Verloren im Urwald: Wie eine Vogelwanderung auf Raja Ampat beinahe zum Escape Game wurde | ABC-Z

Yusub weiß nicht mehr weiter. Wütend schlägt er mit seiner Machete einen Palmwedel aus dem Weg. Läuft mit schmatzenden Gummistiefeln durch knöcheltiefen Schlamm. Blickt hoch, am Stamm des Urwaldriesen. Wo ist das Moos, wo ist die Wetterseite, wo ist Westen? Orientierung nach Pfadfinderart, mitten im Dschungel. „Yusub, kennst du den Weg?“ Yusub sagt nichts.
Um uns herum quillt das Leben. Grasgrüne Triebe bohren sich aus dem Morast, Pilze sprengen Totholz, Orchideen saugen Saft aus Urwaldriesen. Lianen haben sich zu Affenschaukeln verdreht, dabei gibt es hier gar keine Affen. Wir stehen im Urwald auf Waigeo, einer Insel in Raja Ampat, einem Archipel vor der Westküste Neuguineas ganz im Osten Indonesiens – zwei Tagesreisen von Deutschland entfernt. Wir stehen da, wo ein Traum wahr werden soll. Mein Traum.
Verloren im Urwald
Doch Yusub hat gerade keinen Sinn für Träume, für die Schönheit der Natur und all das wuchernde Grün. Er muss sich orientieren, sucht seinen Schatten, um mit den Himmelsrichtungen nichts falsch zu machen. Aber Regen knallt durch das Blätterdach, es gibt keinen Schatten.
Er blickt zu seinem Vater Nixon, doch auch der bleibt still – Yusub ist der Führer, Nixon folgt ihm nur. Nixon ist die Hand, die über Baumstämme und durch reißende Flüsse hilft und auch mal den Rucksack hält. Nixon ist der Helfer. Derjenige, der sagt, wo es langgeht, das ist Yusub.
Und der hat sich nun für eine Richtung entschieden, hackt mit der Machete einen Pfad durch den Wald. Meine Schuhe versinken im Schlamm, Ranken schlagen mir ins Gesicht. Aber Yusub scheint einen Plan zu haben. Bis es dann wieder nicht weitergeht. Ein gelbes Gewässer versperrt den Weg. Yusub wirft ein paar Blätter hinein, um herauszufinden, wohin es fließt. Aber er hat wieder kein Glück: Es gibt keine Strömung, die Blätter versinken im Trüben. Mit ihnen versinkt mein Mut.
Es führt kein Weg nach irgendwo
Die Tour war weder als Escape-Game noch als Selbsterfahrungstrip gedacht. Mir ging es darum, Paradiesvögel zu sehen. Nicht im Zoo oder auf Youtube, sondern wild, da, wo sie leben, im Regenwald von Neuguinea. Paradiesvögel sind wunderschön, ihre Federn leuchten in allen Farben und sehen aus wie Draht, Spiralen oder fluffige Staubfänger.
Damit wedeln sie und führen die verrücktesten Tänze der Tierwelt auf. Nur, um ein Weibchen zu bezirzen! Diese Federwunder bei ihrer Balz zu beobachten, wenn sie ihre verrückten Tänze aufführen – das ist mein Traum. Hier soll es Paradiesvögel geben, eine Mehrtageswanderung mit lokalen Guides schien also ein perfekter Plan.
Und die Tour begann vielversprechend: Auf einem kleinen Boot düse ich durch die mangrovengesäumte Mayalibit Bay in Richtung Norden nach Waifoi – einem kleinen Dorf, das nicht einmal auf Google-Maps korrekt verzeichnet ist. Die Sonne glitzert auf den Wellen, die Gischt spritzt mir ins Gesicht. Fliegende Fische sausen über das Wasser, Fischer kontrollieren ihre Leinen. Weiße Wolkenstreifen schweben geheimnisvoll vor dem dunklen Urwald.
Der Schweiß läuft, Moskitos saugen sich satt
In Waifoi wird es beschwerlicher. Der Fahrtwind fehlt, die Hitze sticht, Pfützen modern, und die Mangroven schicken Schwärme von Moskitos herüber. Straßenköter kläffen links, eine Ghettobox wummert rechts der Straße. Der Pfad führt durch zähen Schlamm steil bergauf. Schritt für Schritt, schön langsam. Der Schweiß läuft mir in die Augen, aber: Das sind die Tropen! Deshalb bin ich hier!

Auch Yusub und Nixon schwitzen, sie tragen Wasser, Taschen und einen großen Sack Reis. Dennoch plaudern sie unentwegt, in ihrer Sprache. „Yusub, wie weit ist es noch?“, frage ich. „Twenty minutes“, antwortet er. Bald sei das Kamtabai Homestay, unsere Unterkunft, erreicht. Bergab durch trübe Lachen gerutscht, über einen kleinen Kanal gehüpft und über verrottende Baumbusstämme gestolpert, dann öffnet sich endlich eine Lichtung. Ein flacher Bach plätschert neben einer Holzhütte.
Nach einem Bad im nahen Wasserfall und einem zuckersüßen Instantkaffee will ich weiter. Das Abenteuer wartet nicht. „Yusub, gehen wir noch eine Runde?“ Er platscht in Flipflops voran, Nixon folgt barfuß. Sie warten bei jedem Gewässer, bis ich meine durchweichten Wanderschuhe und die nassen Socken aus- und wieder angezogen habe. Aber ich bleibe dabei, Schuhe müssen sein – im Schlamm lauern Hakenwürmer und andere Parasiten.
Nixon und Yusub zeigen mir weiße und schwarze Kakadus, Papageien und Sittiche fliegen durch das Unterholz. Orangefarbene Früchte und blaue Blüten dekorieren den Matsch, ein dickes Spinnenloch ist von glänzender Seide umhüllt. Überraschungen bei jedem Schritt.
Yusub bleibt stehen. Wir sollen warten. „Auf was warten, Yusub?“ „Hornbills“, sagte er, Hornvögel. Sie kommen bald. Hornvögel? Sie sind groß und schwarz – und ihr riesiger Schnabel lässt sie im Flug wie Militärdrohnen aussehen. Die Weibchen mauern sich mit Lehm in die Nisthöhle ein, kein Räuber soll die Eier, die Küken finden. Das Männchen füttert sie.
Mehr Wissenswertes haben weder David Attenboroughs Dokus noch der Princeton Field Guide „Birds of New Guinea“, die hiesige Bibel für Vogelfreunde, zu bieten. In meinem Kopf rangieren die Hornvögel irgendwo zwischen Tauben und Krähen. Nein, Hornbills stehen auf keiner Bucket List. Warum also auf sie warten? Yusub zuckt mit den Schultern, er kann das nicht erklären. Sein Englisch reicht nicht aus. Und ich spreche kein Bahasa.


Also warten wir. Moskitos beißen. Hemd, Hose und Schuhe sind wieder nass, vom Regen, vom Schweiß, vom Schlamm. Im Kopf gehe ich die Liste der Lebewesen durch, die man im Wald von Kamtabai sehen könnte: Engmaulfrösche mit ihren kleinen, spitzen Schnauzen. Quietschgrüne Baumpythons, fingerlange Stabschrecken, schwarz glänzende Skorpione. Es gibt seltene Sittiche und winzige Schlafbeutler. Dutzende Orchideenarten, Teak- und Eisenholzbäume mit übermannshohen Tellerwurzeln, fleischfressende Kannenpflanzen, Kakaobäume. Auch der schwarz-weiß gepunktete, murmeläugige Tüpfelkuskus soll hier leben. Es gäbe so viel zu sehen. Aber sie alle sind gerade woanders.
Wir warten, auf Hornvögel. Ameisen krabbeln über ein Blatt. Rote Becherpilze wachsen neben meinem Schuh. Unsichtbare Zikaden sägen unerbittlich ihren Rhythmus. Nixon ist im Unterholz verschwunden. Langsam wird es dunkel.

Und dann dröhnt es in der Luft. Wie ein Flugzeug, das sich langsam nähert, aber doch nicht lauter wird. Es braust, es saust, ein nie gehörtes Geräusch: Die Hornvögel zerschneiden mit ihren großen Schwingen die Luft. Erst sind es zwei, sechs, dann zehn. Sie landen in einem kahlen Urwaldriesen. Es ist ein Hornvogelbaum. Erst zwanzig, dann fünfzig, dann sitzen Hunderte von ihnen in den Ästen. Sie krächzen und zetern, begrüßen die Nachbarn, berichten von dem, was sie tagsüber erlebt haben. Ein Streit bricht aus, fünf, zehn Vögel flattern auf, drängen sich auf einen anderen Ast. Der Baum ist ein einziges Palaver. Das Warten war es wert.
Im Homestay ist es dunkel, der Generator ist aus. Das Sausen noch im Ohr, sitzen wir auf der Terrasse. Was für ein Tag! Ein heller Fleck schwebt in der Nacht. „Yusub, was ist das?“ Seine Zähne blitzen im Licht der Stirnlampe. „Mushrooms“, grinst er. Ich grinse auch. Am verrottenden Stamm glimmen tatsächlich Pilze. Ein Gecko klebt an der Wand. Und im Gebüsch funkeln die Glühwürmchen.
Der Kampf ums Überleben wird hier hart gefochten
Am nächsten Morgen geht Yusub wieder voraus, ich stolpere über einen dicken, brauen Brocken. „Was ist das, Yusub?“ Seine Machete saust auf den Brocken. „Ants“, sagt er. Er zerschneidet das Ameisennest und erklärt etwas. Ich glaube zu verstehen, dass er Scheiben davon mit Wasser kocht und den Sud trinkt, wenn er Schmerzen hat. Urwaldmedizin zwei Tagesreisen von Deutschland entfernt.
In Ökosystemen wie diesem, wo die Artenvielfalt sehr hoch ist, der Kampf ums Überleben besonders scharf ausgefochten wird, hat die Natur viele Moleküle erschaffen, die giftig oder schützend wirken. Ungehobene Schätze für Forscher und Pharmafirmen. Werden diese Wälder zerstört, gehen sie verloren. „Yusub, sägt ihr hier Bäume ab?“ Yusub zuckt mit den Schultern, was für eine Frage! Klar, Eisenholz ist gut für Tische, für Häuser. Nur neben den großen Wegen werde nicht gerodet, sagt er, es müsse ja nicht jeder mitbekommen. Ich will das gar nicht wissen.
Das ist nicht das Paradies aus dem Lehrbuch
Das Paradies ist nicht so, wie ich es mir vorgestellt habe. Das wird mir klar, als ich an Tag drei morgens um sechs auf ein paar morschen Holzstämmen zwischen Yusub und Nixon sitze. Wir starren in die kahle Krone eines Baumes, darin krähen und turnen Rote Paradiesvögel herum wie Wesen aus der Muppetshow. Im Gegenlicht sind sie schwer zu erkennen, mehr schwarz als bunt.
Sie krächzen und buhlen um die Weibchen. Sie tanzen. Das Paradies hat geliefert – aber es verzaubert mich nicht. Vielleicht weil ich diesen Tanz schon zigmal bei Youtube gesehen hatte, näher dran, in besserem Licht. Mein Kopf war voller Infos über Paradisaea rubra. Aber hier im Wald sind sie plötzlich gewöhnlich, ihr Gehopse erwartbar. Kein Abenteuer.

Also laufen wir weiter, Stunde um Stunde. Yusub und Nixon unterhalten sich. Ich zottele hinterher, gucke, höre, denke nach, krame im Gedächtnis. Es fängt an zu schütten, wieder einmal. Yusub und Nixon geben Gas. „Let’s go to the bäds“, ruft Yusub, und ich verstehe nicht, ob schon wieder Vögel auf dem Programm stehen oder wir uns schlafen legen sollen. Der Regen strömt, ich renne hinterher.
Dann stehen wir vor einer schwarzen Felswand, eine Bambusleiter führt nach oben. „Da hoch, Yusub?!“ Er klettert vor. Gut festhalten an der Leiter, ein paar Schritte über ein Felsband, dann eine weitere Leiter hinauf. Endlich stehen wir unter einem Überhang. Der sandige Boden ist trocken und warm.

Yusub, Nixon und ich gucken uns an. Wir müssen lachen. Über den Regen, den Matsch und die Leitern. Und über die „Bäds“, die aus einem Loch über unseren Köpfen hervorfliegen. Es sind Flughunde, sie sind riesig. Ich schlage ein paar Mücken tot, die vermutlich gerade noch an den Fledermäusen gesaugt haben – und schiebe Gedanken an Corona und andere Fledermausviren beiseite.
Wir sind hier, uns geht es gut, und wir lachen. Yusub macht mit seinem Handy ein Video, weil wir Spaß haben, hier mitten im Regen, mitten im Wald. Er sagt „Instagram“. Vermutlich will er später Bilder von uns posten. „All good, all okay, Yusub! Instagram!“
Manchmal verstehen wir einander
Es könnte immer so weitergehen. Wir laufen, werden nass, stolpern, rutschen aus – aber ich staune über jede Pflanze, jedes Blatt, jeden Wurm. Alles ist neu, jeder Laut klingt irre, jeder Geruch ist anders. Ich stelle Yusub Fragen, er antwortet. Wir lachen. Manchmal verstehen wir einander.
Einmal krabbeln wir auf einen Berg, auf Händen und Füßen, so steil ist es. „Signal, on top!“, hatte Yusub gesagt. Da oben gibt es Handyempfang. Ich chatte mit Deutschland, „alles okay hier!“. Mehr kann ich nicht schreiben, es wäre zu viel, und mir fehlen die Worte. Ich starre auf die grauen Regenbänder, die sich aus dunklen Wolken in die silberglänzende Mayalibit Bay ergießen. Ich blicke über den Wald der unverstandenen, unerwarteten Wunder.

Und dann verirrte sich Yusub. „Twenty minutes“, hatte er vorhin noch gesagt, dann seien wir bei der nächsten Unterkunft. Aber das war vor einer Stunde. „Yusub, kennst du den Weg?“ Yusub schweigt. Seine Pfadfindertricks funktionieren nicht. Das Handy hat keinen Empfang. Der Wald wird düster. Ranken krallen sich an der Hose fest, Vögel krächzen gehässig, und wir laufen zum zweiten Mal an einem Hexenring weißer Pilze vorbei. Ich weiß nicht, ob das zum Wandern im Urwald dazugehört. „Yusub, ist das normal, dass man mal nicht so genau weiß, wo es langgeht?“ Yusub und Nixon sagen nichts.
Und ich kann kein Wissen abrufen, mein Hirn ist taub, mein Herz eng. Ich stampfe auf den Boden, der Matsch spritzt hoch. Das ist kein Spaß mehr. Schreien, Heulen, Fluchen – sinnlos. Mein Glück ist weg, mein Mut dahin, mein Vertrauen fort. „Reiß dich zusammen!“, denke ich. Ich sage nichts. Nach sieben Stunden und Waten durch das hüfthohe Wasser des angeschwollenen Flusses sind wir wieder am Homestay. Ich bin nass. Ich starre in die Nacht, und der Regen rauscht, die Zikaden sägen. Mein Kopf bleibt leer.

Am nächsten Tag geht es zurück. Wir wandern zum Bootsanleger an der Küste, es sind nur zwanzig oder auch vierzig Minuten. Nixon sagt „Bye“, winkt und verschwindet in den Wald. Yusub und ich fahren mit dem Boot zurück, durch die sonnenklare Mayalibit Bay. Der Motor dröhnt, wir schweigen. Wir stehen an Land, ein wenig verlegen. Er hatte sich verirrt!
Dann wagt Yusub ein Lächeln. Ich lächele auch. Er hat mich durchs Dschungeldickicht geführt und mir leuchtende Pilze und andere Wunder gezeigt. Und Hornvögel. „Danke, Yusub!“ Er umarmt mich und sagt: „Thank you for your trust.“





















