Bezirke

Warnstreik bei Logistikzentrum in Poing – Ebersberg | ABC-Z

Pünktlich um 11 Uhr geht die große Eingangstür auf, Menschen treten an diesem kalten Dienstag ins Freie. Erst nur ein paar, dann immer mehr. Am Ende werden knapp hundert Mitarbeitende von Avnet Logistics in Poing zum Warnstreik versammelt sein. „Das sind von dieser Schicht fast alle“, stellt Philipp Schlemmer von der Gewerkschaft IG Metall München zufrieden fest. „Wir sind sehr happy.“

Der Betriebsrat des Unternehmens hatte die Gewerkschaft um Unterstützung gebeten, gemeinsam hat man einen ersten Warnstreik im Poinger Technologiepark organisiert. Der Grund ist, dass die rund 350 Beschäftigten von Avnet Logistics um ihren Standort und um ihre Arbeitsplätze fürchten.

Die Avnet Logistics GmbH ist ein Logistikdienstleister, der seinen Sitz in der Gemeinde im Münchner Osten hat und zur global tätigen Technologie- und Elektronikdistributionsgruppe Avnet gehört. Gegründet wurde Avnet Logistics bereits vor 30 Jahren, der Umsatz des Unternehmens wurde im Oktober vergangenen Jahres auf 120 Millionen Euro geschätzt. Viele der Beschäftigten in Poing arbeiten bereits seit zehn, 20 oder mehr Jahren für das Unternehmen.

Doch nun herrscht große Unsicherheit in Poing. Einen Tarifvertrag gibt es bisher nicht, eine Beschäftigungssicherung, die der Betriebsrat laut Schlemmer ausgehandelt hat, ist Mitte vergangenen Jahres ausgelaufen. Seitdem habe es keine Kommunikation zur Zukunft des Standorts mehr gegeben. Doch nicht nur das: Gleichzeitig ist ein großes Distributionszentrum des Unternehmens in Bernburg bei Magdeburg entstanden. Laut Konzern wurden 225 Millionen Euro in den neuen Standort investiert.

„Wir haben diese Firma mitaufgebaut“, sagt Symeon Xenidis, Vorsitzender des Betriebsrats. Deswegen habe die Belegschaft nun auch ein Recht auf Klarheit über die Zukunft des Standorts.
„Wir haben diese Firma mitaufgebaut“, sagt Symeon Xenidis, Vorsitzender des Betriebsrats. Deswegen habe die Belegschaft nun auch ein Recht auf Klarheit über die Zukunft des Standorts. (Foto: Peter Hinz-Rosin)

„Gewinne, die wir hier erwirtschaftet haben“, ruft Symeon Xenidis, der Vorsitzende des Betriebsrats, nun ins Mikrofon. „Wir haben diese Firma mit aufgebaut, deswegen haben wir ein Recht auf Transparenz!“ Tag für Tag werde Ware von Poing nach Bernburg verlagert – was habe das zu bedeuten? Wer dürfe hier am Ort bleiben? Und zu welchen Bedingungen? Vor Xenidis stehen die Demonstrierenden, ausgestattet mit Fahnen, Mützen, Trillerpfeifen und Ratschen, alles in IG-Metall-Rot. Darunter aber bietet sich ein buntes Bild: Laut Betriebsrat stammen die 350 Beschäftigten aus rund 50 Nationen. An diesem Vormittag vereint im Protest.

Die Stimmung ist trotz der Besorgnis hervorragend, die Streikenden feiern ihren Protest

Schnell wird klar: Es geht hier um Existenzen. Adam Niedermeier zum Beispiel, der Stellvertreter von Xenidis, ist seit 28 Jahren bei dem Unternehmen beschäftigt. „Und jetzt wollen sie hier einfach zumachen, ohne Abfindung?“, fragt er. Nicht viel kürzer dabei ist eine alleinerziehende Mutter zweier Söhne. „Seit 25 Jahren“, sagt sie stolz. Sie wolle unbedingt wissen, was sie erwarte, schließlich gehe es auch um die Zukunft ihrer Kinder. „Werde ich sie weiter ernähren können? Brauche ich einen Plan B?“

IGM Warnstreik vor Avnet Poing (Video: Copyright / All Rights Reserved)

Die Stimmung in der Streiktruppe allerdings ist trotz aller Besorgnis hervorragend, die Menschen feiern ihren Protest. Im Demonstrationszug wird gelacht und zur Musik getanzt, die Pfeifen und Ratschen tun das Übrige. „Wir müssen alle zusammen unsere Stärke zeigen“, sagt einer fröhlich im Vorbeigehen. Also ja nicht den Kopf hängen lassen. Besonders laut schwillt der Lärmpegel an, als die Mitarbeitenden am gegenüberliegenden Firmengebäude vorbeikommen, wo die Chefetage sitzt.

„Wir wollen Klarheit und eine tarifliche Lösung für die Zukunft des Standorts“, sagt Xenidis. Doch nach inzwischen drei Verhandlungsrunden gebe es noch immer keine echten Fortschritte, erklärt Schlemmer von der IG Metall. Das jüngste Angebot der Geschäftsführung sei eine Beschäftigungssicherung bis September 2026 gewesen. „Aber so eine kurzfristige Vereinbarung ist gefährlich“, ruft der Gewerkschafter den Demonstranten zu. Denn wenn der Standort bis zum Herbst weiter mit Umzugsprogrammen ausgehöhlt werde, „dann juckt es später niemanden mehr, wenn wir hier streiken“.

Deswegen werde man es nicht hinnehmen, dass der Arbeitgeber am Verhandlungstisch auf Zeit spiele – und erhöhe jetzt mit Warnstreiks den Druck. „In der Hoffnung, dass der Arbeitgeber sich bewegt.“ Andernfalls, so Schlemmer, sei man auch in der Lage, die Aktionen auszuweiten. Letztes Mittel sei ein unbefristeter Streik. „Aber das wird eine harte Nummer, denn dann hören wir erst auf, wenn es Ergebnisse gibt“, ruft er in die protestierende Menge. „Wärt ihr dazu bereit?“ Gejohle und Pfiffe geben eine klare Antwort. Es ist wahrlich Druck auf diesem Kessel. Die Geschäftsführung allerdings beantwortet eine Presseanfrage dazu mit nur zwei Sätzen: „Wir sind mit allen beteiligten Parteien im Gespräch. Dessen Ergebnissen wollen wir nicht vorgreifen.“

Back to top button