immer wieder entzücktes Ge­kicher zu hören. Wie so oft bei Richert Beil dominieren die Farben Schwarz und Weiß; hier im Atelier der Designer Jale Richert und Michele Beil, einer einstigen Apotheke im Stadtteil Kreuzberg, sind viel ­Latex, Leder und Spitze zu sehen. Ein gelungener Abschluss eines von Schauen und Präsentationen gefüllten Montags und zugleich von vier Tagen Berliner Modewoche.

Entwürfe William Fans sind Höhepunkte

Zu den vielen Höhepunkten in Berlin gehören die Entwürfe William Fans. Der Designer beschäftigt sich in seiner Kollektion „Ring the Bell“ mit den eigenen Anfängen – als sein Geschäft nur über einen Hinterhof erreichbar war. Wer Zutritt wünschte, musste zunächst klingeln. Kundschaft kam zufällig vorbei, durch Empfehlungen anderer und Mundpropaganda. Die nun präsentierten Stücke sind als Hommage an diese Zeit gedacht. Stoffe aus Samt, Cord und Brokat kommen dabei zum Einsatz, weite Röcke und voluminöse Hosen zu langen Mänteln, Schichten über Schichten. Gern gibt der Sohn zweier aus Hongkong eingewanderter Gastronomen, der bei Hannover aufwuchs, in seinen Kollektionen Hinweise auf seine asiatische Herkunft. Dieses Mal denkt er zum Beispiel die aus dem ostasiatischen Raum stammende Tang-Jacke neu und zeigt ­Va­rianten aus olivgrünem Cordstoff sowie aus schwarzem Leder.

Model bei William FanHelmut Fricke

Und auch die Auswahl seiner Models ist durchdacht: Pati Valpati, bekannt als Podcasterin, Autorin und Schwester von Rapperin Shirin David, zählte zu den Frauen und Männern, die über den Laufsteg im KW Institute for Contemporary Art schritten, die Galeristin Kirsten Landwehr sowie die deutsche Modedesignerin Laura Gerte. Dass Gerte längst selbst zu den Größen in Berlin gehört, bewies sie am Montagabend. Ihre Kollektion spielt mit Transparenz, Schnürungen und Cut-outs, Print-Shirts trafen auf lange Röcke, Kapuzenpullover auf ­Elemente aus Lack und Leder. Ihrer mo­dischen DNA blieb die Absolventin der Kunsthochschule Weißensee damit treu – immer ein bisschen verspielt, immer ein bisschen frech.

Etwas Neues wagt das Label Haderlump – indem Designer Johann Ehrhardt für ­seine Kollektion „Varius“ erstmals Spitze verwendet. Im Wintergarten-Varieté ­tre­ten Models in eleganten Abendkleidern auf den Laufsteg, andere tragen weite Marlene-Hosen. Das sieht nicht nur gut aus, sondern ist auch nachhaltig: gefertigt aus überschüssigem Material großer ­Fir­men. Auch die Marke SF1OG beschäftigt sich mit Nachhaltigkeit. Ausgewählte Teile werden später auf der Plattform ­Vinted erhältlich sein, auf der Mode aus zweiter Hand verkauft wird. Das soll ­zeigen, dass Designermode und Secondhand nicht kon­kurrieren, sondern zusammen­gehö­ren.

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Mode aus Berlin kommt inzwischen auch international an. Stars wie Rihanna und Kali Uchis lieben etwa die Entwürfe des Labels Ioannes von Designer Johannes Boehl Cronau. Sogar mit Kylie Jenners ­Label Khy hat er schon zusammenge­ar­beitet. In seiner Herbst-Winter-Kollektion „Apokalypsis“ befragt sich der ­Central- Saint-Martins-Absolvent selbst. Nach sieben Jahren Ioannes sei es seine ­finale Modepräsentation, so die rätselhafte Ankündigung, „nicht das Ende, aber ein Moment der Enthüllung“. Jedenfalls greift er auf sein eigenes Archiv zurück. Das ­Ergebnis ist Eleganz in Neunziger- und Nullerästhetik: eng anliegende Schlauchtops, Zweiteiler, asymmetrische Oberteile.

Kollektion als Kommentar zum globalen Zeitgeschehen

Neben Ioannes gehört auch GmbH zu den Labels, die es auf die internationale Bühne geschafft haben. Nach regel­mä­ßigen Präsentationen während der ­Paris Fashion Week zeigten sich die beiden Designer Benjamin Huseby und Serhat Işik nun zum vierten Mal in der deutschen Heimat. Die Kollektion „Doppelgänger“ war – wie von den beiden Designern gern praktiziert – als Kommentar zum globalen Zeit­geschehen zu verstehen. „Da wir in einer Welt leben, die von Männern dominiert wird, die uns unterwerfen wollen, in einer Welt der Gewalt und der Angst, ist ‚Doppelgänger‘ eine Warnung. Eine ­Warnung, damit wir die Fehler der Vergangenheit der Menschheit nicht noch einmal durchleben müssen“, heißt es in einer Mitteilung von GmbH. Bomber­jacken sind am Austragungsort, dem Kraftwerk Berlin, zu ­se­hen, Faux-Fur-Mäntel und bodenlange Schals. Farblich bleibt es mit Schwarz, Weiß und Erdtönen zurückhaltend. Huseby und Işik zitieren zudem Gedichte von Bertolt Brecht, um ihre Antikriegshaltung zu untermalen.

Manche Namen schaffen es auch auf die internationale Bühne. Am Grammy-Wo­chenende trug Sängerin ­Jennifer ­Hudson Entwürfe von Kilian ­Kerner: ein schwarzes Kleid aus Kunst­leder mit üp­pigem Schulterbesatz und ­hohem Beinschlitz sowie ein blaues Samtkleid mit ­voluminösem Umhang aus seiner aktu­el­len Kollektion. Auch Sängerin ­Kesha zeigte sich bei den Grammys in einem ­cou­turigen Kleid von Kerner, das einer Skulptur aus Blütenblättern glich. Berlin ist mo­disch nicht mehr zu belächeln.

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