Touristen als Wolfsforscher | FAZ | ABC-Z

Jeder Schritt von Nikki Rouse knirscht auf dem steinigen Weg. Vermischt mit den fallenden Regentropfen, ergibt das eine entspannende Geräuschkulisse. Doch Rouse ist hochkonzentriert, ihre Augen sind abwechselnd auf den Boden und in die Ferne gerichtet, um die Spuren eines Wolfs nicht zu übersehen – oder einem der scheuen Raubtiere sogar persönlich gegenüberzustehen.
Die Australierin ist eine von zehn internationalen Teilnehmern einer Wolfsexpedition in Niedersachsen, die seit 2017 von der Naturschutzorganisation Biosphere Expeditions organisiert werden. Die Organisation ist bekannt für ihre erfolgreiche Einbindung von Laienhelfern in Artenschutzprojekte auf der ganzen Welt und arbeitet seit 1999 Hand in Hand mit Menschen und Biologen in verschiedenen Regionen zusammen, unter anderem in der Lüneburger Heide. Das Ziel ist, Wissenschaftler in der Wolfsforschung zu unterstützen. Dafür rekrutiert Biosphere Expeditions motivierte Menschen, die in ihrem Urlaub Daten sammeln.
Nikki Rouse interessierte sich schon als Kind für Wölfe: „Dorthin zu reisen, wo sie leben, stand schon lange auf meiner Bucket List“, sagt die Australierin, die in ihrer Heimat beim Park und Wildlife Service der Regierung arbeitet und sich um Nationalparks kümmert. „Deshalb begebe ich mich hier in Deutschland auf die Spuren der Wölfe und trage dazu bei, ihr Verhalten besser zu verstehen.“
Wölfe durchzogen Europa schon vor 400.000 Jahren
Rouse trifft, mitten im Nirgendwo zwischen Hamburg, Bremen und Hannover, auf die anderen Teilnehmer der Wolfsexpedition: die Brasilianerin Jaqueline, Jenan aus dem Oman und Stefanie aus Deutschland sowie die drei Engländer Mike, Ben und Neil. Letzterer ist bei den Expeditionen von Biosphere schon ein alter Hase. Es ist bereits seine 17. Reise mit der Organisation und seine zweite Wolfsexpedition. „Für mich ist es großartig, auf Menschen zu treffen, denen die Umwelt und die Tierwelt am Herzen liegen“, sagt der 68 Jahre alte ehemalige Buchhalter. „Und wir haben auf dieser Reise alle dasselbe Ziel: nämlich einen Beitrag zur Wissenschaft und zum Naturschutz zu leisten.“
Wölfe durchzogen Europa schon vor 400.000 Jahren. Sie lebten mit ihren Rudeln auch in Deutschland, bis sie vor 150 Jahren ausgerottet wurden. Doch nun sind sie wieder da und erobern sich ihren alten Lebensraum zurück – und manchmal auch Orte, die über diesen hinaus gehen, wie der jüngst durch die Hamburger Innenstadt streunende Wolf zeigt.
Grundsätzlich ist die Rückkehr der Wölfe aber eine Erfolgsgeschichte für den Naturschutz, auch wenn es Herausforderungen gibt, denn die scheuen Raubtiere sind nicht überall willkommen. Es gibt viele Vorurteile. Grimms Märchen haben die Angst geschürt, und Landwirte sind um ihre Weidetiere besorgt. Umso wichtiger sind Daten und Fakten.
Niedersachsen ist eines der Bundesländer mit der höchsten Wolfsdichte. 56 von den 209 gezählten Rudeln in Deutschland leben hier; hinzu kommen vier Wolfspaare und drei Einzelwölfe. Das kontinuierliche Wolfsmonitoring ergibt ein aussagekräftiges Bild der Population und ihrer Entwicklung. Dadurch können Natur- und Artenschutz, Wolfsmanagement und der Schutz der Nutztiere an der Realität ausgerichtet werden und nicht an Vorurteilen. Bei dieser Arbeit helfen jedes Jahr die Touristen.
Zum Start der Expedition gehen die Laien-Forscher ins Wolfcenter Dörverden. Ziel ist es, die Wölfe live zu beobachten und Informationen über ihr Verhalten zu gewinnen. Das Zentrum wurde 2010 von Christina und Frank Faß eröffnet, um den Menschen diese faszinierenden Wildtiere näherzubringen. Die Gruppe ist beeindruckt vom aufgeregten Verhalten zweier Europäischer Grauwölfe bei der Schaufütterung und ihrem lauten Wolfsgeheul.

Der nächste Tag beginnt im Wald: Während Wolfsforscherin Lotte Steinberg, die das Projekt wissenschaftlich betreut, von ihrem Dalmatiner und der Omanerin Jenan begleitet, auf ihrer Wanderung das Gebiet rund um die Stixer Wanderdüne nördlich der Elbe nach Spuren sucht, durchforsten Nikki und Neil einen Teil des Göhrde-Waldes im Wendland. Es nieselt leicht, als sich die beiden Laien hochmotiviert an die Fersen von Isegrim heften. Ausgestattet mit GPS, Kompass, Zollstock und anderen Messgeräten, führt der Weg durch den intakten Wald mit dichtem Unterholz. „Wir wissen von Lotte, dass Wölfe bis zu 90 Kilometer am Tag zurücklegen und sich ihre Losungen meist auf Wegen, insbesondere an Kreuzungen, befinden. Und genau dort suchen wir besonders sorgfältig.“ Werden sie fündig, sammeln sie die Häufchen ein, die für Nahrungs- und Gen-Analysen wichtig sind.
Die Losungen riechen sehr speziell
Die Wanderungen führen über Schotter- und Sandwege, durch Felder und dichte Waldgebiete. Für Nikki, die sich mit den Pflanzen- und Vogelarten ihrer australischen Heimat bestens auskennt, sind Flora und Fauna in Deutschland Neuland: „Das ist unglaublich spannend, und ich bin begeistert von den Wäldern mit ihrem reichen Unterholz aus den Farnen, Moosen und Disteln, die im Nieselregen kräftig leuchten“, sagt sie.
Die erfahrene Lotte findet schon nach wenigen Kilometern die erste Wolfslosung. „So riecht Wolf, da muss man nicht einmal die Nase dranhalten“, sagt sie. Der Geruch ist so speziell, dass ihn keiner der Expeditionsteilnehmer mehr vergisst und sogar noch am Abend in der Nase hat. Lotte inspiziert das Häufchen genauer. „Schau mal, wie viele Haare es beinhaltet. Das ist sicher von einem Reh“, erklärt sie Jenan.
Die Projektteilnehmer treffen unterwegs auf Rehe, Wildschweine, Hasen und viele Schmetterlinge. Doch ein Wolf zeigt sich nicht. „Das habe ich auch nicht wirklich erwartet“, sagt Neil. Als Schmetterlings-Fan ist er begeistert über die Sichtung von 20 verschiedenen Arten der zarten Insekten. „Darunter waren sogar vier Arten, die es in Großbritannien nicht gibt“, sagt er und fügt ernsthaft hinzu: „Schmetterlinge sind zwar keine Wölfe, aber sie sind genauso wichtig für unsere Umwelt.“
Politiker kümmern sich zu wenig um den Erhalt der Natur
Alle Expeditionsteilnehmer sind erfolgreich beim Einsammeln von Häufchen: Sie freuen sich wie kleine Kinder über die gefundenen Losungen: „Noch ein Haufen“, jubelt Nikki, die die Losung fotografiert, vermisst, untersucht und dann mit Schutzhandschuhen in einer Tüte verschwinden lässt. An den Abenden werden die Funde gemeinsam ausgewertet. Die „Kacke-Tütchen“ liegen dabei wie kostbare Trophäen auf den Seminartischen. „Ich hätte mir nicht vorstellen können, dass die Freude über gefundene Exkremente so groß sein könnte“, sagt Neil und lacht.
Die besonders frischen Häufchen werden einer DNA-Analyse unterzogen, um Wölfe zu identifizieren. Alle anderen Losungen werden auf ihre Zusammensetzung untersucht. „Unsere bisher gesammelten Losungen enthielten häufig Haare und teilweise sogar die Zähne von Beutetieren. Unsere Analysen bestätigten, dass die Nahrung hauptsächlich aus ihren natürlichen Beutetieren wie Rot- oder Schalenwild besteht und selten aus Weidetieren“, sagt Wissenschaftlerin Lotte. Nutztierrisse seien die Ausnahme. Das ist ein wichtiger Punkt, der das Hauptargument vieler Wolfskritiker entkräftet und möglicherweise den Weg für ein Nebeneinander von Wolf und Weidetierhaltung ebnet. „Es erstaunt mich, dass es Menschen gibt, die gegen die Existenz von Wölfen in der Wildnis sind, obwohl sie keine große Bedrohung darstellen“, sagt die Australierin Nikki. Sie hätte gedacht, die Menschen würden sich mehr darüber freuen, ein solch symbolträchtiges Tier in ihrer Nähe zu haben, insbesondere da es relativ einfache Maßnahmen gibt, um das Vieh zu schützen.
Die Gruppe vertieft sich in Gespräche über den Wolf und seine wichtige Rolle in der Natur, am letzten Abend sogar am Lagerfeuer mit Stockbrot und Wein. Neil spricht an, was viele andere Teilnehmer denken: „Ich habe das Gefühl, dass viele der führenden Politiker dieser Welt sich überhaupt nicht um die Natur kümmern. Das beunruhigt mich. Ich habe einen zweijährigen Enkelsohn, und ich mache mir ernsthaft Sorgen, dass er nicht einmal die Hälfte von dem sehen kann, was ich gesehen habe“, sagt er und fügt hinzu: „Doch bei solchen Projekten dabei zu sein, gibt mir Hoffnung.“
Nikki sieht das ähnlich: „Es ist ein gutes Gefühl, gemeinsam mit Menschen, die ähnlich denken, etwas zu Naturschutz und Wissenschaft beizutragen.“ Bei ihrer nächsten Expedition möchte sie gerne ihre Kinder mitnehmen, damit auch sie in einer völlig anderen Umgebung als Zuhause etwas über die Natur lernen.





















