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US-Langläufern Jessica Diggins: „Meine Angst vor den Ereignissen in meiner Heimat verleiht jedem Rennen einen tieferen Sinn“ – Sport | ABC-Z

Am Ende sank Diggins auf den Boden, sie lag da und stand minutenlang nicht mehr auf. Die vielen Hügel, die kurzen, steilen Anstiege und die schwierigen, kurvigen Abfahrten hatten ihr die letzte Luft zum Atmen genommen. Immerhin gab es keine Pfiffe für sie auf der Tribüne, wie am Vorabend in Mailand für das US-Team, als es während der Eröffnungsfeier ins San Siro einlief. Vermutlich auch, weil das Fachpublikum in Tesero genau weiß, wofür Diggins vor allem kämpft: für nicht weniger als ein freies, faires, friedliches Amerika. Und für mentale und körperliche Gesundheit, nicht nur die eigene.

Am Donnerstag hatte Diggins eine beeindruckende Pressekonferenz in Tesero gegeben. Sie saß dort mit schwarzer Maske neben ihren fünf Teamkolleginnen, zwei Drittel der Fragen richteten sich an sie, im Anschluss beantwortete sie alleine weitere Fragen. Es mache ihr „riesigen Spaß, jetzt die Rolle der Bärenmutter zu übernehmen, weil ich in meiner Jugend so viel von meinen Teamkolleginnen gelernt habe“, sagte Diggins, deren Karriere in diesem Frühjahr nach ihren vierten Winterspielen enden wird. Aber darum geht es eben nur vordergründig in ihrer Geschichte, die so weit über das Langlaufen hinausreicht.

Was soll Diggins auch verlieren? Sie hat alles erreicht auf der sportlichen Bühne

Diggins, die Olympiasiegerin von Pyeongchang und zweimalige Weltmeisterin, stammt aus Afton, Minnesota, am Ostrand der Metropole Minneapolis, durch die der Mississippi fließt. Aus jenem demokratisch regierten Schmelztiegel also, der seit Wochen durch die beiden Tötungen der US-Bürger Renée Good und Alex Pretti durch die US-Einwanderungspolizei ICE in den Schlagzeilen ist, begleitet von landesweiten Protesten. 2020 war hier schon George Floyd durch einen Polizisten getötet worden, als dieser fast zehn Minuten lang auf Floyds Hals und Rücken gekniet war.

„Wissen Sie“, hob Diggins an im vollen Saal, „ich bin in Minnesota geboren und aufgewachsen. Und es ist unglaublich schwer, mich auf das Skifahren zu konzentrieren, wenn ich sehe, was mit diesen wunderbaren Orten dort geschieht. Für mich ist es sehr wichtig, jenes Amerika zu repräsentieren, das respektvoll, liebevoll, fürsorglich und offen ist und in dem man sich gegenseitig unterstützt. Das sind meine Werte.“ Sie stehe eben nicht, wie sie zuvor schon ihren 250 000 Followern auf Instagram mitgeteilt hatte, „für Hass, Gewalt oder Diskriminierung“.

Vorbereitung für Olympia: Jessica Diggins mit ihrem Coach beim Training in Tesero am Freitag.
Vorbereitung für Olympia: Jessica Diggins mit ihrem Coach beim Training in Tesero am Freitag. (Foto: Foto Olimpik/NurPhoto/Imago)

Diggins ist eine Frau, die druckreife Sätze sagt, gesegnet mit diesem ur-amerikanischen Optimismus und, das auch, einem eindrücklichen Sendungsbewusstsein. In Zeiten, in denen sich alle Welt zurückzieht, in der auch Sportprofis jedes gesprochene Wort vorher abwägen, ist sie ein Segen für diese Winterspiele. Auch, weil sie sich nicht davor scheut, politische Botschaften wie diese zu senden: „Ich mache mir wirklich Sorgen um die Sicherheit der Menschen, die ich zu Hause kenne. Und meine Angst vor den Ereignissen in meiner Heimat verleiht jedem Rennen einen tieferen Sinn. Denn ich bin hier, um etwas zu bewirken.“

Was soll Diggins auch verlieren? Sie hat alles erreicht auf der sportlichen Bühne. Nicht nur den Olympiasieg und die WM-Titel, sondern auch Gesamtweltcup-Siege in den Jahren 2021, 2024 und 2025. Ein Rennen wie dieses am Samstag, nach dem Diggins erzählte, dass sie auch noch einen Zusammenstoß gleich auf der ersten Runde hatte, kann ihr nicht mehr viel anhaben. Sie läuft längst auf einer anderen Ebene. Jedenfalls sagte sie am Donnerstag: „Man kann die Olympischen Spiele immer noch als Plattform nutzen, um über so wichtige Dinge wie Minneapolis, den Klimawandel, über psychische Gesundheit oder Essstörungen zu sprechen. Auch, um Stigmatisierung abzubauen.“

Diggins litt an Bulimie, mit 18 Jahren dachte sie, sie würde nicht mehr lange am Leben bleiben

Es gibt ja nicht nur die politische Seite an Diggins, sondern auch eine persönliche Leidensgeschichte. In ihrer Jugend erkrankte sie an Bulimie, eine psychische Erkrankung und Essstörung, bei der es zu Heißhungeranfällen kommt, nach denen Betroffene sich absichtlich übergeben, um nicht zuzunehmen. Ausführlich äußerte sie sich auch dazu, erzählte, dass sie mit 18 Jahren dachte, nicht mehr lange am Leben zu bleiben. Der Druck im Profisport, das ständige Überprüfen der eigenen Fitness im Ausdauersport, der Zwang, sich so zu ernähren, dass es bloß zu keiner Gewichtssteigerung kommt. All das spielte eine Rolle.

Diggins begann, die Erkrankung zu bekämpfen, sie holte sich professionelle Hilfe, ihre Familie und ihr Coach Jason Cork unterstützten sie. Bulimie ist oft ein langjähriger Begleiter, sich davon zu lösen, gilt als eine Husarenaufgabe. „Vor zweieinhalb Jahren hatte ich einen Rückfall“, sagte Diggins, aber auch diesen überwand sie: „Jetzt geht es mir wirklich gut. Und das spüre ich.“

Auch deshalb sei es ihr so wichtig, darüber zu sprechen: „Denn Essstörungen werden oft missverstanden, sie sind sehr stigmatisiert. Aber ich sage: Hey, schaut mal, ich bin hier bei den Olympischen Spielen, ich fahre Rennen, ich bin jetzt glücklich und gesund, weil ich professionelle Hilfe bekommen habe.“ Diggins sagt, sie habe oft den Satz gehört: Warum kannst du nicht einfach essen? „Aber niemand entscheidet sich für eine Essstörung. Und es ist in Ordnung, dann die Hürde zu überwinden und um Hilfe zu bitten, weil man sie braucht.“

Diggins hat oft über dieses Thema gesprochen, immer und immer wieder, in den sozialen Medien, bei Vorträgen, jetzt bei Olympia. Sie weiß, dass sie einen hohen Preis zahlen musste, es öffentlich zu machen. „Aber wenn man wirklich Veränderung will, hat Veränderung ihren Preis, oder?“, sagt sie: „Für mich ist der Preis meine Privatsphäre. Aber ich bin bereit, ihn zu zahlen, um zu versuchen, Leben zu retten.“

Am 23. Februar kommt eine NBC-Dokumentation über Diggins heraus, die Olympiasiegerin im Langlauf, die ihre Dämonen besiegte und sich auch noch aufmacht, für all die Werte zu kämpfen, die in ihrem Land gerade immer mehr verschwinden. Das mag kitschig klingen, auf der anderen Seite ist es eine Geschichte, wie sie vielleicht nur in Amerika geschrieben werden kann. „Die Geschichte, die Sie in diesem Film sehen werden, endet mit Hoffnung, Gesundheit und Glück. Und das wünsche ich mir für alle“, sagt Diggins.

Aber sie ist ehrgeizig genug, um diese Olympischen Spiele erst mal noch nicht abzuschreiben nach ihrem achten Platz. Sie trägt weiter eine Maske, um ihre Gesundheit zu schützen, selbst wenn sie mit ihrem Mann Wade, ihren Eltern, ihren Tanten und Onkeln und Freunden zusammen ist. Alle sind sie gekommen. Ihre Oma, erzählt sie „hat für diese lange Reise sogar auf dem Stepper im Fitnessstudio trainiert“. Sie möchte nur eines, bei ihrem letzten großen Auftritt auf der Sportbühne: „Dass ich nach dem Zieleinlauf einfach meine Mutter umarmen kann. Egal, wie es gelaufen ist.“

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