Tod in Frankfurt: Künstlerin allapopp beerdigt ihren KI-Klon | ABC-Z

Wer so sterben könnte. Im vollen Bewusstsein, dass das alles seine Ordnung hat. Weil unser Aufenthalt auf Erden nun mal von begrenzter Dauer ist. Und jene, denen wir unsere Existenz verdanken, uns jetzt singend auf dem Weg ins endgültige Vergessen unterstützen und begleiten. Nun, 3-LA, so mochte es bei der Eröffnung dieser einigermaßen großartigen Ausstellung erscheinen, 3-LA nimmt es der versammelten Gemeinde wenigstens nicht wirklich übel. Sie sieht vielmehr entspannt, ja beinahe glücklich aus, während sie vor den Augen des Publikums erst stumm, dann allmählich an den Rändern unscharf wird und zusehends zerfällt. Und nichts, möchte man meinen, nichts bleibt als die Erinnerung. Und dann geht es wieder von vorne los.
Mag sein, das klingt einigermaßen abenteuerlich, handelt es sich bei 3-LA doch nicht um einen Menschen, sondern um einen Klon. Um einen digitalen Avatar, um genau zu sein, wie ihn Alla Zakiullina in den vergangenen zehn Jahren nach ihrem eigenen Bild geschaffen hat. Und doch bekommt allapopp, wie sich die Künstlerin seit Offenbacher Studienzeiten nennt, noch immer Gänsehaut, wenn wie jetzt 3-LA womöglich ein für alle Mal verstummt. Und damit im Gespräch mit seiner Schöpferin erklärtermaßen durchaus einverstanden scheint: „Nothing lasts forever.“ Dabei ist nichts Albernes, nichts Kitschiges, kein Falsch mithin an dieser tatarischen Beerdigungszeremonie, wie sie die in Berlin lebende Multimediakünstlerin hier inszeniert.
allapopp, so zeigt die Ausstellung, die im Rahmen von „AI-Worlding“, der Präsentation im Museum Angewandte Kunst im Saasfee Pavillon eingerichtet worden ist, meint es ganz offensichtlich ernst. Und tatsächlich geht es der 1989 in der autonomen russischen Republik Tatarstan geborenen Künstlerin mit „When Body is not enough“ nicht um Petitessen. Ist ihr Künstliche Intelligenz doch Thema, Werkzeug und Methode gleichermaßen, die sie darüber hinaus mit jeder neuen Arbeit auf eine Weise reflektiert und mit den eigenen Mitteln hinterfragt, wie man es nicht eben häufig sieht. Steht man bislang in der Welt der Kunst doch meist vor allem staunend vor den scheinbar unbegrenzten Möglichkeiten der KI.
Zunächst von den transhumanen Perspektiven begeistert
Dabei hat auch allapopps Beschäftigung mit Künstlicher Intelligenz vor allem spielerisch begonnen, als sie für BBB_, ihr Musikprojekt mit Alexander Sahm, noch während ihres Studiums erst einen Klon für ihre Stimme, dann eine hologrammartige Kopie ihrer selbst erfand. Damals, keine zehn Jahre ist das her, hat sie an die Verheißungen der Technik und der Digitalisierung noch geglaubt. War, mehr noch, fast wie in postsowjetischen Kindheitstagen, als allapopp einst Kosmonautin werden wollte, nachgerade begeistert von den sich mit KI eröffnenden transhumanen Perspektiven. „Ich dachte, das ist total geil“, erinnert sich die Künstlerin an die Arbeit an ihrer geklonten Stimme. „Ich könnte ja weniger arbeiten, wenn ich einfach einen Klon auf Festivals schicken könnte, statt persönlich aufzutreten.“
So wie Abba, die jetzt gern als Hologramme ihrer selbst auf der Bühne stehen, wie Hatsune Miku aber auch, die als Avatar ein veritabler Popstar ist und ein analoges Vorbild nicht einmal mehr braucht. Doch je selbstverständlicher sich allapopp im virtuellen Raum bewegte, desto dystopischer erschien ihr bald das einstige Versprechen. „Wenn ich heute AI höre, wird mir schlecht.“ Dabei stimmt schon, sind ihre Arbeiten noch immer vor allem digital. Die Fragen aber, die sie stellen, nach Körper, Geschlecht und Identität, nach Verstand und Gefühl und dem Wesen der Erinnerung; nach Macht und Ohnmacht aber auch vor allem und dem Kern allen menschlichen Seins, sie sind von existenzieller Natur nicht nur im virtuellen, sondern auch und gerade im realen Raum.
Ganz gleich, ob ein halbes Dutzend allapopps über den Begriff der Freiheit diskutiert wie in „Backend Chamber“, ihr eigener Klon Auskunft gibt über seine Existenz als Avatar wie in „The House of Monstress Intelligenzia“, oder ob sie 3-LA wie in der Performance zur Eröffnung im Beisein des Publikums beerdigt. Und damit perspektivisch zurückkehrt zu analogen Formen. Mit einem als handgetufteter Teppich ausgeführten Porträt ihres Avatars, wie es „Posthumous Portrait“ vorstellt etwa; mit den folkloristisch anmutenden, bei 3-LAs Beerdigung improvisierten tatarischen Gesängen; oder mit einem „Ceremonial Tatar Dinner“, wie es allapopp während der Ausstellung auszurichten angekündigt hat.
Die Geister aber der KI, man wird sie in der Kunst gerade wie im richtigen Leben nicht mehr los. „Nichts ist für die Ewigkeit“ gibt zwar in dem Loop gerade wieder einmal 3-LA den Vernissagengästen mit auf ihren Weg. Doch jetzt, nach dem Rundgang durch die Ausstellung, bekommt man geradeso wie allapopp auch als Besucher Gänsehaut. Weniger weil uns der Avatar ans Herz gewachsen wäre wie der Künstlerin ihr nach dem eigenen Bild geschaffener Klon. Vielmehr gäbe man etwas darum, die KI nähme 3-LA beim Wort. Denn es stimmt ja nicht, dass nichts bleibt als die Erinnerung, fährt man kurzentschlossen das Programm herunter. Im Grunde ist 3-LA nicht totzukriegen. Schließlich, so allapopp, „gibt es mich immer noch als Datensatz“. Und es ist keineswegs die Künstlerin, so die durchaus schaudern machende Pointe, die darüber exklusiv verfügt.
allapopp, „when body is not enough“. Saasfee Pavillon, Bleichstraße 66 HH, Frankfurt. Bis 26. April samstags und sonntags von 14 bis 18 Uhr geöffnet. Das „Ceremonial Tatar Dinner“ findet am 17. April statt. Eine Anmeldung unter heidi@saasfee.de ist erforderlich.





















