Wal in der Ostsee: Als stürbe mit ihm eine Welt – warum es uns Menschen rührt – Kultur | ABC-Z

Da liegt er wie ein Stück Fels im Wasser und atmet kaum noch, der Rücken geschunden von Sonne, Wind und pickenden Möwen. Die Oberhaut in Fetzen, die Unterhaut zeigt rohes Fleisch. Im Maul, heißt es, hängen Reste eines Fischernetzes. Sein Schreien hat man in der Nacht schon kaum mehr gehört. Ein Bild des Elends, hinausgesandt in alle Welt: die Qual des Wals. Der Meeresriese, darniederliegend in der Wismarer Bucht, im Flachwasser der Ostsee, wo er nicht hingehört. Wird der Säuger es schaffen, sich noch einmal aufzurappeln und Kurs zu nehmen auf das offene Meer? Oder wird er, kraftlos und krank, wie er ist, vor Wismar verenden? Womöglich gar mit Sterbehilfe von menschlicher Hand? Er könnte abschwimmen, heißt es, das Wasser sei dafür tief genug. Aber vielleicht will er das gar nicht. Vielleicht will er einfach nur, dass es endet.
Es wäre ein Operntod, bewegend wie jener der Prostituierten Violetta in Verdis „La Traviata“ – sie nennt sich selbst „Traviata“: eine vom Weg Abgekommene –, nur viel größer und tragischer noch, ein Tod, gestorben vor den Augen der Welt. Seit der dicke Brummer vor einer Woche auf einer Sandbank vor dem Timmendorfer Strand entdeckt worden war, verfolgen Kamerateams, Liveticker und Schaulustige das „Wal-Drama in der Ostsee“. Und sie bekommen ja auch geboten, was ein klassisches Drama vom Spannungsbogen her idealtypisch ausmacht: vom erregenden Moment (das Stranden des Meeressäugers in der Lübecker Bucht) hin zur Klimax oder Peripetie, mit der das Schicksal der Hauptfigur eine drastische Wendung nimmt (die Befreiung in der Nacht zum Freitag durch eine per Bagger ausgegrabene Wasserrinne), gefolgt von einem „retardierenden Moment“, das ein Aufatmen ermöglicht (hier: die Hoffnung auf ein Happy End oder, wie die Bild dem Helden in ihrem Liveticker zurief: „Halt durch, Großer!“), hin zur Auflösung des dramatischen Konflikts im letzten Akt. Noch ist dieser Ausgang offen. Er könnte aber lauten: der sterbende Wal.
:Es gilt die Unschuldsvermutung
Tiere sind die besseren Menschen, heißt es. Fällt es deshalb so leicht, sie mit Empathie zu überhäufen – während uns menschliches Leid oft nicht rührt? Zum großen Herzzittern rund um das Äffchen Punch.
Dass der Protagonist dieses Dramas in einer Welt ohne Mitleid so viel menschliche Empathie erzeugt, ja, geradezu das kathartische Durchleben von Furcht und Mitleid wie in einer klassischen Tragödie bewirkt, liegt nicht zuletzt an dessen Übergröße. Damit sind bei Weitem nicht nur die imposanten physischen Maße dieses jungen Buckelwalbullen gemeint (zwölf bis 15 Meter lang, 15 Tonnen schwer), sondern auch das, was er kulturgeschichtlich in uns auf- und abruft. Der Wal als solcher bewegt sich seit jeher zwischen Mythos, Religion, Naturerfahrung und existenzieller Deutung. In vielen Kulturen steht er für das Urmeer, das Chaos, das Ungeheure. Der „große Fisch“ oder Leviathan, als der der Säuger einstmals beschrieben wurde, verkörperte den verschlingenden und gebärenden Aspekt des Urwassers, das als Sintflut die Schöpfung vernichtet und als „Fruchtwasser“ neues Leben aus sich hervorbringt. So etwas suppt da immer mit.
Wobei der Mensch sich den Bauch des Wals gerne als einen ganz besonderen Hohl- und Resonanzraum vorgestellt hat, quasi als einen Ort des Rückzugs und der inneren Wandlung. Siehe die biblische Geschichte von Jona, der der Stadt Ninive im Auftrag Gottes die Nachricht von ihrem Untergang bringen sollte und sich davor drückte. Zur Strafe wurde er von einem Wal verschlungen, in dessen Bauch er drei Tage und drei Nächte verbringen musste. Erst als Jona geläutert und innerlich auf Spur gebracht war, wurde er wieder ausgespuckt. Auch Pinocchio macht bekanntlich einen Kurztrip in einen Walbauch. Dort lernt er nicht nur einen Thunfisch kennen, der seit seiner Geburt in der Riesenwampe lebt, er findet auch den alten Geppetto wieder und reift vom Lügenbolzen-Frechling zum verantwortungsbewussten Kind.
Der Mensch kann den Wal in seiner Gänze kaum fassen
Der Wal als Fundgrube und Transformator. Martin Luther fand in ihm gar den Leibhaftigen: „Der Wallfisch (…) das ist der Welt Fürst und Gott, der Teufel …“ Ähnlich schlimm ist ja auch das Verhältnis von Kapitän Ahab zu dem weißen Monstrum in Herman Melvilles Super-Wal-Roman „Moby Dick“. In Ahabs obsessivem Kampf gegen das Meeresungeheuer wird der Wal zum Unbegreiflichen schlechthin, zu einem kosmischen Prinzip.
Der Wal ist immer größer als wir. Normalerweise nicht zu fassen und kaum je in Gänze zu sehen – mal ragt nur seine Schwanzflosse aus dem Wasser, mal taucht sein Rücken aus den Wellen –, liegt er uns in Wismar nun quasi zu Füßen. Siecht dahin vor unseren Augen. Und es ist, als stürbe mit ihm eine Welt.






















