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Influenza: Was wissen wir über das Grippevirus H3N2? | ABC-Z

In Großbritannien fürchtet man sich vor den kommenden Wochen: Die nationale Gesundheitsbehörde (NIH) spricht von einem Worst-Case-Szenario, Medien warnen vor einer Supergrippe. Schon jetzt wurden mehr Menschen mit grippebedingten Atembeschwerden und hohem Fieber in die Kliniken eingeliefert als zur gleichen Zeit in den vergangenen drei Jahren. Personalmangel und Streiks von Ärzten und Pflegekräften in den Krankenhäusern verschärfen die Lage. Zudem hat sich der kursierende Virusstamm seit dem Sommer stark verändert, und die Impfquoten sind nicht besonders hoch. Kurzum: Die Grippesaison könnte heftig werden.

Gilt das auch hierzulande? Noch ist es in Deutschland relativ ruhig: Zwar werden beim bundesweiten Monitoring des Abwassers in verschiedenen Kläranlagen seit vier Wochen steigende Konzentrationen von Influenzaviren gefunden. Auch der aktuelle Bericht des Robert Koch-Instituts zeigt steigende Infektionsnachweise in den Sentinelpraxen. Nach den jüngsten Daten verharrten sie aber zuletzt auf einem stabilen, nicht allzu hohen Niveau. Die Saison hat also wie in Großbritannien auch hierzulande früher begonnen als in den Jahren zuvor, noch sind aber nicht außergewöhnlich viele Menschen erkrankt.

Aber was bedeutet das nun für die kommenden Wochen? Spricht man mit Epidemiologen oder Virologen über Influenza, ist es, als wolle man einen Blick in die Glaskugel wagen. Die Grippeviren sind, obwohl die Erkrankung seit Jahrhunderten bekannt und der Erreger seit den Dreißigerjahren beschrieben ist, immer wieder für Überraschungen gut. Ob es zu einer starken Welle mit vielen Toten kommt, hängt einerseits vom Virus ab: Wie infektiös und wie gefährlich ist es?

Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.



Andererseits spielt aber auch der Immunstatus der Bevölkerung eine wichtige Rolle: Wie häufig hatten sich die Menschen bereits mit den verschiedenen Influenzastämmen infiziert, wann war die letzte Impfung? Die beiden Faustregeln, dass ein frühes Einsetzen der Influenza und der Influenzastamm A/H3N2 eher für eine heftige Saison sprechen, gelten nicht immer. Jahr für Jahr wird erst während der Grippesaison klar, wie gut oder schlecht der Impfstoff schützt.

In diesem Jahr kamen die Grippeviren in Großbritannien fünf Wochen früher an als in anderen Jahren. Zu diesem Zeitpunkt waren erst wenige Menschen geimpft, und die Viren konnten sich leicht verbreiten. Virologen hatten zudem herausgefunden, dass sich im Erbgut der Klade K des H3N2-Virus über den Sommer hinweg sieben neue Mutationen angesammelt haben, das löste die Furcht vor der „Supergrippe“ aus.

H3N2 gilt traditionell zudem als eher gefährliches Virus. In der Saison 2022/23 kam es in Großbritannien zu 16.000 Todesfällen im Zusammenhang mit einer Influenzainfektion. In Deutschland starben in dem Jahr mehr als 25.000 Menschen an den Folgen einer Influenza. Zum Vergleich: Im vergangenen Jahr kursierte hauptsächlich A/H1N1, es starben 8000 Menschen, in Deutschland kam es trotz sehr hoher Erkrankungszahlen zu 2000 Todesfällen.

Sieben Mutationen – was bedeutet das?

Mittlerweile ist aber zumindest für Großbritannien klar, dass sich das Virus trotz seiner sieben Mutationen nicht leichter überträgt als andere Stämme, erklärte die Oxforder Epidemiologin Antonia Ho: Die Infektionskurven sind zwar steil angestiegen, aber nicht steiler als in anderen Jahren, in denen die Infektionswelle erst später startete. Das Virus war zwar früher unterwegs, breite sich aber nicht schneller aus. Auch Nicola Lewis, Direktorin am Worldwide Influenza Centre (WIC), das am Francis Crick Institute in London angesiedelt ist, will nicht von einer „Supergrippe“ sprechen. Als Wissenschaftlerin würde sie einen derart unpräzisen Begriff ohnehin nicht verwenden, sagt sie. Das frühe Einsetzen der Welle sei interessant, aber in Jahren vor der Pandemie habe es das auch schon mal gegeben.

Und der Impfstoff? Wegen der Mutationen von A/H3N2 passt er nicht perfekt – doch das tun Influenzavakzine wegen der langen Produktionszeit selten. Echtzeitauswertungen aus Großbritannien zeigen, dass das Vakzin Kinder und junge Erwachsene zu mehr als 70 Prozent, ältere Menschen in 30 bis 40 Prozent der Infektionsfälle schützt. Der Impfstoff schützt zudem, ähnlich wie die Covid-Pandemie-Impfstoffe, nicht gut vor der Infektion, aber davor, dass diese schlimm verläuft.

Ob auch hierzulande die Sorgen vor einer heftigen Grippesaison unbegründet sind, bleibt abzuwarten. Denn übertragen lässt sich das Geschehen in Großbritannien nicht ohne Weiteres. Wie eine Saison verläuft, hängt von der Impfquote in der Gesellschaft ab. Die wird in Deutschland nicht zentral erfasst, in den vergangenen Jahren war sie aber vor allem in der vulnerablen Gruppe der älteren Menschen extrem niedrig. Und das, obwohl seit Jahren bekannt ist, dass die Influenza gerade für sie enorm wichtig ist: Wegen möglicher Vorerkrankungen und eines altersbedingt schlechter arbeitenden Immunsystems haben sie ein deutlich höheres Risiko für einen schweren Verlauf.

Auch Menschen mittleren Alters, die Umgang mit Älteren haben, sollten sich impfen lassen – um das Virus nicht weiterzugeben. Denn je mehr Menschen in Kliniken behandelt werden müssen, umso stärker wird die Allgemeinheit belastet: Planbare Operationen werden dann, wie in der Pandemie, verschoben werden müssen. Menschen mit Krebs oder Herzproblemen müssen warten, bis ein Bett frei wird.

Die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) lenkt in diesem Jahr zudem den Fokus auf Kinder und Jugendliche. Florian Hoffmann, Präsident der DIVI und Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Klinikum Dritter Orden München-Nymphenburg sagt: „Die Welle rollt gerade erst an, aber Influenzapatienten haben in der vergangenen Woche bereits einen Großteil der Kinderkliniken in Beschlag genommen.“

Die Ärzte seien in „Habachtstellung“, sagt Hoffman. Sie rechneten damit, dass zahlreiche Kinder in den kommenden Wochen wegen Influenzainfektionen in die Klinik oder sogar auf die Intensivstation aufgenommen werden müssten. Im vergangenen Winter seien bereits viele Kinder betroffen gewesen. Die DIVI hat in diesem Jahr deshalb die Ständige Impfkommission (Stiko) dazu aufgefordert, die Grippeimpfung auch auf kleine Kinder von sechs Monaten an auszuweiten – in 20 anderen europäischen Staaten ist dies bereits üblich. „Es ist deshalb absolut notwendig, dass wir eine Impfempfehlung für alle Menschen ab sechs Monaten erhalten. Denn 50 Prozent der Kinder, die an Influenza schwer erkranken oder sogar streben, waren zuvor vollkommen gesund“, betont er.

Die Grippe kann auch junge, gesunde Menschen für mehr als eine Woche ans Bett fesseln, manche werden hinterher nur langsam wieder richtig fit. Ärzte raten deshalb jedem dringend zur Impfung, ob mit oder ohne Stiko-Empfehlung. „Wenn impfen, dann jetzt sofort!“, sagt Hoffmann. Denn bis der Impfschutz wirke, dauere es mindestens zwei Wochen. „Die Weihnachtsferien könnten die Welle erst einmal etwas brechen, da Schulen und Kindergärten geschlossen sind. Im Januar wird das Virus dann wieder zuschlagen.“

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