Taufkirchen: Hitzige Diskussion der Bürgermeisterkandidaten – Landkreis München | ABC-Z

Es dauert gut eine Stunde, bis an diesem Abend erstmals Einigkeit herrscht. Ob die Unterführung am Taufkirchner S-Bahnhof einer Aufhübschung bedarf? Bei dieser Frage heben alle sechs Bewerberinnen und Bewerber ums Bürgermeisteramt ein Schild mit einem gereckten Plastikdaumen in die Luft.
Jener Moment der Eintracht bleibt aber die Ausnahme bei dieser Podiumsdiskussion der örtlichen Volkshochschule und des Münchner Merkur. Vor 580 Zuschauern im voll besetzten Kultur- und Kongresszentrum – und weiteren 100 Menschen in einem Livestream-Nebenraum –geht es über weite Strecken kontrovers zu. Was durchaus zur Vorgeschichte dieses Abends passt. Denn das Wortgefecht mit Sebastian Thoma (CSU), Naciye Özsu (SPD), Christoph Nadler (Grüne), Maike Vatheuer-Seele (UWT), Jörg Pötke (ILT) und Uwe Görler (AfD) ist bereits der zweite Anlauf zu einer Podiumsdiskussion. Den ersten musste die Volkshochschule im November wieder absagen, nachdem es heftige Kritik an ihrer Einladung gegeben hatte. Vor allem von der damals nicht berücksichtigten ILT.
Deren Kandidat Jörg Pötke sorgt auch bei der Podiumsdiskussion mit seinen Äußerungen für Zündstoff. Allen voran wettert der 79-jährige Ex-Bürgermeister Taufkirchens gegen das geplante Quartier am Bahnhof, das die Parteien „untereinander vereinbart“ hätten und die hoch verschuldete Gemeinde viel Geld kosten werde. „Mich wird kein Investor erpressen, so wie es bisher am Bahnhof zu sein scheint“, betont Pötke. Demgegenüber stellen sich die übrigen Kandidierenden hinter das XXL-Projekt westlich der Gleise, wo ein zwölf Hektar großes Gewerbegebiet in ein gemischtes Quartier mit Wohnen, Büros und sozialer Infrastruktur umgewandelt werden soll.
Welche Vorhaben die potenziellen Rathauschefinnen oder -chefs sonst noch angehen werden? Hier nennt SPD-Kandidatin Naciye Özsu den derzeit auf Eis gelegten Neubau der Mittelschule und das Wohnbauprojekt an der Pfarrer-Weidenauer-Straße, während AfD-Mann Uwe Görler den „Schandfleck“ Eschenpassage beseitigen will. Derweil spricht sich der Grüne Christoph Nadler für ein neues Seniorenheim aus. Und Jörg Pötke? Der verweist nicht nur bei dieser Frage auf die leere Rathauskasse: „Wir sind pleite. Der Staatskommissar steht vor der Tür.“

Die prekäre Finanzlage – aktuell liegt der Schuldenstand der Gemeinde bei mehr als 30 Millionen Euro – wird fraglos eine der größten Herausforderungen für die Nachfolgerin oder den Nachfolger von Amtsinhaber Ullrich Sander (parteilos). Sander, der bei den beiden vorangegangen Wahlen von der CSU als Kandidat aufgestellt worden war, tritt nach zwölf Jahren im Rathaus nicht erneut an bei der Kommunalwahl am 8. März. Gerade deshalb ist diese so spannend wie lange nicht in Taufkirchen. Die Favoritenrolle kommt am ehesten noch Sebastian Thoma zu, dessen CSU stärkste Fraktion im Gemeinderat ist. Der 63-Jährige, der Mahatma Gandhi als Vorbild nennt, wirbt damit, als Rathauschef Informationen zu wichtigen Projekten im Ort „einfacher, schneller und niedrigschwelliger zur Verfügung zu stellen“. Zudem wolle er die Bürgermeistersprechstunden wieder einführen und eine „offene und konstruktive Diskussionskultur“ pflegen.

Keine Scheu vor Einzelmeinungen zeigt unterdessen AfD-Mann Uwe Görler. Der 65-Jährige spricht sich als Einziger gegen Windkraft im Ort aus und lehnt einen Ausbau der nachschulischen Betreuung ab, da „Erziehung in die Familie gehört“. Und er betont: „Wir sind nicht der Meinung, dass der Mensch für das Klima zuständig ist.“ Ganz anders sieht das Grünen-Kandidat Christoph Nadler (70), der auf Nachfrage von Moderator Stefan Weinzierl die Eisdiele als seinen Lieblingsort in Taufkirchen benennt. Er fordert mit Blick auf die Klimapolitik der Gemeinde, dass diese die Geothermie und das Biomasse-Heizkraftwerk wieder in ihre Wärmeversorgung einbezieht und hierfür mit den Stadtwerken München verhandelt.

Ganz unterschiedlich bewerten die Kandidierenden die zahlreichen Bürgerbegehren, die sich in den vergangenen Jahren gegen diverse Bauvorhaben im Ort gerichtet haben – unter anderem gegen das Quartier am Bahnhof. Diese Initiative habe sie „irritiert“, sagt die ehemalige FDP-Kommunalpolitikerin Maike Vatheuer-Seele. Schließlich habe der Gemeinderat das Projekt von langer Hand geplant, „und ich hatte bisher den Eindruck, dass die Bürger in Taufkirchen das ganz gut fanden“. Laut Christoph Nadler hat die „Inflation an Bürgerbegehren“ dieses an sich wichtige Instrument entwertet. Dem hält Jörg Pötke entgegen: „Ob und wann heftig drauflos geplant wird, muss der Bürger entscheiden – und zwar nicht erst, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist.“
Nach gut zwei Stunden zieht Volkshochschulleiterin Silvia Engelhardt einen Schlussstrich unter die Debatte und äußert bei der Verabschiedung die Hoffnung, dass die Wahlbeteiligung am 8. März deutlich über den gut 50 Prozent der vergangenen Abstimmungen liegen wird. Diesem Wunsch schließen sich sämtliche Kandidierenden an – in einem letzten Moment der Einigkeit an einem sonst nur selten einträchtigen, aber vielleicht deswegen durchaus erhellenden Abend.





















