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VAR beim Spiel Heidenheim gegen Stuttgart: Neuer Spielstand 1:2, ach nein, 2:1 – Sport | ABC-Z

Menschen, die sich für Fußball interessieren, ihre Sonntagabende aber nicht immer mit der Besichtigung von Fußballspielen verbringen wollen, könnten an diesem Sonntagabend eine Grenzerfahrung erlitten und womöglich sogar an ihrem Verstand gezweifelt haben. Wer gegen 20 Uhr einen prüfenden Blick aufs Handy warf, wurde darüber informiert, dass der 1. FC Heidenheim gegen den VfB Stuttgart mit 1:2 zurückliegt. Wer ein paar Minuten später erneut draufschaute, erhielt die Information, dass Heidenheim gegen Stuttgart mit 2:1 vorn liegt. Hä?

Es gibt dieses schwäbische Erstligaderby noch nicht lange, aber dafür hat es dieses Duell schon zu einiger Berühmtheit gebracht. Vor zwei Jahren gipfelte es schon einmal in einem turbulenten 3:3, in Stuttgart damals, ebenfalls mit Deniz Undav als finalem Torschützen. Das aktuelle 3:3 (2:2) in Heidenheim legte allerdings großen Wert darauf, das Spiel von damals zu übertreffen. Das gelang, weil die Partie nicht nur ein paar irre Abfahrten nahm und verrückte U-Turns enthielt (aus 1:2 wird 2:1; Stuttgart schießt fünf Tore, es zählen aber nur drei; Heidenheim trauert der Riesensiegchance in der 95. Minute ebenso hinterher wie Stuttgart den Riesensiegchancen in der 91. und 96. Minute).

Was die Geschichte dieses Spiels aus Rezensentensicht aber besonders reizvoll machte, war die rasante Verschmelzung der Aspekte Sport und Technik. Alle, die schon immer was gegen den Videoreferee hatten, durften sich von dieser Partie bestätigt fühlen. Und alle, die den Videobeweis für eine gute Idee halten, erst recht.

Spieler und Zuschauer haben sich inzwischen daran gewöhnt, dass sie auch mal umsonst jubeln

Tatsächlich machte es einem diese rasende Begegnung nicht leicht, zwischen subjektiver und objektiver Betroffenheit zu unterscheiden. So drängte sich bei den Stuttgartern das Gefühl auf, vom VAR und verdächtigen Abseitsgrafiken nicht zum ersten Mal unfair behandelt worden zu sein, aber dieses aufgrund des Spielverlaufs verständliche Gesamtgrummeln hielt der Einzelfallprüfung am Ende doch nicht ganz stand. So rechtfertigte Maximilian Mittelstädts Strafraum-Fußtreffer bei Heidenheims Eren Dinkci (33.) wohl den Eingriff des VAR, obwohl Schiedsrichter Sascha Stegemann die Liveszene bei bester Sicht noch für okay befunden hatte. Und so kam es dann eben zu der kuriosen Situation, dass Stuttgarts Ermedin Demirovic zum 2:1 traf, was wegen der vorangegangenen Mittelstädt-Dinkci-Szene aber annulliert und auf der anderen Seite des Spielfelds in Elfmeter und Tor für Heidenheim umgewandelt wurde.

Spieler und Zuschauer haben sich inzwischen daran gewöhnt, dass sie auch mal umsonst jubeln, weil ein Tor zurückgenommen wird. Dass aber ein Tor zurückgenommen und den anderen dafür ein Elfmeter oben draufgeschlagen wird, geht dermaßen gegen etablierte Seh- und Emotionsgewohnheiten, dass es den VfB-Spielern hoch anzurechnen ist, dass sie danach nicht ihre Linie verloren, zweimal ausglichen und trotz Europapokal-Müdigkeit bis zum Schluss ihre Überlegenheit aufs Feld brachten. Unter diesem emotionalen Einfluss war es auch kein Wunder, dass Trainer Sebastian Hoeneß später Heidenheims Tor zum 3:2 (82.) infrage stellte und ebenfalls für einen VAR-Eingriff plädierte. Dass Heidenheims Stefan Schimmer den Stuttgarter Ramon Hendriks bei dessen Klärungsversuch sittenwidrig hinderte, gaben die Bilder aber nicht eindeutig her, weshalb auch diese Szene gemäß der komplexen Schieds- und Videoschiedsrichterlogik als korrekt bewertet gelten kann.

Am Ende ließ sich diesem bunten Abend jedenfalls die Anregung entnehmen, vielleicht doch noch mal über die technische Ausstattung der ganzen Unternehmung nachzudenken. Der Stuttgarter Laune half es jedenfalls nicht, dass auch ihr zweiter vermeintlicher Führungstreffer aberkannt wurde, wieder durch Demirovic (73.), diesmal per Kopf und wegen einer schulterbreiten Abseitsposition, die Spieler und Trainer hinterher auch auf Bildern nicht überzeugte. Und erneut für Spekulationen sorgte, etwa jene, die Abseitslinie sei beim falschen Spieler angelegt worden. Einem Bild, das die DFB Schiedsrichter GmbH am Montag veröffentlichen ließ, lässt sich aber tatsächlich eine knappe Abseitsstellung entnehmen, die nicht für Verschwörungstheorien taugt. Dennoch erhöht sich beim Thema Abseits zunehmend der Handlungsbedarf, weil zumindest die schnell verfügbaren Rätselgrafiken die Glaubwürdigkeit des Instrumentariums nicht erhöhen. Es ist kein Geheimnis, dass höher auflösende Kameras deutlich mehr Bilder pro Sekunde liefern und auch etwaige tote Winkel schließen könnten.

Aber das würde, ebenso wie der Chip im Ball, extrem viel Geld kosten. Und zahlen müsste das die DFL – und damit indirekt die Klubs selbst.

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