Wirtschaft

Teilzeit-Debatte bei Maybrit Illner: Empörung statt konstruktive Vorschläge | ABC-Z

Es gibt nur wenige Leute, die nicht unter der Debattenkultur in Deutschland leiden. Zu schrill, zu laut, zu hektisch, zu oberflächlich. Statt über reale Probleme und Instrumente zu reden, mit denen sie zu lösen wären, bleiben Diskussionen an den Schlagwörtern kleben. Die leichten Entgleisungen finden permanente Verbreitung, der leicht übertriebene O-Ton bleibt für Wochen im Gespräch. Wenn die Mittelstandsunion den Begriff des Teilzeit-Lifestyles prägt, wird auf ihm herumgekaut, bis diese Metadebatte wieder neue Stilblüten kreiert, über die dann geredet werden kann.

Die Talkshow „Maybrit Illner“ am Donnerstagabend war einerseits vom Bewusstsein geprägt, wie unergiebig solche Schlagwortdebatten sind. Andererseits hat sie dann auch wieder zwei Drittel der Sendezeit darauf verwendet, die Haltung der Teilnehmer zu diesen leicht übertriebenen O-Tönen einzufangen. In Ansätzen scheinen Vorschläge zur Sache auf, aber man bleibt doch wieder an der Oberfläche. Als gäbe es ein ungeschriebenes Mediengesetz, dem genervten Publikum immer wieder die Schlagwortkost zu kochen, die ihm längst nicht mehr schmeckt.

Als müsste alles abgearbeitet werden, was an Unausgegorenem auf dem Markt ist, sagt die Moderatorin schon im hinteren Teil des Talks: „Wir müssen eine Runde zum Feiertag machen.“ Gemeint ist der Vorschlag, das Arbeitsvolumen, das von allen Teilnehmern als zu gering in Deutschland benannt wird, durch Streichen eines oder zweier Feiertage zu erhöhen. Tatsächlich antwortet dann gar kein Diskutant auf diese vermeintliche Pflichtfrage, die unbedingt noch abgehandelt werden muss. Bis der Kanzleramtsminister kurz bemerkt, dass in diesem Jahr 2,4 Tage mehr gearbeitet werden muss, um dann seine eigentliche Botschaft zu platzieren, das Arbeitsvolumen müsse insgesamt gesteigert werden. Was man zu diesem Zeitpunkt schon längst verstanden hatte.

Bei Illner kommen zu viele Gäste zu Wort

Die Sendung von Illner hat zu viele Gesprächspartner, nimmt sich viel vor und lässt die Zuschauer zumindest an diesem Abend am Ende ratlos zurück – außer diejenigen, die gern die Schlagwortkost zu sich nehmen. Die fünf Talkgäste sind ausgewogen zusammengestellt: Thorsten Frei (CDU) vertritt die Regierungsbank, Katharina Dröge (Grüne) die Opposition, Yasmin Fahimi (DGB) spricht für Arbeitnehmer, Ökonom Michael Hüther vom arbeitgeberfinanzierten Institut der Deutschen Wirtschaft ist dabei und Hauptstadt-Journalist Robin Alexander, der selten nicht zu Gast ist, wenn dieser Rezensent eine Sendung bespricht.

Eigentlich ist das Thema geeignet, um die Herausforderung des akuten demografischen Wandels an einem wesentlichen Aspekt herunterzubrechen. Die Gäste sind kompetent genug, darüber klug Auskunft zu geben. Aber sie verhaken sich an kommunikativen Strategien. Bewusstes Missverstehen dient dazu, einen Punkt gegen den politischen Gegner machen zu können. Die Empfehlung Alexanders, aus allem Gesagten etwas zu kombinieren, womit das Problem anzugehen wäre, wird zumindest an diesem Abend nicht beherzigt, weil man glaubt, im Wettstreit mit dem Gegner Raumgewinne erzielen zu können.

Der schrille Vorschlag des CDU-nahen Wirtschaftsrats, Zahnleistungen aus dem Katalog der gesetzlichen Krankenversicherung zu streichen, um die Sozialversicherung zu entlasten, ist schnell vom Vertreter der größten Regierungspartei selbst abgeräumt. „Kein entscheidender Punkt in der Kostenbelastung“, sagt Frei. Dröge kann sich sehr über den Begriff des Teilzeit-Lifestyles aufregen. „Viele arbeiten im Alltag am Limit, das ist eine absolute Frechheit, ihnen Lifestyle vorzuwerfen“, sagt sie.

Ökonom findet, die Diskussion über Faulheit sei verfehlt

Hüther wagt den Vorstoß, das Teilzeitthema als Ausgangspunkt für die drängende Frage zu nehmen, wie die Politik den Arbeitsmarkt darauf vorbereitet, dass in den kommenden vier Jahren fünf Millionen Menschen in Rente gehen und nur zwei Millionen neu hinzukommen. „Die Diskussion über Faulheit ist verfehlt“, sagt er in Richtung der Kanzlerpartei. Die CDU komme regelmäßig mit Negativ- statt Potenzialgeschichten. Und sie mache nur wenige Vorschläge, wie Hemmnisse für mehr Vollzeitbeschäftigung aus dem Weg geräumt werden können: in der Pflege, in der Kinderbetreuung, in der Fachkräftezuwanderung.

Doch im Anschluss bewegt sich die Diskussion nicht von dem umstrittenen Parteitagsantrag der Mittelstandsunion fort, die den Rechtsanspruch auf Teilzeit hinterfragt. Ein Bäckermeister darf noch von seinen 17 Mitarbeiterinnen erzählen, die zur Hälfte in Teil-, zur anderen Hälfte in Vollzeit arbeiten.

Die Sendung ist zu gehetzt, hier noch ein Einspieler, da noch ein weiterer Gast. Sie liefert Breite statt Tiefe und bleibt immer bei denselben Schlagworten stecken: Teilzeit einschränken, Feiertage begrenzen, Sozialleistungen kürzen. Dazu fällt dem Bäckermeister auch nur ein, er wünsche sich eine einheitliche Krankenkasse wie in Kindheitszeiten.

Viele Leerformeln werden in die Runde geworfen

Wieder zurück in der Runde setzt Illner ihre häufige Technik ein, eine Frage zu stellen, dann aber schon im ersten Hauptsatz der folgenden Antwort ungeduldig die nächste zu stellen. „Selbstbestimmung“, „Rahmenbedingungen“, „Wettbewerbsfähigkeit“ sind die häufigsten Leerformeln des Abends, die nicht mit mehr Inhalt ausgekleidet werden. Man könnte in 60 Minuten so viel mehr besprechen.

Aber es scheint die Vorstellung zu dominieren, dass man möglichst detailliert die abweichenden Positionen herausarbeitet, damit das Publikum die Unterschiede erkennen kann. Konstruktive Ansätze, wie man das Problem behebt, finden so zu wenig Raum. Empörung übereinander bleibt übrig. Doch wenn das Mikrofon aus ist, lachen wieder alle miteinander. Als wäre auf der Bühne alles nur ein Ritual, von dem man glaubt, es aufführen zu müssen, weil es sonst nicht Politik und Talkshow wären.

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