The Notwist über ihr neues Album: „Es geht uns um Hoffnung“ | ABC-Z

Für „News from Planet Zombie“, das neue Album der Band The Notwist, ist nichts gerade gezogen, vielleicht steht die Musik deshalb so aufrecht da. Die Gitarrenriffs sind direkt und ungebügelt, keine Wand aus Effekten ist davor aufgebaut. Das Schlagzeug darf schwingen, wie es ist, und wird nicht in künstlichem Hall gebadet. Markus Achers Stimme ist angreifbar, die Band verzichtet auf Studiotricks, versteckt sich nicht hinter der Postproduktion, zunächst aber gibt es etwas anderes zu besprechen.
taz: Hat The Notwist wirklich 1 Million Euro des Telekommunikationsunternehmens Vodafone abgelehnt, das für einen Werbespot Ihren Song „Pick up the phone“ verwenden wollte?
Markus Acher: Ja. Die Summe war aber nicht für „Pick up the phone“ bestimmt, sondern für „One with the Freaks“, was bei dem Song noch ein bisschen mehr erklärt, weil sein Text uns auch inhaltlich sehr wichtig ist: „Miss the signal / Miss the signpost / Miss the exits to it all / And all of a sudden you were one / With the freaks.“
taz: Sie haben eine lange Geschichte als Freaks. Erinnern Sie sich, dass Sie in Ulm am 20. Juni 1992 als Vorband der US-Punkband Fugazi gespielt haben?
Micha Acher: Ja!
Markus Acher: Sehr gut sogar.
taz: Hat das menschlich gepasst?
Micha Acher: Na ja, wir waren zwar große Fans von Fugazi. Unser damaliges Label Big Store glaubte, wir können für sie als Vorband spielen. Dann kam raus, Big Store hat im ganzen Land in Clubs angerufen und behauptet, eine Vorband sei mit Fugazi abgesprochen. Fugazi hatten davon keine Ahnung und waren super genervt. Die vier Musiker waren akkurat gekleidet, kurze Haare, vegan, megapolitisiert und diszipliniert in ihrer Mission. Wir trugen lange Haare, Dreadlocks, zerrissene Jeans, eher so Metal oder Post-Hardcore. Weltanschaulich hat das nicht zusammengepasst. Die Konzerte waren trotzdem toll.
taz: Sie tragen also keine bleibenden Schäden davon?
Markus Acher: Nee. Also nicht bezüglich Fugazi. Wir galten als bayerische Hardcore-Band damals eh als Außenseiter. Uns wollte im frisch wiedervereinigten Deutschland niemand hören. Erst nach und nach hatten wir einige Fans. Im Großen und Ganzen ging es um die US-Bands, und man hat versucht, irgendwie als Vorband einen Fuß in die Tür zu bekommen. Das war fast unmöglich, weil Gatekeeper diese US-Band-Tourneen organisiert haben. Ein totaler Machoverein, null Punk, einfach nur fürchterlich. Genau das hat dazu geführt, dass wir auch musikalisch angefangen haben, uns umzuorientieren.
taz: Wohin denn?
Markus Acher: Die Intensität, die wir toll fanden, lag woanders, auch dieses Netzwerken und das Politische. Der gemeinsame Versuch, etwas aufzubauen und dadurch zu verändern, ist in anderen Szenen, bei Bands wie The Pastels aus Glasgow viel intensiver gewesen.
taz: Mit Ihrer Herkunft aus dem oberbayerischen Weilheim haben Sie große Stoik an den Tag gelegt. Mir schien, Musikindustrie, Presse und deutsche Gatekeeper konnten Sie zwar nicht ignorieren, aber so richtig geschätzt waren Sie auch nicht. Das damals einflussreiche Musikmagazin Spex hat über Jahre mit Ihnen gefremdelt. Blieben Sie davon unbeeindruckt?
Micha Acher: Wir haben es natürlich mitgekriegt. Aber aus der anfänglichen Verwunderung darüber, dass unsere Herkunft tatsächlich Thema war, ging es hin zum Dann-machen-wir halt-unser-Ding. Was uns weitergebracht hat, war natürlich der Punk-Gedanke: Jeder kann machen, was er will. Andererseits konnten wir uns unabhängig machen von den Reaktionen. Auch innerhalb der Hardcore-Szene waren wir schließlich Fremdkörper.
taz: Auf Ihrem Signaturalbum „Neon Golden“ (2004) hieß es noch: „No matter, what we think / We’ll never leave this Room“. Beim neuen Song „Teeth“ singen Sie: „I will find my way out of these buildings“. Zufall, dass es plötzlich Richtung, Ziel und Zweck gibt?
Markus Acher: Das ist eher intuitiv. Aber es kommt ja nicht von ungefähr. Ich arbeite bei jedem neuen Werk mit einem Konzept. Beim aktuellen Album habe ich für die Songs eine Form gefunden, um die Situation, in der wir momentan leben, zu beschreiben. Auf eine Art, die nicht einfach nur realistisch erzählt ist, sondern mit Bildern und Assoziationen arbeitet. Wie beim Auftaktsong „Teeth“. Ich habe öfter geträumt, dass man entweder an einem Ort herumläuft und nicht reinkommt oder eben drin ist und nicht rauskommt. Und dieses Bild steckt in allen Songs des neuen Albums.
taz: Woher kommt die Klaustrophobie?
Markus Acher: Das hat sicher mit der Weltlage zu tun, die gerade besonders desolat ist, extrem schrecklich und zugleich skurril. Wenn es ein Film wäre, würde man sagen, da ist zu viel reingepackt ins Drehbuch, es ist ein ganz schlechter B-Movie.
taz: Wann hat die Arbeit für das Album begonnen?
Markus Acher: Nach der Coronapandemie 2022 ist viel passiert, auch bei uns, und das Album ist ein Ausdruck davon. Schon damals hegten wird den Wunsch, zusammenzukommen und gemeinsam etwas mit Seelenverwandten zu machen, neue Verbindungen herstellen. International, aber auch innerhalb von München. Es passieren tolle Sachen, die unser Leben verändern und den Alltag erträglicher machen. Genau darum geht es auch in der Musik: So eine Hoffnung auch in der Musik darzustellen, Bilder dafür zu finden und einprägsame Sätze in den Songtexten.
Die Band: Gegründet 1989 in Weilheim, Bayern. Lenker und Denker sind die Brüder Micha (Trompete, Tuba, Sousaphon, Bass) und Markus Acher (Gesang, Gitarre, Drums u. v. a.). Mittlerweile sind The Notwist eine international erfolgreiche Größe der alternativen Musik. Die über 30-jährige Geschichte ist eine fortdauernde musikalische Entwicklung, die alles streift, was „Indie“ sein kann, von direkter aggressiver Melancholie, jazziger Abseitigkeit bis zu elektronischer Finesse und Pop-Appeal.
Das Album: „News from Planet Zombie“ ist soeben erschienen (Alien Transistor/Morr Music/Indigo).
Die Tour: 20.4. 2026 April, Köln, Carlswerk Victoria; 25.4. 2026, Heidelberg, Karlstorbahnhof; 26.4. 2026, Hamburg, Große Freiheit 36; 27.4. 2026, Berlin, Astra Kulturhaus. Wird fortgesetzt.
taz: Die Musik lehnt sich an eine versponnene Aufbruchstimmung der späten Sechzigerjahre an. Im Song „X-Ray“ gibt es Anleihen beim Surfsound, seien es die Delays und die Orgeln. Ein bisschen wie beim Album „Pet Sounds“ von den Beach Boys. Und dann gibt es noch ein Zitat: „Just to be here and everywhere“, ist das eine Referenz an den Beatles-Song „Here, There and Everywhere“?
Micha Acher: Ja, es ist auf jeden Fall Teil von den Inspirationen. Bei unserem Song „X-Ray“ war der Gedanke erst mal, einen Sixties-Rumpelbeat wie von The Monks zu erzeugen. Aber es sollte eben nicht so wirken wie der Post-Hardcore-Sound, den wir früher gemacht haben, sondern schon so was Garagenbandmäßiges haben. Wir hatten vorher beschlossen, ein Album zu machen, für dessen Musik wir zusammen proben und live aufnehmen. Gerade nicht im Studio sitzen und eine Spur nach der anderen getrennt aufzeichnen. Diesmal haben wir das Material gemeinsam entwickelt, um spontane Energie festzuhalten. Eine wichtige Vorlage dafür war das Album „In the Aeroplane Over the Sea“ der US-Band Neutral Milk Hotel.
taz: Wie sind die Aufnahmen dann gelaufen?
Micha Acher: Wir haben in einem Club in München quasi live gespielt, im Import Export. Dort haben wir auch zusammen geprobt und während einer Woche dann aufgenommen. Und das hat genau so funktioniert.
taz: Sind das wirklich First Takes? Oder wurden die Songs noch editiert?
Micha Acher: Wir haben manchmal Stimmen nachgedoppelt. Ansonsten ist das Material eins zu eins aufgenommen. Wir haben auch mit allen Gästen geprobt. Meist gelang das Einspielen schnell.
taz: Es klingt, als seien die transzendenten Sounds, das Flirrende, dass auf den anderen Werken eher elektronisch erzeugt wird, diesmal mit analogen Mitteln entstanden. War das eine bewusste Entscheidung, oder ging es ums Live-Spielen?
Cico Beck: Es war der Plan, den Fokus auf Gitarren zu legen. Und wir hatten tatsächlich viele andere Möglichkeiten, mit analogen Instrumenten ähnliche Geräusche zu erzeugen. Es waren ja Bläser dabei, ein Harmonium.
taz: Wie waren die Besetzungsentscheidungen?
Micha Acher: Im Grunde genommen war es so, dass wir nach Freunden aus unserer näheren Umgebung in München Ausschau gehalten haben; wer spielt welches Instrument und wie können wir es einbeziehen. Dann erst haben wir jeweils die Arrangements gestaltet. Zum Beispiel Haruka spielt diese schöne japanische Zither, also haben wir für sie dementsprechend ein Stück arrangiert.
taz: Solche Instrumente machen es einem leicht, bestimmten Klischees aufzusitzen oder abzudriften. Wie schaffen Sie es, in der Balance zu bleiben, bei all dem, was beliebig klingen könnte?
Markus Acher: Wenn Sie jetzt auf das Klischee der Weltmusik abheben wollen, die Stücke gab es ja auch schon vorher. Es geht da um etwas anderes, was auch ans Textliche anknüpft. Es geht uns um Hoffnung. Und diese Hoffnung ist mit einem realen Zusammenkommen verknüpft. Wir zelebrieren in der Musik Freundschaften und transnationale Verbindungen, weil wir toll finden, wie unsere KünstlerInnen als Menschen sind. Und was sie als Künstler für eine Ausstrahlung haben, wie kreativ die sind, das hat das Ganze auch sehr befeuert.





















