Politik

Vier Wochen Krieg in Nahost: “Mein Leben ist wie der leere Teebecher hier” | ABC-Z

Vier Wochen Krieg in Nahost“Mein Leben ist wie der leere Teebecher hier”

28.03.2026, 09:01 Uhr

Der junge Ali Chamenei: Der Ajatollah ist tot, das iranische Regime noch da. Hatte Trump nicht das Gegenteil versprochen? (Foto: picture alliance / Ipon)

Explosionen, Angst, Not und Unsicherheit: Am 28. Februar beginnt der Iran-Krieg, seitdem leben die Menschen der Region im Ausnahmezustand. Jetzt sind die Basare leer. “Null Komma null Einkommen”, berichten Händler. Einige haben sich an die Lage gewöhnt.

Vier Wochen Krieg haben im Nahen Osten Spuren hinterlassen und bei den Menschen tiefe Wunden geschlagen. Im Iran, aber auch im Libanon, in Israel und mehreren Golfstaaten bestimmen Raketenangriffe, Zerstörung und große Unsicherheit den Alltag. Wie sieht das Leben der Menschen nach wochenlangen Feindseligkeiten aus?

Iran: Das Leben ist wie ein leerer Teebecher

Madschid sitzt frustriert in seinem Elektronikladen im Iran und starrt auf seinen leeren Teebecher. “Land weg, Regime aber noch da … (US-Präsident Donald) Trump und die Amerikaner hatten uns doch das Gegenteil versprochen”, sagt der 42-Jährige. Seit Kriegsbeginn hat er keine einzige Handyhülle verkauft. “Mein Leben ist wie der leere Teebecher hier.”

Was genau im Land passiert, lässt sich in der Gesamtheit nur schwer erahnen. Seit vier Wochen ist der Zugang zum globalen Internet abgeschaltet. Nur ein ausgewählter Kreis hat Zugriff. Im sogenannten nationalen Netz sind nur staatlich genehmigte Inhalte verfügbar. Die Isolation ist das eine, die wirtschaftliche Existenz das andere. Onlinehändler Mortesa hat zwar einen Laden auf dem Großen Basar von Teheran, aber Geld macht er fast ausschließlich über soziale Netzwerke wie Instagram und Telegram. “Null Komma null Einkommen in den vergangenen vier Wochen”, sagt der 28-Jährige.

Der historische Basar wirkt seit Kriegsbeginn wie ausgestorben. Etabliert hat sich ein neuer Begriff: “Kriegspreise”. Für Verbraucher bedeutet das Preissteigerungen von über 50 Prozent bei Grundnahrungsmitteln. Essengehen ist ein Luxus geworden, auf den viele Iraner verzichten müssen. “Wir haben schon fast vergessen, wie ein Restaurant von innen aussieht”, sagt der 72-jährige Rentner Fattollah.

Offiziellen Angaben zufolge gibt es mehr als 1900 Tote und 25.000 Verletzte. Westliche Schätzungen gehen von noch mehr Opfern aus. Zehntausende zivile Gebäude wurden zerstört. Schulen und Universitäten sind geschlossen, Behörden arbeiten nur noch halbtags. Das Bankensystem ist stark eingeschränkt, und der Mangel an Treibstoff ist allgegenwärtig. “Wasser hatten wir schon vor dem Krieg nicht, jetzt könnten Strom und Benzin noch dazukommen”, sagt der Taxifahrer Behsad.

Auch die politische Ungewissheit wiegt schwer: Wird der Iran die amerikanischen Bedingungen akzeptieren? Kommt es zu ernsthaften Friedensverhandlungen? Kommt es doch zum Umsturz? “Allaho A’alam (nur Gott weiß) – aber auch der hat uns schon seit Jahren vergessen und verlassen”, sagt die pensionierte Lehrerin Anahita.

Golfstaaten: “Das Leben geht weiter, aber vorsichtiger”

In Golfstaaten wie Kuwait, Bahrain und den Vereinigten Arabischen Emiraten führten die ersten Tage des Kriegs zu Angst und Panik. Eigentlich ist das Leben in diesen Ländern sehr sicher, doch dann schlugen in Wohngebieten, an Flughäfen und anderen Zielen iranische Raketen und Drohnen ein. Wiederholte Explosionen über Tage und Wochen und Aufrufe, sich sofort in Sicherheit zu begeben, haben die meisten Menschen hier noch nie erlebt. Die Golfstaaten zählten gemeinsam Hunderte Angriffe aus dem Iran.

Vier Wochen nach Kriegsbeginn hat sich eine Art Normalität eingestellt. “Wir arbeiten jetzt vor allem von zu Hause. Die Menschen hier verfolgen die Nachrichten genau, aber Panik herrscht nicht”, sagt ein Anwohner in der katarischen Hauptstadt Doha. “Das Leben geht weiter, aber vorsichtiger.” Die Menschen gehen weniger ins Restaurant, Kinder machen den Schulunterricht teils von zu Hause, in Geschäften und auf Straßen ist weniger los.

“Die Leute haben sich an die Explosionen gewöhnt”, sagt ein Anwohner in der emiratischen Metropole Dubai, wo bekannte Hotels und Wolkenkratzer getroffen wurden. “Das Leben ist zu 99 Prozent normal”, sagt eine Frau. “Die Leute gehen aus, viel Angst gibt es nicht.”

In den Golfstaaten kamen bei iranischen Angriffen oder deren Folgen bisher 25 Menschen ums Leben. Tausende Reisende strandeten in der Region und wurden teils von Evakuierungsflügen in die Heimat geflogen.

Libanon: “Wir bleiben drinnen und sehen fern”

Der Iran-Krieg hat den Krieg in den Libanon zurückgebracht. Wegen der Eskalation zwischen Israel und der Hisbollah sind Zehntausende Menschen auf der Flucht. Bei den israelischen Bombardierungen in Beirut und anderen Landesteilen wurden nach offiziellen libanesischen Angaben mehr als 1000 Menschen getötet und mehr als 3000 weitere Menschen wurden verletzt. Mehr als eine Million Menschen sind der UN-Organisation IOM zufolge vertrieben.

Viele Kinder erleben erneut traumatische Tage und Nächte, die sie möglicherweise ein Leben lang verfolgen werden. Sie schlafen mit ihren Eltern auf der Straße oder in Notunterkünften, die aber nur einen Teil der Vertriebenen aufnehmen können. Für viele ist der sicherste Ort vor Luftangriffen unter freiem Himmel.

Die Menschen, die sich zu Hause einigermaßen sicher fühlen, verbringen mehr Zeit daheim. “Ich lasse meine Kinder nach 17 Uhr nicht mehr das Haus verlassen”, sagt ein Vater in Beirut. “Wir bleiben drinnen, sehen fern, verfolgen die Nachrichten und sind erschüttert von den schweren Explosionen, die die Hauptstadt beben lassen.”

Viele versuchen, ihre tägliche Routine zu erhalten. Der zwölf Jahre alte Schüler Gérard, der in Beirut eine Privatschule besucht, sagt sogar: Der tägliche Gang zur Schule fühlt sich normal an. “Normal, obwohl wir manchmal laute Erschütterungen hören.”

Israel: Kaum Hoffnung, dass es der letzte Krieg ist

In Israel sind viele Menschen wegen der häufigen und mitunter tödlichen Raketenangriffe aus dem Iran und von der libanesischen Hisbollah zermürbt. Die Nächte verbringen sie oftmals in Schutzräumen.

Einige Menschen, die keinen Schutzraum in unmittelbarer Nähe haben, übernachten in städtischen Bunkern. So auch eine 35-jährige Israelin, ihr Partner und der gemeinsame Hund. “Wir passen uns an die Situation an, aber der Krieg ist hart”, sagt die Frau, während sie auf ihrer Matratze im Dunkeln eines unterirdischen Schutzraums in der Küstenmetropole Tel Aviv sitzt. “Aber das alles hat nicht erst vor vier Wochen begonnen”, sagt die Israelin mit Blick auch auf das Hamas-Massaker am 7. Oktober 2023. Die Menschen in Israel kämpften angesichts der Bedrohungen durch den Iran und mit Teheran verbündeter Milizen schon lange für die Existenz ihres Landes.

Die USA haben zuletzt Chancen auf einen Deal mit dem Iran signalisiert. Die 35-Jährige glaubt jedoch nicht daran, dass der Krieg damit wirklich beendet wäre – auch wenn sie sich Frieden für die Region wünscht. Ihr 42 Jahre alter Partner ist ebenfalls nicht optimistisch: “Ich denke, es wird nicht der letzte Krieg gewesen sein. Kriege gehören hier zu unserer Realität, auch wenn uns das nicht gefällt.”

Quelle: ntv.de, Cindy Riechau, Weedah Hamzah, Johannes Sadek und Hans Dahne, dpa

Back to top button