U18-Wahl: So lernen Jugendliche Demokratie – Landkreis München | ABC-Z

Wenn es nach der Jugend geht, dann muss sich Christoph Göbel vor dem kommenden Wahlsonntag auf eine Stichwahl einstellen. Bei den U18-Wahlen im Landkreis München hat der amtierende Landrat von der CSU mit 28,5 Prozent zwar die meisten Stimmen der Bewerber erhalten, allerdings nur knapp vor seinem SPD-Herausforderer Wolfgang Panzer aus Unterhaching, der 22,9 Prozent der Stimmen erhielt, und Marion Seitz von den Grünen mit 18,7 Prozent. Gut 40 Prozent für die Kandidaten von Rot und Grün – da könnte es bei der Entscheidung zwei Wochen später also sogar richtig spannend werden.
Bis vergangenen Freitag durften Kinder und Jugendliche aus dem Landkreis und der Stadt München bei den U18-Wahlen des Kreisjugendrings ihre Stimme abgeben. Bei den echten Kommunalwahlen am kommenden Sonntag, 8. März, dürfen sie noch nicht mitstimmen, da in Bayern auch bei Kommunalwahlen erst das Wahlrecht ab 18 Jahren gilt – anders übrigens als in mittlerweile elf der 16 deutschen Bundesländer; hier dürfen bereits 16-Jährige an der Wahl teilnehmen. Umso wichtiger sei es, auch hierzulande Jüngere schon an die Grundgedanken der Demokratie und des Wahlprinzips heranzuführen, sagt Blandine Ehrl, die für den Kreisjugendring (KJR) München-Land die U18-Wahl koordiniert. Damit sich bei den Jungen nicht der Eindruck einstellt, für ihre Meinung interessiere sich „die Politik“ sowieso nicht.
„Man hat den Eindruck, die jüngsten politischen Entwicklungen werden immer unsicherer“, sagt Ehrl. „Daher wird es immer wichtiger, über Demokratie aufzuklären.“ Die Resonanz ist durchaus da – wenn man die Jugendlichen direkt anspricht.
An einem nebligen Mittwoch sind Ehrl und ihre Kolleginnen vom KJR mit ihrem weinroten „Demokratie-Bus“ in Unterschleißheim. Das fahrende Wahl- und Informationsmobil parkt neben dem Basketballplatz zwischen der Therese-Giehse-Realschule und dem Carl-Orff-Gymnasium. Rund um den Kleinbus sind verschiedene Stationen aufgebaut, ein gelber Wahlzettel hängt quer über das Seitenfenster. Drei Mädchen beugen sich über ein Plakat mit der Frage „Was habe ich in letzter Zeit für die Demokratie getan?“ und beratschlagen, wo sie ihren Stimm-Punkt aufkleben. Eine Zehntklässlerin der Realschule notiert gerade ein Wunsch-Projekt auf eine Karte und steckt diese in eine blaue Box. Die Wünsche werden später gesammelt und an die Unterschleißheimer Bürgermeisterkandidaten übergeben.
An einer Bierbank können die Jugendlichen über verschiedene Grundsatzfragen abstimmen. Ein weißer Tischtennisball im Eimer bedeutet Zustimmung, ein orangener Ablehnung. Bei einem Statement herrscht an diesem Nachmittag Einigkeit: „Es ist Aufgabe der Gemeinde, auch Menschen zu unterstützen, die wenig zur Gesellschaft beitragen können.“ Der Satz hat bisher nur weiße Tischtennisbälle geerntet. Andere Aussagen sind da schon umstrittener.
Eine Gruppe von Jugendlichen diskutiert rege, ob „Probleme wie Vandalismus oder Gewalt eher durch soziale Angebote als durch Strafen“ gelöst werden sollten. Mit professioneller Begleitung könnten junge Leute, die eine solche Tat begangen haben, eher Einsicht in ihr Tun gewinnen und sich dann nachhaltig ändern, meint eine Schülerin. Andere tendieren eher zur Strenge und legen einen orangen Tischtennisball in den Eimer. „Mich würde jetzt interessieren: Wie kann man hier eine Einigung finden, wo ja nicht alle derselben Meinung sind, was meint ihr?“, fragt Marta Hermyt vom KJR die Jugendlichen. Mehrere der Schüler melden sich zu Wort.
„Die Jugendlichen gehen bei uns ein bisschen unter wegen der alternden Bevölkerung.“
Wohlwollend beobachtet Jutta Kröninger-Sennica die Szene. Die Lehrerin leitet den Fachbereich Politik und Gesellschaft an der Therese-Giehse-Realschule und organisiert die Politische Bildung. Sie schätzt die U18-Wahlen und Juniorwahlen sehr. „Die Jugendlichen gehen bei uns ein bisschen unter wegen der alternden Bevölkerung“, sagt Kröninger-Sennica. „Bei der U18-Wahl werden sie auch gehört.“ Das Projekt mache vielen bewusst, wie wichtig die Kommunalwahl ist und wo Demokratie entsteht.
Für die Neunt- und Zehntklässler hat die Schule dieses Jahr eigens Informationsveranstaltungen mit Akteuren aus der Stadtpolitik organisiert, damit die Jugendlichen sich aus erster Hand über zentrale Themen aus ihrer Kommune schlaumachen können, etwa die künftige Energieversorgung oder den Umgang mit Migration und Zuzug in Unterschleißheim. „Was geschieht, wenn die AfD noch stärker werden sollte? Diese Frage beschäftigt unsere Schüler“, sagt Kröninger-Sennica. Man könne junge Menschen immer für Politik begeistern, wenn man sich bemühe, sagt die erfahrene Lehrerin.

Das bestätigen auch Sozialpädagogen in den Jugendzentren im Landkreis München, die in den vergangenen Wochen zu Wahllokalen geworden sind. „Politik ist für die meisten jungen Leute nicht das Wichtigste in ihrem Leben, aber viele interessieren sich für politische Fragen“, sagt etwa Yannick Bansemer vom „Gleis 3“ in Neubiberg. Die AfD, aber auch Themen wie das debattierte Social-Media-Zugangsverbot für Jüngere beschäftigen die Kinder. Durch partizipative Formate wie die U18-Wahl entwickelten sich oft tiefere Gespräche, sagt der Pädagoge. Die Kommunalwahl sei für eine U18-Abstimmung sehr geeignet: „Die Themen spielen sich tatsächlich vor der eigenen Haustür ab, das ist ein Vorteil.“ eine Pädagogin vom Jugendzentrum „Route 66“ in Haar sieht auch den Nutzen, anhand der U18-Wahl gerade jüngeren Schülern das ganze politische System näherzubringen. Was sind überhaupt Parteien? Wofür stehen die? Und wie bilde ich mir eine eigene Meinung?
An der U18-Wahl haben sich bayernweit doppelt so viele Jugendliche beteiligt wie vor sechs Jahren
Das Interesse an der Aktion war hoch, bayernweit beteiligten sich etwa doppelt so viele junge Wählerinnen und Wähler wie bei der vorherigen Kommunalwahl. Das Neubiberger Jugendzentrum zählte am Ende etwa 130 Wählende, von Grundschülern bis zu 17-Jährigen. Insgesamt haben in den 35 Wahllokalen im Landkreis 5252 Kinder und Jugendliche ihre Stimme für die U18-Kommunalwahl abgegeben.
Klara Stauner hofft, dass diese Resonanz auch dazu beitragen kann, bei den bald gewählten Kommunalpolitikern mehr Aufmerksamkeit für die Interessen der Jugend zu schaffen. „Politik ist für alle da und soll für alle da sein. Doch als Jugendliche hat man oft das Gefühl, nicht gesehen und gehört zu werden“, sagt die 18-Jährige, die stellvertretende Vorsitzende des Unterschleißheimer Jugendparlaments ist – eines von drei Gremien speziell für junge Menschen, das es in den 29 Kommunen im Landkreis München gibt. Jugendliche, sagt Stauner, bräuchten in den Kommunen mehr Orte, um sich ohne Konsumzwang zu treffen, sowie im Weiteren bezahlbaren Wohnraum.





















