Überraschender Fund: Wie der Königsdorfer Maler Georg Demmel neu entdeckt wird – Bad Tölz-Wolfratshausen | ABC-Z

Es sei „Wahnsinn“, sagt Michael Demmel, wie mehr als 50 Bilder seines Großonkels und Malers Georg Demmel nach Jahrzehnten von Königsdorf über Bad Wörishofen, Italien und Schwabbach in Franken wieder zurück auf den landwirtschaftlichen Hof in Oberbayern gekommen sind. Denn sein Großonkel signierte seine Bilder kaum, verkaufte sie nur an Menschen, die ihm sympathisch erschienen. Dass irgendwo noch so viele Werke in einer Sammlung auf einmal existieren könnten, die zudem signiert und nach Entstehungsjahren datiert waren, hielt Michael Demmel für unvorstellbar.
Bereits 1972 war sein Großonkel gestorben und danach mit seinem Werk fast ganz in Vergessenheit geraten. Dabei ist der 1899 geborene Maler durch seine Darstellungen, die auf exakter Beobachtung basieren, ein bedeutender Chronist kaum noch geläufiger bäuerlicher Arbeits- und Alltagswelten.
Diese können Besucher vom 22. März an in noch nie gesehener Fülle im Gaißacher Werkstattatelier Forum Lin von Erwin Wiegerling erleben. Der gelernte Kirchenmaler und Restaurateur lernte Georg Demmel zu Jugendzeiten kennen und als Lehrmeister schätzen. „Es ist die Nähe zur Natur, die ihn für mich besonders macht“, sagt Wiegerling.
Wenn Demmel die Bauern im Umgang mit der Axt oder der Heugabel zeichne, stimme einfach jede Nuance der Bewegungsabläufe im Umgang mit den landwirtschaftlichen Werkzeugen. „Es lebt“, sagt Wiegerling. „Das ist das Besondere.“ Die Zeichnungen und Gemälde seien Dokumente längst vergessenen bäuerlichen Lebens.
Beispielhaft dokumentiert Demmel etwa, wie die Bauern die Streu für ihre Viehställe sammeln – von den Ärmeren, die dafür Laub aus dem Wald aufheben bis zu den Wohlhabenderen, die das geschnittene Gras von den Moorwiesen im Winter bei gefrorenem Boden einbringen.
All das war Georg Demmel bestens vertraut. In Königsdorf nur als „der Maler“ bekannt, hatte er in der bayerischen Landeshauptstadt studiert, war seit 1935 Mitglied der Münchener Secession und blieb doch zeitlebens in den landwirtschaftlichen Kosmos des familieneigenen Hofs eingebunden, für den er selbst auch regelmäßig zur Sense griff.

Im Heimatdorf galt Demmel als schweigsam und zurückhaltend. Der Wörishofener Badearzt Wilhelm Pittroff, der ihn jahrzehntelang mit seiner Lebensgefährtin in seinem Werkstatthaus besuchte, muss ihm allerdings sympathisch gewesen sein. Denn der Mediziner erwarb die mehr als 50 bisher unbekannten Werke, die jetzt wieder aufgetaucht sind. Von dieser Vielzahl wusste die Familie nichts.

Eines der Bilder, datiert aus dem Jahr 1964, zeigt in kalten Schwarz-Weiß-Tönen, wie sich zwei Männer, leicht nach vorn gebeugt, mühsam durch einen verschneiten Wald vorarbeiten. „Wenn der Tag bricht“ heißt es, und meint genau den Moment im Übergang der Dämmerung zu völliger Dunkelheit. Ein laut Wiegerling oft gebrauchter Ausdruck des Königsdorfer Malers, der seine genaue Naturbeobachtungsgabe verdeutliche.
„Wenn der Tag bricht“, heißt auch die Schau im Gaißacher Atelier „Forum Lin“, die immer sonntags von 13.30 bis 16 Uhr zwischen dem 22. März und dem Nikolaustag am 6. Dezember 2026 zu sehen sein wird. Gezeigt werden dort um die 150 Werke von Georg Demmel und künstlerische Arbeiten Wiegerlings. Die Ausstellung ist für den Tölzer Autor Walter Frei, der Leben und Werk Georg Demmels durch eine Monografie vor ein paar Jahren schon bekannter machte, ein „kulturelles Highlight“.


Die Basis davon bildet die Sammlung des Wörishofener Mediziners Pittroff. Als der Badearzt im Jahr 1996 starb, erbte der Neffe seiner Lebensgefährtin sämtliche Bilder. Der zog mit seiner Ehefrau schließlich in ein Haus bei Venedig, wo er 2023 starb. „Das ganze Haus war zugepflastert mit Demmel-Bildern“, sagt dessen Sohn und Erbe am Telefon. Namentlich will der fränkische Unternehmer anonym bleiben.
Der Maler hätte ihm nichts gesagt, bis seine Frau auf eine Fernsehsendung stieß. „Das sind doch wie unsere Bilder, haben wir gedacht“, berichtet der Unternehmer. Daher riefen sie den Großneffen an. Michael Demmel habe erst nicht geglaubt, dass irgendwo noch so viele Bilder seines Großonkels existieren könnten. Als sie dann mit der Sammlung in Königsdorf angekommen seien, habe Demmel geweint. Gemeinsam hätten sie sich auf eine symbolische Kaufsumme geeinigt. „Wir wollten damit kein Geld machen“, sagt der Unternehmer. „Unsere Intention war, dass die Bilder wieder dorthin kommen, wo sie hingehören.“

Darüber hinaus ist Demmel für Fresken an Häusern bekannt, er stellte Hinterglasbilder her oder bemalte Holzdecken, Möbel sowie Leonhardiwagen. Zu sehen sind in der aktuellen Schau auch Zeichnungen vom elterlichen Hof, von Königsdorf und der Umgebung, die Demmel an seinen Neffen – den Vater von Michael Demmel – schickte, als dieser in Kriegsgefangenschaft in Nordafrika war.
Aus den Substanzen der Natur schöpft auch Wiegerling für seine Arbeiten, er sammelt etwa Erde aus verschiedenen Weltregionen oder Streu aus dem Benediktbeurer Moor und vermischt die Naturmaterialien mit Farbpigmenten für expressive, großformatige Bilder. Im Eingangsbereich seines Ateliers ragt ein ausgehöhlter meterhoher Baumstamm auf aufgeschichtetem Heu schräg nach oben.
Michael Demmel will das Werk seines Großonkels weiter bewahren, so wie die Landwirtschaft der Familie, die auch heute noch weiter existiert.





















