Sport

Vorteil Lipowitz – Evenepoel liegt in Bora-Hierarchie zurück | ABC-Z

Stand: 03.04.2026 • 13:39 Uhr

Die Katalonien-Rundfahrt hat gezeigt: Florian Lipowitz ist am Berg stärker als Remco Evenepoel. Der belgische Neuzugang von Red Bull Bora-hansgrohe “flüchtet” jetzt in den nächsten großen Klassiker.

Remco Evenepoel gilt als nicht ganz leichter Charakter. Aufbrausend sei der belgische Radstar, enorm ehrgeizig, zuweilen wenig mannschaftsdienlich denkend, so sagt man. Umso erstaunlicher war das, was die Fans des deutschen Teams Red Bull Bora-hansgrohe kürzlich bei der Katalonien-Rundfahrt zu sehen bekamen. Evenepoel stellte sich scheinbar klaglos in den Dienst des Teams, als er dem besser platzierten Teamkollegen Florian Lipowitz auf den letzten beiden Etappen uneigennützig half, dessen dritten Gesamtrang abzusichern.

Die Sache mit Evenepoel beim einzigen deutschen Topteam in der Radsport-Szene war von Beginn an nicht einfach. Nachdem das Team um Chef Ralph Denk auch im Frühjahr 2025 nicht annähernd um die Siege mitfahren konnte, die dem neuen potenten Sponsor Red Bull so vorschwebten, schlug man ganz groß auf dem Transfermarkt zu. Ein echter Superstar sollte her.

Evenepoel – der ersehnte Superstar für Red Bull Bora-hansgrohe

Allein: Man konnte Tadej Pogacar ebensowenig bekommen wie Jonas Vingegaard, auch Mathieu van der Poel war beim Team Alpecin nicht abkömmlich. Fündig wurde man bei Evenepoel – der Doppel-Olympiasieger von 2024, der in Paris Einzelzeitfahren und Straßenrennen hatte gewinnen können. Evenepoel, der 2022 als Yongster schon die Vuelta gewann, wollte nach seinem dritten Gesamtrang bei der Tour de France 2024 verstärkt die großen Rundfahrten ins Visier nehmen – bei seinem bisherigen Team Soudal Quick Step sah er dafür nicht die optimalen Möglichkeiten. Bei Bora schon.

Extrem ehrgeizig: Remco Evenepoel

Der Wechsel war 2025 schon früh klar, schon vor der Tour de France im Sommer. Wo plötzlich “No Name” Florian Lipowitz ganz groß auftrumpfte. Der deutsche Quereinsteiger vom Biathlon stieg im Trikot von Red Bull Bora-hansgrohe wie ein Phönix aus der Asche und belegte hinter Pogacar und Vingegaard einen ebenso erstaunlichen wie triumphalen dritten Gesamtrang.

Evenepoel – kein leichter Charakter

Dort hatte man eher Evenepoel vermutet – doch der heute 26-Jährige verzettelte sich bei der Tour total. Nachdem er sich bei einigen Tagesabschnitten einen unerwarteten Rückstand eingefahren hatte, stieg er auf der 14. Etappe beim Aufstieg auf den Tourmalet entnervt aus.

Evenepoel gilt als extrem ehrgeizig und selbstbewusst, mit Rückschlägen kann er allerdings nicht so gut umgehen. Als er bei der Tour abgehängt war, legte er sich mit einem Kameramann auf dem Motorrad an, gleiches war ihm schon Monate zuvor beim Eintagesrennen Lüttich-Bastogne-Lüttich passiert, als er ebenfalls abgehängt worden war. “Das muss er lernen, an sich abprallen lassen”, riet Jan Ullrich damals via TV.

Lipowitz-Triumph bei der Tour kam überraschend

Völlig unvermutet kam das Denk-Team für 2026 also zu einer Doppel-Spitze für die großen Rundfahrten. Aber wer würde bei der Tour de France die Kapitänsrolle übernehmen? Diese Diskussion wollte Denk verständlicherweise im vergangenen August, als Evenepoels Verpflichtung offiziell bekanntgegeben wurde, noch nicht anfangen. Das werde man “vielleicht für das eine Rennen irgendwann noch intern” diskutieren müssen. “Wir werden die Grand Tours, glaube ich, ganz gut aufteilen”, wich der Teamchef aus.

Florian Lipowitz – stark am Berg bei der Katalonien-Rundfahrt

Red Bull-Bora-hansgrohe wolle “das beste Radteam der Welt” werden, gab Denk als Fernziel vor. Evenepoel sei daher eine logische Verpflichtung. “Wir sind stolz, dass wir so einen Fahrer, der in seinen jungen Jahren schon so viel erreicht hat, von dem wir aber auch glauben, dass noch viel, viel mehr kommen wird, jetzt bei uns in den Reihen haben”, sagte Denk.

Lipowitz hängt Evenepoel am Berg ab

Nun, sieben Monate später, weiß man schon etwas mehr. Lipowitz und Evenepoel sind gemeinsam bei der schweren Katalonien-Rundfahrt an den Start gegangen. Durchgesetzt hat sich dort der 25-jährige Deutsche. Lipowitz hängte Evenepoel auf der 5. Etappe – einer schweren Bergetappe – ab und landete schlussendlich hinter Vingegaard und dem Franzosen Lenny Martinez auf Rang drei der Gesamtwertung. Evenepoel blieben auf den letzten beiden Tagesetappen nur die Helferdienste für seinen deutschen Teamkollegen.

Es mag verfrüht scheinen, aufgrund dieses Rennens bereits die Rollenverteilung für die kommende Tour de France festzulegen. Andererseits wurde deutlich: Lipowitz scheint an den langen Anstiegen – an denen auch die Tour de France voraussichtlich wieder entschieden wird – der etwas stärkere Mann zu sein. Zu dieser Beobachtung passt, dass Evenepoel im Laufe der Woche überraschenderweise seinen Start bei der Flandern-Rundfahrt am Ostersonntag bekanntgegeben hat.

Evenepoel startet bei der Flandern-Rundfahrt

Evenepoel hatte zuvor mehrfach erklärt, nicht am zweiten großen Frühjahrsklassiker des Jahres teilnehmen zu wollen. Nun der Sinneswandel. “Flandern, bist du bereit?”, fragte Evenepoel am Mittwoch in einem Instagram-Post und bestätigte damit die Spekulationen der vergangenen Tage. Sucht der Belgier seine Kapitänsrolle in seinem Team nun schon bei anderen Rennen?

Im Februar holte Evenepoel einige Sieg für Red Bull Bora-hansgrohe

Ausgeheckt hat Evenepoel den Überraschungsstart gemeinsam mit seinem neuen deutschen Team. “Die Verbindung zwischen Remco und der Flandern-Rundfahrt ist tief und emotional. Ein Plan wie dieser entsteht nicht kurzfristig”, erklärte Teamchef Ralph Denk: “Wir haben das Thema bewusst unter dem Radar gehalten, um den Moment für die Fans als Überraschung zu setzen.”

Pogacar und van der Poel in der Favoritenrolle

Der Plan ging auf und verrückt nun zumindest ein wenig die Machtverhältnisse. Evenepoel, in Aalst in Ostflandern geboren, zählt ob seiner Qualitäten automatisch zum erweiterten Favoritenkreis, wenngleich ihm in den mitentscheidenden Pflasterpassagen die Wettkampfhärte fehlt. “Es ist lange her, aber ich habe ein gutes Gefühl auf dem Kopfsteinpflaster”, sagte der 26-Jährige. Heißester Sieganwärter ist er am Sonntag trotzdem nicht.

Weltmeister Tadej Pogacar und dessen ewiger Rivale bei Eintagesrennen, Mathieu van der Poel, die die vergangenen vier Titel unter sich ausgemacht haben, dürften für den Belgier schwer zu schlagen sein.

Back to top button