Wirtschaft

Tankerstau vor Straße von Hormus: Versicherer “blockieren” Schifffahrt im Persischen Golf | ABC-Z

Tankerstau vor Straße von HormusVersicherer “blockieren” Schifffahrt im Persischen Golf

04.03.2026, 07:25 Uhr Von Hannes Vogel

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Im Visier der Revolutionsgarden. Eine iranische Patrouille im Jahr 2019. Derzeit ist der Schiffsverkehr in der Straße von Hormus nahezu zum Erliegen gekommen. (Foto: picture alliance/dpa/Tasnim News Agency/AP)

Schon jetzt fahren kaum noch Tanker im Persischen Golf, Öl- und Gaspreise steigen steil an. Neben iranischen Drohungen haben Reeder noch ein anderes Problem: Schiffsversicherer canceln wegen des Iran-Kriegs ihre Policen. Dem Seehandel am Golf drohen steigende Preise – und schlimmstenfalls der Kollaps.

Der Krieg am Persischen Golf hält die Wirtschaft in Atem. Dass die Schifffahrt und damit der Transport von Öl- und Gas aus der Region nahezu zum Erliegen gekommen ist, liegt nicht nur an der direkten militärischen Gewalt und den iranischen Drohungen gegen alle Schiffe, die es wagen, die Meerenge von Hormus zu durchfahren. Mit dem Entzug des Versicherungsschutzes haben die führenden Schiffsversicherer eine zusätzliche “Blockade” errichtet. Sieben der führenden Haftpflicht-Versicherer der Reederei-Branche, die im Verband IGP&I organisiert sind, haben angesichts der Militärschläge gegen den Iran die Deckung von Kriegsschäden in der Golf-Region ausgesetzt.

Zwölf solcher als Vereine organisierten Versicherer gibt es. Zusammen versichern sie nach eigenen Angaben 90 Prozent aller Frachtschiffe und 95 Prozent aller Tanker gegen Forderungen bei Kollisions-, Umwelt-, Personen-, Sach- und Vermögensschäden – auch bei Krieg, Terrorismus oder Piraterie. Sie gehören den Reedern und sind der wichtigste Schutz der Schifffahrtsbranche gegen die finanziellen Folgen katastrophaler Großereignisse. Mehr als die Hälfte dieser unverzichtbaren Haftpflicht-Versicherungsvereine hat nun ihre Kriegs-Policen für den Persischen Golf gecancelt. Die meisten Tanker und Containerschiffe dürften damit gar nicht mehr oder nur zu sehr hohen Kosten für Passagen am Persischen Golf versicherbar sein.

Der Persische Golf ist nun versicherungstechnisches Sperrgebiet

Der größte Versicherungsverein, Gard aus Norwegen, teilt auf seiner Webseite mit, dass ab Donnerstag Null Uhr Londoner Zeit bei seinen Verträgen “Haftungsrisiken, Verluste, Kosten und Aufwendungen, die durch Kriegsrisiken verursacht werden, daraus entstehen oder in irgendeiner Weise damit zusammenhängen” nicht länger gedeckt seien. Der Ausschluss gilt für den gesamten Persischen Golf, sowie alle Küstengewässer des Iran innerhalb der 12-Meilen-Zone bis zur pakistanischen Grenze und den gesamten Golf von Oman. Alle Schiffe, die nach der Deadline in diese Zone einfahren, verlieren automatisch ihren Versicherungsschutz. Die Straße von Hormus, die unverzichtbar für die Versorgung der Weltwirtschaft mit Öl- und Gas ist, wird damit zum versicherungstechnischen Sperrgebiet.

Seit dem Wochenende wurden Angriffe auf drei Schiffe gemeldet. Vor dem Krieg passierten an einem normalen Tag etwa 15-20 Tanker die Meerenge. Laut Zahlen der auf Echtzeit-Analysen spezialisierten Datenfirma Kpler, aus der die staatliche türkische Nachrichtenagentur Anadolu zitiert, wurden in diesem Jahr bisher täglich im Schnitt rund 20 Millionen Barrel Öl durch die Straße von Hormus transportiert. Am Sonntag, noch bevor das iranische Militär seine etwa waren es dagegen nur 3 Tanker mit rund 2,8 Millionen Barrel. Mehr als 700 Schiffe stauen sich bereits auf beiden Seiten der Meerenge.

“Verheerende” Auswirkung auf die Handelsströme

“Das ist kein abstrakter geopolitischer Risikoaufschlag mehr”, warnt Kpler. “Die Versorgung wird in Echtzeit gestört.” Zwar liefe der Schiffsverkehr in der Meerenge auf geringem Niveau weiter, vor allem mit Schiffen unter iranischer und chinesischer Flagge, da die Wasserstraße technisch weiterhin offen sei. Faktisch sei sie aber für den kommerziellen Seehandel schon jetzt geschlossen. “Reeder, große Ölkonzerne und Versicherer haben sich faktisch aus dem Korridor zurückgezogen. Der Versicherungsentzug wirkt wie eine physische Blockade – die Auswirkungen auf die Handelsströme sind ähnlich verheerend.”

Ähnliches ist bereits seit Monaten im Roten Meer zu beobachten. Dort beschießen die mit dem Iran verbündten Huthi aus dem Jemen immer wieder vorbeifahrende Handelsschiffe mit Raketen und Drohnen. Versicherer haben deshalb ihre Prämien für die Durchfahrt durch die Meerenge Bab al-Mandab am Eingang des Roten Meeres stark erhöht. Viele Reedereien vermeiden deshalb die Route durch den Suezkanal und schicken ihre Schiffe lieber um das Kap der Guten Hoffnung. Das verlängert nicht nur die Fahrtzeit um Wochen, sondern erhöht auch massiv die Fracht- und Transportkosten. In der Straße von Hormus geht es einfach nur um noch viel mehr Schiffe – und ums Öl.

Wie heftig sich der Stillstand der Schifffahrt im Golf auf den Ölpreis und die Weltwirtschaft auswirkt, ist noch nicht absehbar: Die Größenordnung des Schocks hänge “vom Umfang und der Dauer des Konflikts” ab, sagte der Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank, Philip Lane, im Interview mit der “Financial Times”. Zudem ist auch vorstellbar, dass Ölhändler, Reeder und Versicherer angesichts der Zerstörungen und der geostrategischen Lage ihr Geschäftsrisiko dauerhaft neu einschätzen: Die Auswirkungen des Iran-Kriegs “würden sich noch verstärken, falls er zugleich zu einer Neubewertung des Risikos an den Finanzmärkten führen sollte”, warnt Lane. Dann würde Öl spürbar teurer bleiben, selbst wenn der Krieg irgendwann vorbei ist.

Quelle: ntv.de

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