Streit um Berlinale-Chefin Tuttle: In Bedeutungslosigkeit versinken | ABC-Z

D ie Berlinale war immer politisch. 2004 zum Beispiel, als bei der 54. Berlinale der Goldene Bär, Hauptpreis des Festivals, das letzte Mal nach Deutschland ging, gab es sogar einen ganzen politischen Themenschwerpunkt. Ein „programmatisches Augenmerk“, nannte der damalige Festivaldirektor Dieter Kosslick das: Zehn Jahre Ende der Apartheid in Südafrika sollten mit passenden Filmen gewürdigt werden.
1970 schaffte es ein einziger Film sogar, das gesamte Festival frühzeitig zu beenden, sodass kein einziger Preis verliehen wurde. Der Film kam aus Deutschland und hieß „o.k.“. Regisseur Michael Verhoeven nahm sich darin eines höchst politischen Themas an, weswegen sich besonders ein Jurymitglied weigerte, weiter mitzumachen.
In „o.k“ geht es um ein reales Kriegsverbrechen, den sogenannten Zwischenfall von Hügel 192: die Gruppenvergewaltigung und Ermordung der Vietnamesin Phan Thị Mào durch US-Soldaten im Jahr 1966. Ein grausames Ereignis, das Verhoeven, um es etwas erträglicher zu machen, aus der Distanz betrachtet: Der Film spielt zwar in Vietnam, wurde aber im Grünwalder Forst südlich von München gedreht. Alle Schauspieler_innen stellen sich am Anfang vor und sprechen danach durchweg im bairischen Dialekt. Wenn alles vorbei ist, sieht man sie, auch die lächelnde Eva Mattes, die Phan Thị Mào spielt, das Set verlassen.
Etwas anderes ist faul
Jurymitglied und Regisseur George Stevens aus den USA empfand den Film als antiamerikanisch. „Entweder der Film fliegt raus oder ich fliege heim“, soll er gesagt haben. Ein riesiger Streit brach aus, die Regisseure zogen ihre Filme aus Protest zurück und der damalige Festivaldirektor, Alfred Bauer, ging. Es war das erste und einzige Mal, dass die Berlinale abgebrochen wurde.
In einem Interview von 2020 mit dem Spiegel sagte Verhoeven im Übrigen, dass es ihm nicht nur darum ging, das Verhalten der Amerikaner_innen mit seinem Film anzuklagen, sondern auch den Deutschen ihre Indifferenz vorzuhalten, was den Vietnamkrieg angeht. Darüber zu streiten, hätte mehr als Sinn ergeben.
Dass die Berlinale an einem kontroversen Film zerbrach, war ein Armutszeugnis für ihre Streitkultur
Dass die Berlinale an einem kontroversen Film zerbrach, war ein Armutszeugnis für ihre Streitkultur. Was das Ganze aber nicht belegt, ist, dass Filme wie „o.k.“ zu politisch und deswegen nicht auszuhalten sind. Wenn ein Filmfestival daran zerbricht, dass es keinen politischen Konsens gibt, dann ist etwas anderes faul.
Wie 2004 war vor zwei Jahren wieder von Apartheid die Rede, als die israelisch-palästinensischen Filmemacher Yuval Abraham und Basel Adra für ihren Film „No Other Land“ den Preis für den besten Dokumentarfilm gewannen und das Wort nutzten, um die Situation im Westjordanland zu beschreiben. Die damalige Kulturstaatsministerin Claudia Roth rechtfertigte sich nach der Preisverleihung damit, dass sie dem Israeli applaudiert habe und nicht dem Palästinenser.
Zum Staatsfestival verkommen
Ein Festival, das nur im Konsens funktioniert, ist uninteressant. Genau so könnte die Berlinale aussehen, wenn die jetzige Festivaldirektorin Tricia Tuttle geht, nachdem sie propalästinensische Äußerungen zugelassen hatte, wie ihr vorgeworfen wird.
Der Kulturstaatsminister Wolfram Weimer hatte danach eine Aufsichtsratssitzung einberufen, auf der darüber gesprochen werden soll, ob Tuttle im Amt bleiben darf oder nicht. Auch er scheint politische Differenz nicht auszuhalten. Dabei waren die zwei Festivals unter Tuttles Leitung recht zahm und nicht mal von großen politischen Statements geprägt. Der dpa sagte sie am Montag jedenfalls, dass sie im Amt bleiben wolle.
Sollte Tuttle entlassen werden, würde die Berlinale wohl noch weiter in der Irrelevanz versinken – die ganz großen Filme bleiben schon länger aus und auch der Termin im Februar, kurz vor den Oscars, hilft dem Festival nicht. Wenn sie dann auch noch zu einem Staatsfestival verkommt, wo Minister vorschreiben, welche Filme und Reden legitim sind, ist es wohl ganz aus mit ihr.





















