Grafrath: Ausstellung erinnert an Märchenwald und Westernstadt, die 1973 verbrannte – Fürstenfeldbruck | ABC-Z

52 Jahre ist es her, dass in Grafrath das damals größte Freizeitzentrum weit und breit infolge eines Großbrandes geschlossen wurde. Die Flammen hatten die Westernstadt „Hot Gun Town“ zerstört und den Betreiber Toni Lötschert in den Ruin gestürzt, sodass auch der beliebte Märchenwald nicht wieder öffnete. Viele Kinder von damals, heute Eltern und Großeltern, erinnern sich noch gut an das Märchengelände an der Villenstraße Nord und an die Westernstadt, die bis 1973 massenhaft Besucher nach Grafrath gelockt hatten.
Besonders positive Erinnerungen haben Kulturreferentin Sybilla Rathmann und der Dokumentensammler Fritz Reischl, die zusammen im Grafrather Kulturraum dazu eine Ausstellung kuratiert haben. „Wir haben als Schüler im Märchenwald gejobbt, an der Kasse der Tunnel-Bahn, mit der man übers Gelände fahren konnte, oder als Küchenhelfer“, erzählt Rathmann. Pro Stunde Arbeit bekamen sie zwei Mark.

Geht man auf den Ausstellungsraum zu, ist auf dem Fensterbrett schon von Weitem die Lok der einstigen „Liliput-Bahn“ zu sehen, und im Raum steht ein Original-Waggon, in den sich der Erstklässler Theo Güther gleich hineinsetzt. So bekommt er ein Gefühl von dem, wovon erwachsene Besucher in Erinnerungen geradezu schwärmen. „Nicht nur für Familien aus der Region waren der Märchenwald und die Westernstadt begehrte Ausflugsziele“, erzählt eine ältere Frau.
Aus Augsburg und München seien Scharen von Menschen mit Zügen angereist, vom Bahnhof seien es zu Fuß nur wenige Minuten gewesen. Und auf dem Gelände mit etwa 6000 Parkplätzen sei es an schönen Wochenenden turbulent zugegangen. Ein Plakat der Bahn von damals zeigt, dass Sondertickets mit Eintrittskarten angeboten wurden, die für Erwachsene 4,20 Mark kosteten und für Kinder die Hälfte. „In einer Gastwirtschaft mit Freisitz hat man rasten können, während sich die Kinder austoben konnten“, erzählt ein Besucher. Ein anderer erinnert sich, dass es auch zwei Kioske gegeben habe.
In der Ausstellung ist ein Tisch mit Originalgeschirr und Deko mit Märchenmotiven gedeckt. Anhand von Fotos lässt sich nachvollziehen, dass es in der Wirtschaft ziemlich gemütlich gewesen sein muss. „Hänsel und Gretel“ ist die Präsentation überschrieben, „um Kinder anzusprechen“, und weil der Märchenwald länger bestanden habe als die Westernstadt.
Wie man anhand von Texten, Fotos und Zeitungsausschnitten erfährt, errichtete im Jahre 1961 der Pferdemetzger aus Koblenz Toni Lötschert einen Kinderpark mit Spielmöglichkeiten und 17 Holzhütten, in denen Szenen aus Grimms Märchen figürlich dargestellt wurden. In der Ausstellung haben Kinder Freude daran, zu erraten, welche Märchen auf Fotos, Postkarten und Prospekten von damals zu sehen sind. Aufgrund des großen Erfolges mit dem Märchenwald, etwa drei Millionen Besucher in zehn Jahren, pachtete Toni Lötschert nebenan ein weiteres Gelände, um darauf 1971 die Westernstadt „Top Gun Town“ zu eröffnen.

Nach amerikanischen Vorbildern ließ er eine Western-Eisenbahn und eine Postkutsche auffahren und einen „Silver-Dollar-Saloon“, ein Mexican Restaurant, ein Sheriff-Office mit Gefängniszellen, einen zünftigen Western-Store und sogar eine Kirche errichten. Aufzeichnungen zufolge gab es Pistolenschießereien, reitende Cowboys, Schlägereien, Überfälle auf die Postkutsche und vieles mehr. Überregionale Zeitungen und der Spiegel schrieben über die Wild-West-Stadt, in den Kinos warb die Wochenschau mit: „Stündlich ein Postkutschenüberfall und täglich garantiert neun Tote.“

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Der Schießlärm, das öffentliche Töten vor Kindern und die Verkehrsbelastungen gefielen jedoch nicht allen, und so regte sich bald Widerstand. Ein Hauptgrund des Aufbegehrens lag laut einem Pressebericht auch im Gefühl der Kommunalpolitiker der angrenzenden Dörfer, bei der Planung übergangen worden zu sein. Angeblich hatten sie nicht mitreden dürfen, weil das Gelände außerhalb von Kottgeisering und dem damals noch selbständigen Ort Wildenroth im Staatsforst lag. Zudem soll es Probleme mit der Wasserversorgung und der Entsorgung von Abwasser gegeben haben. Es kam zu Protestmärschen, die in der Ausstellung mit Fotos gut dokumentiert sind.


Und am 10. Juli 1973 brannte es in der Hot Gun Town lichterloh. „Feuerterror vernichtet Westernstadt – Brandstifter schlagen im Morgengrauen zu“, titelte eine Zeitung. Brandermittler stellten schließlich fest, dass Profis am Werk gewesen sein mussten, denn die Täter hatten Öl in die Gebäude geschüttet und brennende Fackeln hineingeworfen, und zwar so, dass Löschkräfte nicht zu den für den Brandschutz angelegten Zisternen gelangen konnten. Obwohl die Polizei nach einer „großen Frau“ und nach einem flüchtigen Autofahrer fahndete, konnte die Brandstiftung nie aufgeklärt werden. Lötschert sah sein Lebenswerk zerstört und gab das Freizeitzentrum komplett auf. Damit war auch das Ende des Märchenwaldes besiegelt.
Die Ausstellung ist am Samstag und am Sonntag von 15 bis 18 Uhr im Grafrather Kulturraum, Brucker Straße 3, geöffnet. Von 14 Uhr an lesen Grafrather, unter ihnen Bürgermeister Markus Kennerknecht und Kinderbuchautorin Martina Türschmann, Märchen vor.





















