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Verbrenner: ZF-Chef Miedreich rügt „industriepolitische Geisterfahrt“ | ABC-Z

Der zweitgrößte deutsche Zulieferer ZF hält die von der EU-Kommission vorgeschlagene Reform der Emissionsregeln für Autos für unzureichend. Der Vorstandsvorsitzende Mathias Miedreich kritisiert, dass Europa an seiner industriepolitisch falschen Grundlogik festhalte und die vermeintlich regulatorische Öffnung zu kurz greife. „Die EU-Kommission hat eine Flexibilisierung der Ziele nur angedeutet, setzt die industriepolitische Geisterfahrt aber fort“, sagte Miedreich der F.A.Z. „Was Brüssel als Flexibilität verkaufen will, ist ein erneuter Versuch sich einen Markt zurecht zu schnitzen. Technologieoffenheit bleibt ein Versprechen auf dem Papier.“

Der ZF-Chef bezieht sich auf die von der EU im Dezember vorgeschlagene sogenannte Flexibilisierung der Emissionsregeln für Autos in Europa, die die Vorschrift ersetzen soll, dass von 2035 an nur noch komplett emissionsfreie Neufahrzeuge zugelassen werden dürfen. Das käme einem Verbrennerverbot gleich, weil dann Benzin- und Dieselfahrzeuge nicht mehr verkauft werden könnten.

Nach der nun ins Spiel gebrachten Regel müssten Autohersteller den CO2-Ausstoß der neu zugelassenen Fahrzeuge nur noch um 90 Prozent im Vergleich zum Basisjahr 2021 reduzieren – nicht mehr um 100 Prozent wie bisher verlangt. Die verbleibenden zehn Prozent der CO2-Emissionen sollen durch die Verwendung von grünem Stahl (bis zu sieben Prozent) und klimafreundlichen Kraftstoffen wie E-Fuels (bis zu drei Prozent) kompensiert werden. Damit könnten auch nach 2035 Neuwagen mit Verbrennungsmotor, Plug-in-Hybride-Antrieb und Range-Extender in Europa unterwegs sein.

Zehnprozentige Öffnung reicht nach ZF-Sicht nicht aus

Aus Sicht von ZF reicht eine Öffnung um zehn Prozent nicht aus, zumal die Umsetzung der Kompensation völlig unpraktikabel sei. Außerdem habe die Industrie keinen Einfluss auf die Produktion von klimafreundlichem Kraftstoff und Grünstahl. „Der Vorschlag der Kommission deutet auf eine fantasievolle Vorstellung unternehmerischer Realitäten hin“, sagte Miedreich. „Theoretische Verfügbarkeitsannahmen und Quoten helfen nichts und niemandem. Dieser Ansatz verlagert Abhängigkeiten, statt sie zu reduzieren.“

Der ZF-Chef fordert eine umfassende Nachbesserung des Vorschlags – insbesondere was den Plug-in-Hybrid und den Range Extender als zentralen Transformationstechnologien angeht. Bei einem Plug-in-Hybrid ist das Auto sowohl mit einem Verbrennungsmotor als auch mit einem von außen ladbaren Elektroantrieb ausgerüstet, beide Aggregate können das Fahrzeug bewegen. Bei einem Range Extender fährt das Auto elektrisch, die Batterie kann aber von einem eingebauten Verbrennungsmotor aufgeladen werden.

Miedrich sieht Plug-in-Hybrid-Autos als „wichtige Brücke in Richtung Elektrifizierung im Markt“. Wer diese Technologie „regulatorisch an den Rand drängt, beschleunigt die Elektromobilität nicht, sondern bremst sie“, sagte der ZF-Chef. „Plug-in-Hybride sind also keine Abkehr von der Elektromobilität, sondern ein zentraler Baustein, um sie überhaupt marktfähig zu machen.“

Miedreich: Plug-in-Hybride könnten Vorbehalte abbauen

Hinter der Forderung steht die Idee, dass mit solchen Autos die bei Kunden noch immer bestehenden Vorbehalte gegen die Elektromobilität abgebaut werden können. Wer beim Fahren eines Plug-in-Hybrids erfahre, dass das elektrische Fahren im Alltag funktioniere, entscheide sich künftig für ein rein elektrisches Auto. Um zu verhindern, dass Plug-in-Hybrid-Fahrzeuge nur mit dem Verbrenner gefahren werden, befürwortet ZF Systeme, die den tatsächlichen Klimabeitrag eines Fahrzeugs messen. „Wer mehr lädt, erhält mehr Förderung oder Steuererleichterungen“, sagte Miedreich. „Nutzungsbasierte Anreize, vergleichbar mit Telematik-Tarifen, können elektrisches Fahren gezielt fördern.“

Die Elektromobilität ist nach Überzeugung des ZF-Chefs der zentrale Weg für die notwendige Verkehrswende. Wer aber nicht auf Technologieoffenheit setze, „riskiert Wertschöpfung, Beschäftigung und Akzeptanz – und schwächt damit auch den Klimaschutz.“ Mit der Zulassung von Plug-in-Hybriden könnte die Zahl der Autos in der Bestandsflotte vergrößert werden, die in den 2030er-Jahren mit steigendem CO2-Preis klimafreundlich weiterbetrieben werden könnten, indem sie nicht mit fossilen Kraftstoffen, sondern mit Strom betankt werden. Andernfalls besteht aus ZF-Sicht die Gefahr, dass vor 2035 noch viele Verbrenner-Autos gekauft und lange genutzt würden.

Miedreich nimmt mit der Kritik an dem EU-Vorschlag auch die Probleme der Konzerne bei der Transformation in den Blick. „Die Elektrifizierung ist das richtige Ziel – aber die Komplexität ihres Hochlaufs wurde unterschätzt“, erläuterte Miedreich. „Die Industrie hat sich bei Investitionen zu sehr an den Zielen der Politik und zu wenig an den Realitäten des Marktes orientiert.“ Auch ZF musste hohe Beträge abschreiben. Miedreichs Vorgänger an der Spitze des Zulieferers haben im Glauben an hohe Stückzahlen Lieferverträge für Elektrokomponenten zu Konditionen unterschrieben, die dem Zulieferer danach große Verluste beschert haben.

ZF und andere Autokonzerne gehen davon aus, dass die Zahl der verkauften Autos in Europa von 2030 an stark sinken könnte, wenn die Emissionsregeln nicht grundlegend geändert werden. Hersteller und Zulieferer würden in diesem Fall Produktionskapazitäten reduzieren, was weitere Entlassungswellen zur Folge hätte. Vor dem Hintergrund fordert ZF mehr Zeit, um den Übergang zu gestalten – immerhin hängt in Deutschland noch eine sechsstellige Zahl von Jobs in der Autoindustrie vom Verbrenner ab. „Wenn Europa Beschäftigung und Industrie sichern will, muss Brüssel jetzt dringend gegensteuern“, sagte Miedreich. „Politik darf nicht erst reagieren, wenn weitere Arbeitsplätze verschwunden sind. Nachträgliches Bedauern bringt keine einzige Stelle zurück.“

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