Berlin

Wahlkampf in Berlin: Nur die zweite Wahl | ABC-Z

Geht da noch was? Ins Kreuzberger Lido hat Steffen Krach eingeladen, um die ersten Plakate der SPD-Kampagne zu präsentieren. In ein Kino aus den 50er und 60er Jahren, das in den wilden 80ern die Proberäume der Schaubühne beherbergte und nach seiner zwischenzeitlichen Schließung 2006 neu eröffnet wurde.

Das Lido an der Cuvry, Ecke Schlesische Straße ist also wiederauferstanden, als Szenelocation für Indie, Rock und Pop. Wiederauferstehen möchte auch die Berliner SPD mit ihrem Spitzenkandidaten Steffen Krach. „Wieder Berlin“, heißt der Claim auf den Plakaten, die er an diesem Tag im Lido vorstellt.

Das Berlin, das Krach kennengelernt hat, als er 2002 zum Studium aus Göttingen in die Stadt kam, „war ein Zentrum der Kreativen und Mutigen“, schwärmt er. „Jeder wollte damals nach Berlin. Das war der Sehnsuchtsort für alle Menschen.“

Das mag schon so gewesen sein im Freundeskreis des damals 23-Jährigen. Vielleicht ja auch wegen Klaus Wowereit, dem letzten Regierenden Bürgermeister, der wirklich zu Berlin gepasst hat. Weil er ein Rock ‚n‘ Roller war, auf seine Art.

Keine glaubwürdige Haushaltspolitik: Elif Eralp, Spitzenkandidatin der Linken



Foto:
Jens Kalaene/dpa

Aber will deshalb jeder „wieder“ SPD wählen?

Welchen Claim hätte sich die SPD wohl ausgesucht, würde sie nicht mit Steffen Krach, sondern mit Kevin Kühnert in den Wahlkampf ziehen? Kühnert müsste nicht erst die Göttinger Perspektive auf die „Stadt der Mutigen“ bemühen, er ist in Berlin geboren. Vor allem aber kann er begeistern. Wer Kevin Kühnert einmal reden gehört hat, weiß, was Wahlkampf sein könnte – wenn nicht die zweite Reihe an den Start ginge, sondern die erste.

Lange Zeit, erzählt man sich in der Berliner SPD, sei das Rennen um die Spitzenkandidatur offen gewesen. Erst kurz vor dem Schwur habe Kühnert dem Findungskomitee der damaligen Parteivorsitzenden Böcker-Giannini und Hikel abgesagt. Statt auf den ehemaligen Generalsekretär der Bundespartei fiel die Wahl auf den ehemaligen Staatssekretär des ehemaligen Regierenden Bürgermeisters und Wissenschaftssenators Michael Müller. Sein Makel: Krach ist zweite Wahl.

Berlin hat keinen Özdemir

Wahlen, das haben zuletzt die Ergebnisse der Landtagswahl in Baden-Württemberg und der OB-Wahl in München gezeigt, sind auch in Deutschland Entscheidungen für Gesichter geworden. Für Gesichter und Persönlichkeiten, die es geschafft haben, Marken zu werden.

Cem Özdemir ist so eine Marke. Ein Gesicht, das jeder kennt und zu dem jedem etwas einfällt. Özdemir ist einer, der nicht glatt und weichgespült daherkommt, er ist einer, der aneckt. Einer, von dem viele glauben, dass er anpacken kann. Viel zu wenig dieser Macherinnen und Macher gibt es in der Politik. Und viel zu viele Macherdarsteller.

Das erfährt, gerade jetzt, wo der Wahlkampf in seine spannende Phase tritt, auch Kai Wegner. Das Tennisgate beim Stromausfall wäre Berlins Regierender Bürgermeister von der CDU vielleicht wieder losgeworden. Die wiederholten Unwahrheiten bleiben an ihm kleben. Sollte Wegner je einen Amtsbonus gehabt haben – nun ist er weg.

Was für eine Chance für die Opposition. Eigentlich. Und was macht sie draus? Tritt nicht nur bei der SPD mit der zweiten Reihe an, sondern auch bei Linkspartei und Grünen.

Werner Graf ist nicht Cem Özdemir



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Jörg Carstensen/imago

Grüne im Umbau

Auch Dominik Krause ist eine Marke. Jeder kennt ihn in München, spätestens nachdem der jahrelange stellvertretende OB vom Oktoberfest als „weltweit größter offener Drogenszene“ gesprochen hat. Am vergangenen Sonntag schlug der offen schwul lebende Grünenpolitiker den langjährigen SPD-Oberbürgermeister in der Stichwahl. Ein junger charismatischer und erfahrener Außenseiter macht das Rennen.

Ähnlich lief es im Oktober 2025, als die von den Grünen unterstützte Noosha Aubel in der Stichwahl mit überwältigender Mehrheit zur Potsdamer Oberbürgermeisterin gewählt wurde. Sie kickte damit die SPD aus dem Rennen, die von sich glaubte, das Potsdamer Rathaus gepachtet zu haben.

Erst Aubel, dann Krause. Geht da vielleicht auch was für die Berliner Grünen?

Noch am Münchner Wahlabend meldete sich Berlins grüner Spitzenkandidat zu Wort. „First we take München …“, schrieb Werner Graf auf X. Nur, wie will er Berlin holen?

Wer bei Werner Graf nach Terminen sucht, um ihm beim „Berlin holen“ über die Schulter zu schauen, landet auf seiner Website. Wer auf seiner Website landet, bekommt zu lesen: „Wir sind im Umbau. Danke für Ihre Geduld“.

Ob das auch auf den Plakaten stehen wird? Bislang ist vom Co-Fraktionsvorsitzenden seiner Partei wenig zu hören. Außer, dass er, der mit Ex-Verkehrssenatorin Bettina Jarasch das Spitzenduo bildet, stärker ins Schaufenster gestellt werden soll. Bei seiner Nominierung im November kannten ihn gerade einmal 16 Prozent der Berlinerinnen und Berliner. Nur, wie wird einer wie Graf zur Marke? Braucht es da nicht einen Markenkern?

Wie hätte eine grüne Kampagne ausgesehen, wäre Daniel Wesener Spitzenkandidat geworden? Der ist zwar kein Özdemir, einen Markenkern hat der ehemalige Finanzsenator aber schon. Er ist einer, der mit Geld umgehen kann. Oder mit dem Geld, das nicht da ist. Aber auch Wesener steht, wie Kevin Kühnert, nicht zur Verfügung. Bekommt Berlin nun die Kandidaten, die es verdient?

Plattenladen statt Tech-Unternehmen

Offenbar ist das politische Potsdam attraktiver als das politische Berlin

Egal, wie die Wahl im September ausgeht: Die Finanzen werden das bestimmende Thema sein. Wie in Brandenburg dürfte auch in Berlin vor Beginn von Sondierungen ein Kassensturz stehen. Weil Schwarz-Rot die Reserven aufgebraucht hat, wird eine neue, linke Koalition von Anfang an mit der Hypothek von Milliardenlöchern im Haushalt zu kämpfen haben. Diesem Anfang, so viel dürfte klar sein, wird kein Zauber innewohnen.

Was sagt dazu diejenige, die vor allen anderen hofft, das Rennen unter den drei linken Parteien zu machen? Was sagt Elif Eralp, deren Linkspartei Kai Wegner bereits als Hauptgegner ausgemacht hat? Eine, die auf den Mamdani-Effekt setzt? Die von null auf jetzt bekannt werden will – und gewinnen?

Bei der Vorstellung des Entwurfs zum linken Wahlprogramms nimmt Elif Eralp, die Spitzenkandidatin ihrer Partei, zunächst den Bund in die Pflicht – und fordert das Ende der Schuldenbremse. Berlinweit will die Linke eine Luxusvillensteuer einführen und 150 Millionen Euro pro Jahr einführen. Das klingt nicht nach Deckung der Haushaltslöcher.

Und wirtschaftspolitisch? Auf die Frage von Journalisten, ob Ansiedlungen von Rechenzentren oder Tech-Unternehmen bei der Linkspartei erwünscht seien, antwortet sie ausweichend, sie kämpfe um jeden Plattenladen, der schließen müsse.

Was hätte Katja Kipping auf eine solche Frage geantwortet? Viele hätten sich die ehemalige Sozialsenatorin als Spitzenkandidatin der Linkspartei gewünscht. Doch Kipping sieht ihre berufliche Zukunft im Paritätischen Wohlfahrtsverband. Vielleicht ist ein Rotes Rathaus, in dem in den nächsten Jahren ein weitaus härterer Sparkurs als derzeit durchexerziert werden muss, nicht sonderlich attraktiv als Arbeitsplatz?

Welche Wahl also haben die Berlinerinnen und Berliner am 20. September? Einen Cem Özdemir können sie nicht wählen. Aber auch keine erfahrenen Newcomer wie Noosha Aubel oder Dominik Krause. Und auch keine Landesväter und -mütter wie Dietmar Woidke in Brandenburg oder eine Manuela Schwesig wie in Mecklenburg-Vorpommern.

Das einzig Spannende im Wahlkampf in Berlin ist derzeit nicht die Performance der drei Herausforderer. Es ist der Titelverteidiger, der seinen sicher geglaubten Vorsprung auf der Zielgeraden noch verlieren könnte. „Berlin wird“, lautet der Claim der CDU. Blöd nur, dass die Digitalstaatssekretärin Martina Klement, die dieses „Werden“ als einzige glaubhaft verkörpert hat, als Wirtschaftsministerin nach Brandenburg wechselt. Offenbar ist das politische Potsdam attraktiver als das politische Berlin.

Wegners Schwäche ist fast schon ein Glück für Linke, SPD und Grüne. Am Ende aber steht auch bei denen die Frage im Raum: Könnten die das besser?

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