Wahlkampf im Landkreis Fürstenfeldbruck: Mit Gesang und Schafkopf auf Stimmenfang – Fürstenfeldbruck | ABC-Z

Ist es Wahlkampf, wenn man zum Singen einlädt? Sophie Schumacher will der Politikverdrossenheit, die sie zu erkennen glaubt, etwas entgegensetzen. „Rein politische Events interessieren nicht so viele Leute“, sagt die 30-Jährige. Und deshalb setzt sie auf Veranstaltungen, die nicht unbedingt als politische Ereignisse daherkommen. Singen zum Beispiel.
Das Motto „Wir brauchen deine Stimme“ ist natürlich durchaus doppeldeutig gemeint. Auch wenn es nicht das Ziel des Liederabends sei, „Politik an den Mann oder die Frau zu bringen“, sagt Sophie Schuhmacher zu Beginn. Fast 50 sangesfreudige Zeitgenossen finden sich im Brauhaus Germering zum Singen mit der Oberbürgermeisterkandidatin der Grünen ein. Es gehe nicht zuvorderst darum, „den richtigen Ton zu treffen“, sagt sie noch, aber Singen sei gesund. Drei Männer mit Gitarren begleiten die Freiwilligen und los geht’s. Die Songtexte werden über einen Beamer an die Wand geworfen, die Melodien sind bekannt. „Country Roads“, „Waterloo“, „Return to sender“. Ein bisschen John Denver, Abba, Elvis. Sophie Schuhmacher stimmt mit ein.
Hat sich der Wahlkampf verändert? Kommt es heutzutage auf die besonderen Events an? „Was für die Wahlentscheidung den Ausschlag gibt, lässt sich schwer sagen. Menschen beurteilen die Parteien nach ganz unterschiedlichen Kriterien. Dabei nutzen sie Informationen, die sie auf den verschiedensten Wegen erreichen“, heißt es als Ergebnis einer repräsentativen Umfrage zur Wahlkampfkommunikation, die das Markt- und Meinungsforschungsinstitut Ispos im Auftrag der Konrad-Adenauer-Stiftung nach der Bundestagswahl 2025 erstellen ließ.
In einem Zeitalter, in dem Vieles in die sozialen Medien und ins Internet abwandert, ist vielleicht auch diese Erkenntnis der Studie überraschend: „In der Gesamtschau wird deutlich, dass Plakate mit deutlichem Abstand am häufigsten wahrgenommen werden, während die meisten anderen Arten der Wahlkampfwerbung etwas mehr oder etwas weniger als die Hälfte der Wahlberechtigten erreicht haben“. Plakate also, klingt fast ein wenig altmodisch. Es ist offenbar nicht nur die digitale Welt, in der der Wahlkampf ausgefochten wird.
Die Politiker nähern sich ihren Wählern gerne auch ganz analog
Die Formen der Kontaktaufnahme zu den Wählerinnen und Wählern bleiben vielfältig. Plakatiert wird allerorten, Flyer mit Fotos und politischen Inhalten werden verteilt oder in Briefkästen geworfen. Auch der gute alte Haustürwahlkampf lebt. Ronja von Wurmb-Seibel, die für die Grünen Landrätin werden möchte im Landkreis Fürstenfeldbruck, schreibt schon Mitte Januar in den sozialen Medien, dass sie an 1110 Türen geklingelt und mit 251 Menschen gesprochen habe: „Wir treffen die Menschen da, wo sie leben, in ihrem Alltag, bei dem, was sie beschäftigt. Das bewegt mich jedes Mal neu.“ Nach einigen Wochen Wahlkampf sagt Sophie Schuhmacher: „Ich habe den Eindruck, auf der kommunalen Ebene wollen die Menschen vor allem die Kandidierenden kennenlernen.“

Den Menschen im Alltag zu begegnen, das versuchen auch die Wahlkämpfer am Wochenmarkt in Fürstenfeldbruck. Es ist winterlich-kühl an diesem Donnerstagmorgen im Februar, aber auf dem neu gestalteten Viehmarktplatz haben sich gleich vier Parteien und Gruppierungen zwischen Verkaufsständen für Fleisch, Gemüse und Eier platziert: die Brucker Bürgervereinigung (BBV), CSU, SPD und die AfD. Der amtierende Oberbürgermeister Christian Götz (BBV) hat sein Rathaus für kurze Zeit verlassen, um die Wahlkämpfer zu unterstützen. Mit der direkten Ansprache habe man schon vor drei Jahren – damals kam er ins Amt – gute Erfahrungen gemacht, sagt er, und erinnert sich an „Trauben von Leuten“ vor den Infoständen. Zum Mitnehmen gibt es auch was: Die BBV verteilt regionale Bio-Möhren und Bio-Äpfel.

Sein Konkurrent von der CSU, Martin Urban, steht nur einen Steinwurf entfernt, er trägt eine dunkle Wintermütze mit CSU-Schriftzug. Urban ist politischer Quereinsteiger und als solcher ist ihm der Dialog mit den Menschen wichtig: Er wolle zuhören, sagt er, deshalb sei er hier. Schnell hat auch die SPD inmitten des Marktgeschehens ihr großes Banner aufgebaut, das alle Stadtratskandidaten der Partei im Foto zeigt. Philipp Heimerl, der schon zweimal OB werden wollte, diesmal aber nicht, sagt: Präsenz sei gerade auch im Kommunalwahlkampf wichtig, um nah dran zu sein.

Die Vertreter der SPD suchen auch gerne Bahnsteige auf, um für sich zu werben. Und so hatte sich Landratskandidat Andreas Magg, derzeit noch Bürgermeister von Olching, in der Dunkelheit eines Januarmorgens an die S-Bahn begeben. Auch er verteilte dort Äpfel. Das Obst ist offenbar der Renner unter den Werbeartikeln. Magg fährt gerade ein eigenes Magg-Mobil mit seinem Konterfei drauf. Auch so geht Wahlkampf.

Aber auch neue Formen der Kontaktanbahnung rücken ins Blickfeld: Spaziergänge, wie sie Sophie Schuhmacher als „Walk-und-Talk“ den Germeringern anbietet: „Ich muss ja eh mit dem Hund raus“, sagt sie. Die 30-jährige Kandidatin der Grünen, die dritte Bürgermeisterin ist und dem Germeringer Stadtrat bereits seit zwölf Jahren angehört, hat noch weitere Formate im Angebot: ein Dartsturnier, eine Zocker- und Konsolennacht, Häkeln, Backen. Sie wolle Veranstaltungen anbieten, „die nicht so üblich sind“, sagt sie.
Und Dinge, die sie auch selber interessierten oder die sie selber lernen möchte. Wie das Schafkopfen. Weil der erste Kartenabend ein Erfolg war, gibt es einen zweiten. Und wenn sie’s dann beherrscht, könnte sie zu Stefan Weinberger gehen. Der möchte für die Freien Wähler Landrat werden und wurde bei einer Podiumsdiskussion launig als „Brucker Schafkopfmeister 2005“ vorgestellt. Im Wahlkampf veranstaltet er selbst zwei Schafkopfturniere, die „Schlag den Landratskandidaten“ heißen. Johannes Kirmair, OB-Kandidat der CSU in Germering, versucht es unter dem Motto „Diplomatie mit Möselchen“ mit einer Weinprobe im Brauhaus, an dem jene Weine verkostet werden, die Konrad Adenauer Staatsgästen wie Charles de Gaulle, John F. Kennedy oder Nikita Chruschtschow eingeschenkt hat.
Promi-Unterstützung funktioniert auch im Kommunalwahlkampf
Im Kommunalwahlkampf funktioniert auch die Promi-Hilfe. Und so bringt Andreas Magg Christian Ude nach Puchheim mit. Am Aschermittwoch wird der ehemalige Münchner Oberbürgermeister dort als Kabarettist auftreten, bei freiem Eintritt und „präsentiert von Andreas Magg“, wie es auf dem Plakat heißt. Der bayerische Innenminister von der CSU, Joachim Herrmann, war zuletzt mehrmals im Landkreis, auch beim Bürgermeisterkandidaten Maximilian Gigl in Olching, ohnehin hat die CSU die meisten prominenten Namen zu bieten.

Doch auch die klassische Podiumsdiskussion ist nicht aus der Mode gekommen, ganz im Gegenteil. Volle Säle bei Befragungen der Oberbürgermeister- und Bürgermeisterkandidaten und auch bei jener mit den sieben Landratsbewerbern. Dort reichten die Stühle nicht aus. Das zeigt: Viele Menschen suchen ganz gezielt nach Information – bevor sie ihre Stimme vergeben.





















