Tobago: Geheimtipp für Karibik-Entdecker | ABC-Z

Wilde Trommelmusik heizt die Stimmung in der Rennanlage von Buccoo an. Karnevalsgruppen tanzen zu den Calypso-Rhythmen der Steeldrums. Alle fiebern dem ersten Rennen des Tages entgegen.
Besonders gute Chancen auf einen Sieg hat „Rocket“. Sie ist eine der Favoritinnen, obwohl sie schon sieben Jahre alt ist. „Sie ist aber immer noch gut in Form“, versichert ihr Besitzer Kyle Joseph. „Rocket“ ist eine Ziege.
Wie jedes Jahr seit 1925 findet in Buccoo am Dienstag nach Ostern eines der wohl ungewöhnlichsten Volksfeste der Karibik statt – das Buccoo Goat Race Festival, ein Ziegenrennen, das nicht nur Tausende von Besuchern anzieht.
Nein, in dem Küstendorf im Südwesten der Karibikinsel Tobago sollen die Ziegenrennen sogar erfunden worden sein. Gedacht waren sie ursprünglich als Unterhaltung für die Allgemeinheit und Ausgleich zu den Pferderennen, die „hier traditionell am Ostermontag von der wohlhabenden Elite besucht wurden. Eine Variante für das einfache Volk“, erklärt Kyle. Den anschließenden Dienstag erklärte man kurzerhand zum „Osterdienstag“.
Ziegen trainieren am Strand
Kyle ist Farmer und hat rund 200 Ziegen, aber nur die besten wählt er für die Ziegenrennen aus. Kyle war früher Ziegen-Jockey. Heute ist er Trainer und geht mit seinen besonders kräftigen und ausdauernden Tieren der Rasse Britisch-Alpine fast täglich zum Training an den Strand.
Es ist soweit. Das Buccoo Goat Race Festival beginnt. Kyle übergibt seinem Jockey „Rockets“ Leine. Die Aufgabe der Jockeys ist es traditionell, die 100 Meter lange Grasbahn den Ziegen barfuß hinterherzurennen. Damit auch keines der Huftiere aus der Spur gerät oder gar streikt.
Ziegenrennen statt Eiersuche. Auf Tobago sind selbst die Osterbräuche anders. Denn auch touristisch hebt sich die Insel von anderen Eilanden in der Karibik ab. Die „New York Times“ bezeichnete Tobago als das „bestgehütete Geheimnis der Karibik“. Wer hier glamouröse Resorts und Katalogurlaub sucht, wird nur begrenzt bedient.
Eher im Gegenteil: Auf der tropischen Antilleninsel vor der Küste Südamerikas sind Slow-Travel und Naturabenteuer statt All-inclusive angesagt. Das bekommt man besonders anschaulich im Nordosten vorgeführt. Es ist der grüne und ursprünglichste Teil der Insel.
Ziegeninsel und James Bond
In der Batteaux-Bucht bei Speyside liegt die vorgelagerte Insel Goat Island, die womöglich so benannt wurde, weil dort so viele Ziegen lebten. Hier befindet sich noch die Ruine der Sommerresidenz von James Bond-Erfinder Ian Fleming. Gleich dahinter das Eiland Little Tobago. Hier hat das azurblaue Meer die schönsten Schnorchel- und Tauchspots der Insel.
„Tobago und speziell Little Tobago gehören zu den interessantesten Tauchgebieten der Karibik überhaupt“, sagt Sean Robinson, der in Speyside eine Tauchbasis betreibt, die Tobago Dive Experience. Und er hat eine Erklärung parat: „Tobago ist vom karibischen Meer und vom Atlantik umschlossen. Hier treffen die nährstoffreichen Amazonas-Gewässer vom Orinoco-Delta auf die Strömungen des Ozeans. Das führt zu einem Fischreichtum, wie man ihn kaum sonst wo findet.“
Tauchend am „Japanese Garden“-Riff treffen wir auf Barrakuda-Schwärme, Adlerrochen, Schildkröten, farbenfrohe Weichkorallen und riesige Schwämme. Am „Kelleston Drain“ Riff drehen Mantarochen und Hammerhaie ihre Runden. Die Unterwasserwelt vor Little Tobago ist atemberaubend. Aber auch im Inselinnern wartet ein Naturerlebnis der Extraklasse.
Ozelot und Falltür-Spinne
Das Main Ridge Forest Reserve ist das älteste Naturschutzgebiet der westlichen Hemisphäre. Es wurde bereits 1776 gegründet. In dem riesigen Regenwaldgebiet geht Newton George mit uns auf die Suche nach Schlangen, Gürteltieren und dem scheuen Ozelot, eine Leoparden-ähnliche Wildkatze. Die Artenvielfalt ist überwältigend: „Wir haben hier über 120 Schmetterlings- und bis zu 270 Vogelarten“, sagt der Guide.
Urwaldriesen spenden angenehmen Schatten in der Tropenhitze. Die Rufe der Vogelexoten durchbrechen das monotone Zirpen der Zikaden. Newton zeigt uns ein winziges Erdloch mit einer Art Fallklappe aus Moos und Erde. Er öffnet sie, und heraus kommt eine handgroße Falltür-Spinne.
Der Hit sind aber die bunten Kolibris. „20 verschiedene Kolibri-Arten leben hier“, sagt Newton. Nach dem Regenwaldtrekking fressen sie einem am Rand des Reservats in einem Restaurant wortwörtlich aus der Hand.
Im Fischerdorf Charlotteville an der nördlichen Karibikküste wartet bereits Taffy auf uns. Mit seinem kleinen Boot bringt er uns zur einsamen „Piratenbucht“. Den Traumstrand müssen wir uns nur mit jungen Schwarzbussarden teilen. Während wir im Meer baden, zündet Taffy am Strand ein Lagerfeuer an, um frischen Fisch zu braten.
Es ist schwer zu sagen, welcher Strand an der Karibikseite der schönste ist. Mit Sicherheit gehört die halbmondförmige Englishman’s Bay dazu. Auf anderen Karibikinseln wäre in einer Bucht wie dieser der Bär los. Auch in der idyllischen Bucht von Parlatuvier sind Touristen Fehlanzeige. Ungestört ziehen Stachelrochen durch das smaragdgrüne Wasser. Sie warten darauf, dass die Fischer Fangreste ins Meer werfen.
In Castara geht es karibisch langsam zu. Es gibt ein paar Restaurants und kleine Hotels wie das „Castara Retreats“, das über dem Dorf in den Baumriesen zu hängen scheint. Vom Inselleben abgeschottete Luxushotelburgen – auch hier nicht.
Brian Taylor, den hier alle nur Alibaba nennen, spricht von einem „gemeindebasierten Tourismus“. Am Strand betreibt er ein kleines Restaurant mit einem Lehmofen, an dem Lennard Duncan zum Fisch köstliches Kürbisvollkornbrot mit Kokosflocken backt.
Tobago setzt auf nachhaltigen Öko-Tourismus. Nur unten im Süden am Karibik-Postenkartenstrand Pigeon Point kann es zu Festtagen voller werden, wenn die partywütigen „Trinis“ von der geschäftigen Hauptinsel Trinidad kommen, mit der Tobago seit 1962 einen gemeinsamen Staat bildet.
Auf Partybooten fahren sie in die vorgelagerte Lagune, um sich im flachen kristallklaren Wasser bei Rum und lauter Musik zu amüsieren. Auf einer kleinen Sandinsel werden frische Langusten gegrillt. Sobald die Sonne untergeht und alle wieder weg sind, wird es aber besonders spannend.
Jeder Paddelschlag erleuchtet das Meer
In Kajaks nimmt uns Duane Kenny nachts mit in die Mangroven der Lagune auf eine Biolumineszenz-Tour. Langsam gewöhnen sich die Augen an die Dunkelheit. Der Wind auf dem Meer ist immer noch tropisch warm. Jeder Paddelschlag erleuchtet das Meer, eine chemische Reaktion des Phytoplanktons.
Ungewöhnliches erleben Gäste auf Tobago und die Karibik auf ganz besondere Weise. Und „Rocket“? Kyles Ziege ist ein Siegertyp. Sie lief als Erste über die Ziellinie.
Links, Tipps, Praktisches:
Anreise: Condor bietet wöchentlich einen Direktflug von Frankfurt nach Tobago an. KLM und British Airways fliegen mit Zwischenstopps über Amsterdam und London Gatwick.
Einreise: Für Reisen unter 90 Tagen reicht ein noch sechs Monate gültiger Reisepass.
Beste Reisezeit: Auf Tobago herrscht tropisches Klima. Ganzjährig liegen die Temperaturen bei 23 bis 32 Grad. Von Juni bis November ist Regenzeit mit kurzen Schauern.
Geld: Währung ist der Trinidad-und-Tobago-Dollar. 1 Euro entspricht rund 7,8 TTD-Dollar. Zahlung mit US-Dollar ist aber so gängig wie per Kreditkarte.
Aktivitäten: Infos zum Ziegenrennen finden sich unter buccoo.net/treasures/buccoo-goat-race; Tauchen: Tobago Dive Experience: tobagodiveexperience.com; Turtle Watching: sos-tobago.org; Biolumineszenz-Kajak-Tour: standuppaddletobago.com; Regenwald-Touren: newtongeorge.com
Unterkünfte: Empfehlenswert sind unter anderem „Castara Retreats“: castraretrets.com; „Coco Reef Tobago“: cocoreeftobago.com; „Manta Lodge“: mantalodgetobago.com; „Blue Water Inn“: bluewatersinn.com.
Weitere Informationen über Ausflüge, Unterkünfte und die Insel: visittobago.de





















