Theater über Elon Musk: Die Elon-Transformation | ABC-Z

Die Planeten Mars und Erde nähern sich einander an. Nicht unbedingt, was die kosmischen Distanzen angeht: Sie schwanken schon weiterhin recht stabil im Rahmen der Bewegungen auf den elliptischen Umlaufbahnen der Himmelskörper um das Zentralgestirn. Aber in Sachen Unbewohnbarkeit für lungenaktive Säuger tue sich da was, schlussfolgert die in silbern glänzenden Astronautenlook gehüllte Performerin Sara-Hiruth Zewde in der Eingangssequenz von „Musk on Mars“.
Denn in den letzten Jahrzehnten hat der Anteil von für Lungenatmer schädlichem Kohlendioxid in der Erdatmosphäre ja zugenommen, erinnert sie. Und auch was die immer löchriger werdende Atmosphärenschicht angehe, steuere der blaue Planet auf marsianische Verhältnisse mit dünner Atmosphäre und damit schlechtem Schutz vor kosmischer Strahlung zu.
Trotzdem habe sich so ein Erdling, einer sogar, der mit seinem eigenen Tun nicht ganz unbeteiligt an Umweltschäden auf der Erde sei, gerade auf den interplanetaren Weg gemacht, sagt Zewde. Sie nimmt dabei die Position der indigenen Marsbevölkerung ein, und sie animiert auch das Publikum, sich als Teil einer solchen hübsch vernetzten Mikrobengesellschaft zu begreifen, die sich im tiefen Gestein des Planeten angesiedelt und ausgebreitet habe.
Das ist ein hübscher Zug der Autorin und Regisseurin Alisa Tretau, den Weltraumabenteurer Musk mal aus indigener Perspektive zu betrachten – und zugleich eine Machtposition ihm gegenüber einzunehmen. Denn das Heimathafen-Publikum wird mittels bunter Textilwinkelemente in diesem Stück zum marsianischen Einwanderungsgericht ermächtigt. Das soll letztlich über die Aufnahme des von Marsbesiedelungsfantasien durchdrungenen Tech-Libertären entscheiden.
Schon das irdische Wirken Musks ist zum Weglaufen
Als Gedankenspiel ist das selbstverständlich reizvoll. Der originale Elon zeichnet sich in seinem irdischen Wirken schließlich dadurch aus, Regelsysteme anderer Akteure entweder mit Kettensägen zerstören zu wollen – etwa im Rahmen der von ihm geleiteten vermeintlichen Entbürokratisierungsbehörde Doge – oder externe Kontrollinstanzen gar nicht erst zuzulassen. Letzteres ließ sich prima beim Kampf der Tesla-Manager gegen die IG Metall bei den Betriebsratswahlen in der Giga Factory in Grünheide beobachten.
In flott geschnittenen Videoclips fasst Marsrepräsentantin Zewde dann auch Musks irdisches Wirken zusammen, vom Kettensägenauftritt in den USA bis hin zur berüchtigten Szene in Grünheide über die dortige Ausbeutung des Wassers. Und auch Musks schon mal in die Welt posaunten Mars-Aktivitäten, vom Bau ganzer Städte bis hin zur Gewinnung von Wasser durch nukleare Sprengung des Eises der Polkappen, werden in die Debatte eingebracht.
In der Aufführung im Heimathafen predigten Zewde und Tretau allerdings zu vermutlich schon vorher Bekehrten. Musk schien dem Gros dieses Einwanderungsgerichts nicht vermittelbar. Spannend war aber auch, dass mitten in Neukölln niemand Bedenken anmeldete, in dieser theatralen Versuchsanordnung Teil einer Einwanderungskontrollbürokratie zu werden. Im Zuge der Anpassung an marsianisches Leben präsentierte Zewde am Ende noch die Musk-Identität in verwandelter Konsistenz. Statt aus Haut, Fleisch und Knochen bestand sie aus süßlich riechender Knetmasse, die zur Inspektion im Raum verteilt wurde.
Ein Abend voll Knete und Hingabe
„Musk on Mars“ erwies sich als eine mit voller Hingabe gemachte Politparodie mit launigen Interaktionselementen. Das Publikum agierte nicht nur als Einwanderungsgericht. Es übernahm auch weitere marsianische Rollen, las etwa laut Fragen der Marsianer an Musk vor. Tretau, die in der Vergangenheit auch mit dem politaktivistischen Peng! Kollektiv zusammenarbeitete, zeigte in „Musk on Mars“ auf vergnügliche Art die Kluft zwischen libertären Superreichen und Normalbevölkerung auf.
Gerne hätte man eine mobile Version aber auch mal im RE1 zwischen Berlin und dem Giga-Factory-Bahnhof Fangschleuse gesehen, mit der Tesla-Belegschaft als Publikum. Spannend, wie da eine Abstimmung ablaufen würde.





















