Sport

Skiprofi Lindsey Vonn gewinnt in St. Moritz: Diese Abfahrt gehört ihr – Sport | ABC-Z

Immer dann, wenn wieder eines der abenteuerlichen Vorhaben des A-Teams aufgegangen war, steckte sich Colonel John „Hannibal“ Smith eine Zigarre an und zeigte ein breites, triumphales Lächeln. „I love it when a plan comes together“, sagte Smith in solchen Momenten, er liebte es, wenn einer seiner Pläne aufging. Kurz darauf lief dann meist die A-Team-Fanfare und der Abspann dieses Action-Klassikers aus den 1980er-Jahren.

Lindsey Vonn hatte am Freitagvormittag im Zielraum im sonnigen St. Moritz keine Zigarre im Mund, natürlich. Aber ein triumphales Lächeln, wie Smith es gezeigt hätte, war zu sehen bei der 41-Jährigen. Ihr eigener tollkühner Plan war ebenso wundersam aufgegangen: Vonn gewann das erste Abfahrtsrennen der Ski-Saison nicht nur – sie setzte ein sehr deutliches Zeichen zum Auftakt in die Königsdisziplin, zwei Monate und drei Tage vor der Olympia-Abfahrt in Cortina.

Eine knappe Sekunde lagen zwischen Vonn und dem Rest der Abfahrtswelt der Frauen. Die Konkurrenz lieferte sich auf einer der besten Strecken im Weltcup einen packenden Wettkampf mit zahlreichen Führungswechseln, zwischendurch durften sich auch die Deutschen Emma Aicher (Sechste) und Kira Weidle-Winkelmann (Neunte) Hoffnungen machen. Am Ende aber herrschte bei allen, sogar bei der eigentlich so dominanten Italienerin Sofia Goggia, die Einsicht, dass Vonn diesmal nicht zu schlagen war. „Ich dachte mir, dass sie heute gut fahren wird“, sagte Goggia: „Aber ich dachte nicht, dass sie eine Sekunde vor allen anderen sein wird.“

Vonn selbst war nach Weltcupsieg Nummer 83  im Zielraum vor allem damit beschäftigt, Glückwünsche für ihre Leistung entgegenzunehmen. Eine unglaubliche Fahrt im technischen Mittelteil auf der Strecke von St. Moritz hatte ihr ausgereicht, um den Vorsprung herauszufahren. Auch wenn sie da selbst noch Zweifel hatte: „Ich habe gefühlt, dass ich eine hohe Geschwindigkeit habe, aber ich war nicht zu einhundert Prozent sauber unterwegs“, sagte Vonn in der ARD: „Wobei das wahrscheinlich mit der Geschwindigkeit zu tun hatte.“ Zu schnell, um ganz genau zu fahren, vielleicht ist das ihr Saison-Motto.

Sie habe sechs Kilogramm Muskelmasse zugelegt, erzählt Vonn

Es ist aber wahrlich kein Zufall, dass Vonn zum Saisonstart gleich eines der besten Rennen ihrer Karriere abgeliefert hat. Es ist das Ergebnis eines ambitionierten Plans mit einem neuen A-Team im Hintergrund, mit dem Vonn im Sommer und Herbst intensiv gearbeitet hat – vielleicht auch deshalb, weil ihr Comeback im vergangenen Winter nicht ganz nach Wunsch verlaufen war.

Ein Super-G-Podestplatz im März in Sun Valley war aus Ergebnis-Sicht der bisherige Höhepunkt der späten Rückkehr der Amerikanerin mit einer Teilprothese im linken Knie. Ansonsten wurde Vonns vergangene Saison bestimmt von risikoreichen, aber bisweilen unsicheren Fahrten am Limit, Unzufriedenheit mit dem Material und der Erkenntnis, dass man im Sport auch schon mit knapp über 40 Jahren Altersdiskriminierung erfahren kann: Die Stimmen derer, die Vonns Comeback in überzogener Schärfe kritisierten, wurden den Winter über nicht leiser, obwohl das Knie nachweislich hielt. Vonns Antworten aber wurden lauter: Sie wehrte sich in Interviews gegen Vorwürfe, zu viel Risiko in Kauf zu nehmen. Immer im Wissen, dass sie die beste Antwort auf Skiern geben könnte.

Daran arbeitete sie im Sommer nach eigener Aussage mehr als je zuvor. Sechs Kilogramm Muskelmasse habe sie zugelegt, sagte Vonn zuletzt, sie sei schmerzfrei und „körperlich womöglich in der besten Form meines Lebens“. Und dann ist da noch die andere Rückkehr eines alten Bekannten in den Skizirkus: Aksel Lund Svindal, 42, ist seit August Vonns Trainer. Das ist eine beachtliche Kombination aus zwei Menschen, die beide für ihre enorme Disziplin und Risikobereitschaft bekannt sind. Und die mehr Erfahrung vereinen als manche Weltcup-Nation: Vonn und Svindal zusammen, das ist ein wenig so, als würde im Tennis Serena Williams mit Roger Federer an ihrem Comeback arbeiten.

Neues Dreamteam im alpinen Ski-Zirkus: Lindsey Vonn holte im August die frühere Ski-Größe Aksel Lund Svindal aus Norwegen als Trainer  – und feiert am Freitag den Sieg mit ihm.
Neues Dreamteam im alpinen Ski-Zirkus: Lindsey Vonn holte im August die frühere Ski-Größe Aksel Lund Svindal aus Norwegen als Trainer  – und feiert am Freitag den Sieg mit ihm. (Foto: Agence Zoom/Getty Images)

„Wir sprechen über Details, das macht so viel Spaß. Seine Perspektive hat mir die Augen geöffnet“, sagte Vonn zuletzt in einem ihrer wenigen Interviews, auch das ist Teil der neuen Strategie. Im vergangenen Jahr ging es von Anfang an viel um Publicity und Aufmerksamkeit – Vonn musste sich der Skiwelt erst einmal wieder zeigen und öffnen. Was nicht jeder ihr abkaufte. Hinter vorgehaltener Hand vermuteten viele, es ginge ihr beim Comeback mehr ums Finanzielle, als sie jemals zugeben würde.

Angesichts der Bilder aus St. Moritz klingt das alles einigermaßen absurd. Eine überglückliche Sportlerin konnten die Zuschauer da sehen, die ihre ganze Karriere über Großartiges geleistet hat, die die Grenzen des Frauen-Skisports gerade im Speed-Bereich neu definiert hat. Und die damit nicht aufhört, auch wenn sie inzwischen gegen Athletinnen fährt, für die sie eher eine Mutterfigur ist.

Svindal fiel Vonn im Zielbereich in die Arme, nicht übereuphorisch, sondern mit jener norwegischen Ruhe, die er immer ausstrahlt. Und die vermutlich auch eine Wirkung auf die im vergangenen Jahr oft zu ungeduldige Vonn hat: Sie wirkt im Alter von 41 Jahren mehr denn je wie eine Frau mit einem tollkühnen, aber klaren Plan. Nur der Abspann läuft noch nicht.

Back to top button