Politik

„Vibe Shift“: Michel Friedman und Nicole Deitelhoff zum neuen Zeitgeist | ABC-Z

„In den Sozialen Medien sehen wir mittlerweile Tradwives, die stellen, ohne auch nur in die Nähe von Strom zu kommen, Butter selbst her“, sagt Nicole Deitelhoff. Die Politikwissenschaftlerin spielt mit ihren Worten darauf an, dass Influencerinnen auf Instagram ein Frauenbild der fünfziger Jahre inszenieren. Sprechen solche Phänomene für einen „Vibe Shift“, einen Wandel des gesellschaftlichen Selbstverständnisses?

Auch die Wiederwahl Donald Trumps ins Oval Office, Mark Zuckerbergs Wunsch nach „mehr maskuliner Energie“ für Meta oder die wieder femininer werdende Mode der Laufstege wird im Netz unter diesem Hashtag „Vibe Shift“ diskutiert. Doch nicht nur die USA erleben einen Wandel. Die schwarz-rote Regierung mit Friedrich Merz an der Spitze hat die Ampel-Koalition beerbt. Und anstelle der „Willkommenskultur“ aus dem Jahr 2015 wird heute hitzig über das „Stadtbild“ diskutiert. Auch Deutschland steckt mitten im Wandel.

Deshalb holte Deitelhoff gemeinsam mit dem Publizisten Michel Friedman kurzerhand die Debatte in den von ihnen moderierten Streitclub nach Frankfurt. Gemeinsam mit dem Zeit-Redakteur Ijoma Mangold und Ferda Ataman, Antidiskriminierungsbeauftragte der Bundesregierung, diskutierten sie, ob es in Deutschland eine Zeitgeistwende gebe.

Rechte Cancel-Culture

Ferda Ataman beantwortet die Frage nach einer Zeitgeistwende mit einem klaren Ja. Das sei zumindest ihre Wahrnehmung als Antidiskriminierungsbeauftragte. „Ich bin mal groß geworden in einem Land, in dem ich das Gefühl hatte, ich muss nicht Feministin sein“, sagt Ataman. Jetzt frage man Frauen in Bewerbungsgesprächen wieder vermehrt, ob sie einen Kinderwunsch hätten und wie sie ihr Muttersein mit ihrer Berufstätigkeit vereinbaren wollten.

Hitzig: Im Frankfurter StreiclubKatja Maasch/FGZ

Statt linker gebe es heute rechte Cancel-Culture, sagt auch der Zeit-Redakteur Ijoma Mangold. Das sei sicherlich nicht gut. Die Entwicklungen sehe er aber nicht gänzlich negativ. In den 2010er Jahren habe sich eine „Verhaltensorthodoxie“ eingeschlichen. Jetzt könne man etwa wieder sagen, dass Migration nicht etwas sei, das uns geschehe, sondern etwas, das man steuern müsse.

Überzeugt vom moralisch richtigen Weg

Handele es sich bei der Zeitgeistwende angesichts der von den Gästen genannten Beispiele also um einen Schritt in Richtung Vergangenheit, fragen die Moderatoren. Mangold schlägt eine andere Lesart vor. Bis vor Kurzem, so sagt er, sei man überzeugt gewesen, sich auf einem moralisch richtigen Weg des gesellschaftlichen Fortschritts zu befinden. In dieser Überzeugung habe man immer neue Antidiskriminierungs- und Emanzipationsmaßnahmen eingeführt, ohne zu bemerken, dass ein erheblicher Teil der Bevölkerung dabei nicht mitging. So habe sich eine rechte Gegenöffentlichkeit gebildet.

Erst mit der Wiederwahl Trumps im vergangenen November sei man aufgewacht. „Wir haben in den letzten Jahren nur sehr, sehr langsam uns die Augen reibend begriffen, dass die Gesellschaft nicht ganz so tickt, wie das Bild, das wir uns von ihr gemacht haben“, sagt Mangold.

Deitelhoff und Friedman wenden ein, dass es fernab von den sogenannten woken Themen, die die Gäste etwa mit den Rückabwicklungen der Antidiskriminierungsmaßnahmen ansprachen, aber auch Kontinuitäten in den Debatten gebe. „Sind nicht eigentlich die 2015er, 16er und 17er Jahre die große Ausnahme“, was das Thema Flucht und Migration angehe, fragt Deitelhoff. Zur Jahrtausendwende habe man mit der Massenzustrom-Richtline auf der einen und der Verschärfung des Asylgesetzes auf der anderen Seite dieselben Debatten wie heutzutage geführt. Auch die Rolle der Frau sei zu keinem Zeitpunkt unproblematisch gewesen, gibt sie zu bedenken.

Was sei also heute tatsächlich anders? In der Antwort auf diese Frage ist sich der Streitclub ausnahmsweise einig. Die Sozialen Medien mit ihren auf Nutzer zurechtgeschnittenen, vorgefilterten Inhalten begünstigten das Köcheln in der eigenen Meinungssuppe. Gleichzeitig falle es dadurch leichter, den allgemeinen Diskurs für sich zu beanspruchen, sagen die Diskutanten. „Das, was ich sehe, ist, was ist. Etwas anderes muss ich gar nicht gelten lassen“, fasst Deitelhof zusammen.

Zugleich verträten die verschiedenen Gruppierungen zunehmend auseinandergehende Positionen. Die Polarisierung werde dadurch verstärkt, dass sich Meinungen radikalisieren – eine Folge des schwindenden Verständnisses für die eigene Lebenswelt und des wachsenden Misstrauens gegenüber bestehenden Systemen.

Zwei Schülerinnen der Frankfurter Gesamtschule am Ried, Kristina Veronika Ilk und Charlotte Frühauf, die wie bei dem Streitclub-Format üblich in der letzten halben Stunde der Diskussion die Moderation von Deitelhoff und Friedman übernehmen, bringen in ihrer Abschlussfrage an die Diskussionsteilnehmer die Herausforderungen auf den Punkt: Wie schaffe man wieder eine gemeinsame Gesprächskultur? „Respektvoll und mehr streiten lassen“, sagt Friedman.

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