Eine Zaubernuss bringt den Frühling in den Garten | ABC-Z

An diesem Tag ist Gärtnern wahrlich kein Spaß. Der Schnee matscht, die Luft ist kalt, der Boden spürbar feucht. Weißgraue Tristesse beherrscht das Bild. Doch es gibt eine Ausnahme. Genau die sorgt bei Jobst Biester für vorfrühlingshafte Freude. Einige seiner Zaubernüsse haben ihren ersten Auftritt. Gleich neben dem Eingang auf sein Grundstück steht jenes Exemplar, mit dem alles begann.
Gut vierzig Jahre ist es her, da entdeckte Biester in einer Baumschule ein besonderes Gehölz. Goldgelb leuchteten ihm die Blüten entgegen, dazu verströmte die Zaubernuss-Sorte ’Barmstedts Gold‘ ein angenehmes Aroma. Mitten im Februar war er von dieser Schönheit überwältigt. Er kaufte die Pflanze, setzte sie in seinen Garten und wartete ab.
Ein Experiment mit ungeahnten Folgen
Viel wusste er nicht über das Gewächs mit dem botanischen Namen Hamamelis. „Ich hatte null Ahnung. Der Kauf war ein Experiment“, erinnert er sich. Das mehrstämmige Gehölz reckt sich inzwischen mit seinen Ästen in den Himmel. „Seit 40 Jahren blüht die Zaubernuss treu und zuverlässig.“ Sie blieb nicht allein. Schönheit steckt an. Was mit ’Barmstedts Gold‘ seinen Anfang nahm, wurde zur Sammelleidenschaft.
Mit mehr als hundert verschiedenen Hamamelis leistet der inzwischen 81 Jahre alte Enthusiast einen wichtigen Beitrag zum Erhalt der Artenvielfalt. Sein Garten ist Teil der vom Bundessortenamt koordinierten Initiative „Netzwerk Pflanzensammlungen“. Und Biester teilt die besondere Atmosphäre in seinem Garten: Er öffnet sein Paradies für Besucher. Der Austausch reizt ihn.
Auf dem Weg zu seinem Wohnhaus in der Nähe von Hungen im mittelhessischen Landkreis Gießen hat der ehemalige Biologie- und Chemielehrer eine Allee aus Zaubernüssen gepflanzt. Auffallend schön ist die Sorte ’Jelena‘, die in kupferfarbenen Tönen von Januar bis März blüht. Etwas versteckt steht ’Strawberries and Cream‘. Hier dauert die Blüte noch etwas. Die Sorte ist ein später Blüher, aber ihre rötlich-pinken Blüten schieben sich schon zart ins Leben. ’Moonlight‘ ist deshalb besonders, weil die Sorte das hellste Gelb bietet. Es kommt fast an ein Weiß heran. Auch die wohl bekannteste Sorte ’Arnold Promise‘ ist bei Jobst Biester zu finden. Sie steht mit ihren schwefelgelben Blüten in jedem Gartencenter.
Bei Temperaturen über zehn Grad wird es richtig interessant
Allerdings halten die Sortennamen nicht immer, was sie versprechen. Die reichblühende ’Gimborn’s Perfume‘ etwa duftet kaum. ’Advent‘ ist frühblühend, aber bereichert nicht die vorweihnachtliche Zeit. Allen Zaubernüssen gemein dagegen ist, dass auch ihre Herbstfärbung einen großen Reiz im Garten hat. Das meist zarte, zitronige Aroma macht sich am stärksten bemerkbar, wenn die Temperaturen über zehn Grad Celsius liegen.
Vielleicht liegt es am Mikroklima, das sich die Pflanzen in Biesters Garten so wohlfühlen. Das Grundstück liegt idyllisch direkt am Trais-Horloffer See. „Früher wurde hier Braunkohle abgebaut“, erzählt Biester. „Dann wurde der Tagebau stillgelegt. Es entstand ein Baggersee, der sich zu einem Naherholungsgebiet für die Region entwickelt hat.“
Davon profitieren auch die vielen Gehölze, Sträucher, Stauden und Gräser in der Umgebung. Biester liebt Pflanzen so sehr, dass er sich auf einer Fläche von rund 3000 Quadratmetern über die Jahre einen eindrucksvollen Privatgarten mit zahlreichen inselartig verteilten Beeten angelegt hat. Er schätzt seinen Bestand an Pflanzen auf mehr als 1000 Arten und Sorten.

Es sind Schätze dabei, die auch im Winter eine gute Figur machen, wie Samt-Hortensie (Hydrangea aspera ssp. sargentiana), Zimtahorn (Acer griseum), Hartriegel (Cornus), Mahonien (Mahonia), Winterjasmin (Jasminum nudiflorum) und Mahagoni-Kirsche (Prunus serrula). Jede Jahreszeit ist ihm wichtig, weswegen er als zweite Leidenschaft eine umfangreiche Sammlung von gut 650 Rosen aufgebaut hat. Auch hier trifft Schönheit auf Duft.
Die Zaubernuss-Blüte ist ein erster Höhepunkt. Sie beginnt im Dezember und lässt sich Zeit, wächst langsam, versorgt erste Insekten mit Futter und nimmt Gärtnern Arbeit ab. „Bei aller Attraktivität ist die Zaubernuss eine eher anspruchslose Pflanze“, erklärt Biester. „Sie will von allem nicht zu viel. Nicht zu viel Wasser, nicht zu viel Trockenheit, dann hat man große Freude.“
Wie ein Leuchten in der Dunkelheit
In vielen öffentlichen Parks und Gärten stehen Zaubernüsse. Ihr gestalterischer Wert ist hoch, weil die Gehölze nicht sehr groß werden. Selten erreichen sie vier Meter Höhe. Das macht sie auch für kleine Gärten attraktiv. Im Garten von Jobst Biester wachsen kleine Exemplare neben größeren, einige stehen für sich, sind Solisten auf einer eigenen Bühne.
Besonders mehrstämmige Zaubernüsse haben einen besonderen Charme, weil sie Gartenräume nicht dicht machen, sondern für Durchsicht sorgen. „Je nach Farbigkeit der Blüten bringen dunkle oder immergrüne Hintergründe die Zaubernüsse noch mehr zum Leuchten“, empfiehlt er. „Akkurat geschnittene Eibenhecken sorgen für Ruhe und geben vor allem gelben Zaubernuss-Sorten mehr Grandezza im Beet.“

Das Gros der Sorten sind sogenannte Hybrid-Zaubernüsse (Hamamelis × intermedia). Dabei handelt es sich um eine gärtnerische Kreuzung der beiden ostasiatischen Arten Hamamelis mollis und Hamamelis japonica. Die amerikanische Variante Hamamelis virginiana, die schon im Herbst blüht, hat eine lange Tradition in der Volksheilkunde. Getrocknete Blätter und auch die Rinde wurden zu entzündungshemmenden Aufgüssen und Salben verarbeitet, meist gegen Hautverletzungen.
Die meisten Pflanzen hat Biester in den Niederlanden und Belgien gekauft. Immer wieder besuchte er Baumschulen, Gartencenter und auch Parks. Vor allem das Arboretum Kalmthout in Belgien war ein häufiges Ziel. Die Hamamelis-Sammlung dort gehört zu den schönsten in Europa.

In seinem Garten in Hessen mit all der Vielfalt und den botanischen Schätzen findet die Zaubernuss als Flachwurzler ideale Bedingungen. „Sie bevorzugt einen windgeschützten, naturnahen Standort, an dem sie sich ungestört entfalten kann. Ideal sind helle bis halbschattige Plätze mit ausreichend Licht, aber ohne pralle Mittagssonne“, rät Biester. „Der Boden sollte locker, humos und gut durchlässig sein, um die gefährliche Staunässe zu vermeiden.“
Biester legt viel Wert auf eine Unterbepflanzung. Efeu und andere Immergrüne eignen sich ebenso wie Stauden und Gräser. Wer sich mit Hamamelis beschäftigt, stolpert immer über den wichtigen Hinweis, dass die Gehölze vor allem Ruhe wollen. Mit anderen Worten: keinen Rückschnitt.
Biester geht andere Wege. Er reduziert allerdings nur einige neue Jahrestriebe, um so einen kompakteren Wuchs zu erzeugen. „Das alte Holz ist in der Tat Tabu. Die Zaubernuss treibt aus dem alten Holz schlecht wieder aus. Die beim Schnitt entstandenen Wunden verheilen nicht gut.“
Trotz aller Fragilität trotzt die Hamamelis Schnee und Frost. Temperaturen von minus 20 Grad Celsius sind für einige Sorten kein Problem. Die Blüten verringern ihre Oberfläche und kringeln sich zusammen. Sobald die Temperaturen wieder im Plus-Bereich liegen, rollen sich die Blüten wieder aus. Wie durch Zauberei.





















