Unorthodoxe deutsche Stürmer: Vielfalt ganz vorn | ABC-Z

War das schon Weltklasse, was man am Samstag in Dortmund bewundern konnte? Wie Deniz Undav den Ball mit dem rechten Fuß geschwind an seinem linken Bein und an Dortmunds Nico Schlotterback vorbei legte; wie er ihn dann durch dessen Beine schoss, genau in die linke untere Ecke des Tors? Ja, schon – fand Deniz Undav. „Weltklasse, wie ich meinen Körper reinstelle“, sagte er hinterher. „In der zweiten Halbzeit war er absolut Weltklasse“, sagte sein Trainer Sebastian Hoeneß. Und weil die Lage ist, wie sie ist im Stürmerland Deutschland, wurde Deniz Undav nach seinen drei Toren gegen den BVB gleich gefragt: Hat sich der Bundestrainer schon gemeldet?
Spätestens seit dem letzten großen Titel schwirrt regelmäßig die Stürmerfrage durchs Land, samt der dazugehörigen Debatte: Warum bildet Deutschland keine Spitzenstürmer aus? Warum hat sich niemand festgeschossen im deutschen Angriffszentrum, sich fix hineingeköpft in die Köpfe der deutschen Fußballfreunde, damit die Stürmerfrage von dort verschwindet? Das Angriffszentrum gilt neben der Außenverteidigung als größte Problemposition zwischen Kiel und Augsburg. In diesen Tagen aber darf man zumindest feststellen: So problematisch ist die Problemposition vielleicht auch nicht. Denn es gibt zwar nicht den einen Mann von Weltformat, aber doch ein paar mit besonderer Begabung.
Weltklasse höchstens in Momenten
Undav, kein Weltklassestürmer, aber ein Weltklasseschlitzohr, stellte am Samstag zu Recht fest, dass man gegen Borussia Dortmund nicht jeden Tag drei Tore schieße. Vor allem: nicht jeder, und erst recht nicht so – auf so mittelstürmerhafte Weise, dass Undav hinterher von einem Sky-Reporter gefragt wurde, ob er Gerd Müller kenne. In Köln, knapp hundert Kilometer entfernt, traf zwei Stunden später Jonathan Burkardt zweimal, Frankfurts Meister der unorthodoxen Tore. Burkardt, der im vergangenen Jahr 18 Tore im kleinen Mainz schoss, ist mit acht Toren in zehn Spielen nun der erfolgreichste unter den Bundesligastürmern, die nicht Harry heißen.
Und in England hat sich in den vergangenen Wochen einer warmgeschossen, der als Aushängeschild der unorthodoxen Angreifer gelten darf. Die Tore von Nick Woltemade, dem Trickser auf Stelzen, zählen zu den wenigen Dingen, die deutschen Fans Hoffnung machen nach der eher geglückten als gelungenen WM-Qualifikation.
Wenn man den Blick also nach ganz vorn richtet nach diesem ersten Saisondrittel, sieht man zwar noch immer keinen messianischen Neuner unter den deutschen Stürmern, keinen deutschen Kane oder Haaland. Weltklasse werden Burkardt, Woltemade oder Undav höchstens in Momenten erreichen. Aber es gibt eine Stürmervielfalt, die für beste Unterhaltung sorgt in dieser Fußballsaison – und die eine Nationalmannschaft dank ihrer Spezialfertigkeiten durchaus durch ein Turnier tragen kann. Weil sich ein paar Unorthodoxe dazugesellt haben, die mitspielen können.
Und wer zurückdenkt an die Zeit vor der Stürmerdebatte, stellt fest, dass es auch nicht immer der Wunderstürmer sein muss: In dem Spieljahr, in dem Deutschland seinen letzten Titel gewann, hatte Mittelstürmer Miroslav Klose nicht mehr als sieben Tore für Lazio Rom erzielt.





















