Plötzlich war es dunkel in Berlin | ABC-Z

Als Kai Wegner am Sonntagvormittag das „Cole-Sport-Center“ im Zehlendorfer Hüttenweg betritt, wird er von einem wütenden Mann empfangen. Er fragt Berlins Regierenden Bürgermeister immer wieder, warum mehrere pflegebedürftige Senioren die vergangene Nacht in der Notunterkunft auf Feldbetten verbringen mussten. Der CDU-Politiker weiß keine Antwort. Gemeinsam mit Innensenatorin Iris Spranger (SPD) versucht er, den Mann zu beruhigen.
Das misslingt, und so bittet Spranger einen Feuerwehrmann, sich um den Mann zu kümmern. Anschließend beginnen die Senatsmitglieder ihren Rundgang durch die Sporthalle. Helfer des Roten Kreuzes haben dort am Vorabend etwa vierzig Feldbetten aufgebaut, um Betroffenen des Stromausfalls eine Übernachtung zu ermöglichen. 15 Menschen haben davon Gebrauch gemacht.
Ob es in den kommenden Nächten mehr oder weniger sein werden, ist schwer abzuschätzen. Einerseits haben viele Bürger die betroffenen Stadtteile Lichterfelde, Nikolassee, Weißensee und Zehlendorf längst verlassen, um bei Freunden oder in Hotels zu übernachten. Andererseits hat nicht jeder die Möglichkeit dazu. Die Helfer gehen davon aus, dass etliche Menschen die erste Nacht noch im eigenen Bett verbracht haben. Aufgrund der frostigen Temperaturen dürfte das in den kommenden Tagen nicht mehr in Betracht kommen.
Die frostige Erde muss aufgewärmt werden
Von dem Stromausfall waren am Samstag zunächst rund 45.000 Haushalte und mehr als 2000 Gewerbekunden betroffen. Nachdem am frühen Morgen mehrere Brandsätze an einer Kabelbrücke über den Teltowkanal gezündet wurden, gingen in den betroffenen Straßenzügen im Südwesten Berlins die Lichter aus. Zunächst hofften viele, der Ausfall werde nicht lange dauern. Am Samstagnachmittag wurde klar, dass eine zeitnahe Reparatur nur für etwa 10.000 Haushalte möglich ist – sie sollten stufenweise bis Sonntagmittag ihren Strom zurückbekommen. Um sie zu versorgen, reichte es aus, die beschädigten Mittelspannungsleitungen instand zu setzen.
Damit auch die übrigen 35.000 Haushalte wieder Strom haben, ist ein Ersatz für die fünf beschädigten Hochspannungsleitungen erforderlich. Dafür sind Erdbohrungen notwendig, für die zunächst die frostige Erde aufgewärmt werden muss. Der Senat geht am Sonntag davon aus, dass der Strom für diese Menschen erst am Donnerstagnachmittag zurückkommen wird.
Einer von ihnen ist Wolfgang Steiner aus Nikolassee. Der Ingenieur ist mit seiner Frau und seinem Sohn in die Notunterkunft gekommen – nicht zum Übernachten, sondern um das Handy aufzuladen und danach eine Ferienwohnung für die kommenden Tage zu buchen. Die vergangenen 24 Stunden hat Steiner als gefühlsmäßige Achterbahnfahrt erlebt: Am Samstagmittag ging er noch mit seinem Sohn zum Bouldern nach Potsdam. Die Idee, dort einen Gaskocher zu kaufen, verwarf er. Zu diesem Zeitpunkt nahm er an, der Strom werde bald zurückkommen.
„Als klar wurde, dass das nicht der Fall ist, war das erst mal ein Schock“, sagt der Familienvater im Gespräch mit der F.A.Z. Er habe dann mit seinem Vermieter telefoniert, um die elektrische Abwasseranlage im Haus zu sichern. Anschließend schaute er nach älteren Nachbarn.
„Das Ganze wurde dann immer realer“, so Steiner. Er entdeckte in seinem Handy ein UKW-Radio, das er trotz des fehlenden Internets empfangen konnte. „Was ich dann erlebte, war enttäuschend. Es gab viel zu wenig Rundfunkdurchsagen. Stattdessen kam Samba-Musik“, kritisiert er. Hilfreich seien hingegen die Durchsagen der Polizei gewesen. Sie fuhr mit Megafonen durch die betroffenen Stadtteile. Auf die Polizei vertraut Steiner auch, wenn seine Wohnung in den kommenden Tagen leer sein wird. Ein anderer Anwohner erzählt, dass in Zehlendorf viele Villenbesitzer ihre Häuser aus Angst vor Einbrechern nicht verlassen wollen.
Bekennerschreiben der „Vulkangruppe“ gilt als authentisch
In der Pressekonferenz vor der Notunterkunft verspricht Innensenatorin Spranger, dass die Polizei auch in den kommenden Nächten vermehrt Streife fahren werde. Bisher sei es zu keinen Wohnungseinbrüchen gekommen. Ein Einbruchversuch in einem Supermarkt sei vereitelt worden. Priorität des Krisenstabs sei, die Leute „aus der Kälte zu holen“. Sie appelliert mehrfach an die Bürger, Polizei und Feuerwehr Bescheid zu sagen, wenn Nachbarn Hilfe brauchen. In den kommenden Tagen sollen weitere Wärmeräume geöffnet werden, die Bundeswehr wird mit Suppenküchen helfen. Anders als zunächst befürchtet, müssen keine Krankenhäuser evakuiert werden. Deren Notstromanlagen funktionieren ebenso wie die Kanalisation.
Der Schlag gegen die Infrastruktur ist dennoch beispiellos. Zwar gab es in Berlin-Adlershof bereits im September einen Anschlag von Linksextremen auf das Stromnetz – es waren aber weniger Leitungen betroffen, und die Folgen wegen des Wetters geringer. Vor der Notunterkunft macht Kai Wegner auch für den aktuellen Anschlag Linksextremisten verantwortlich. Wenig später wird bekannt, dass die Behörden ein Bekennerschreiben der „Vulkangruppe“ für authentisch halten.
Diese linksextreme Gruppe ist rund um Berlin bekannt: Vor zwei Jahren bekannte sie sich zu einem Brandanschlag auf einen Strommast in Brandenburg, der die Tesla-Fabrik in Grünheide lahmlegte. Auch für ein brennendes Stromkabel auf der Tesla-Baustelle im Jahr 2021 und für ein zerstörtes Starkstromkabel 2018 in Charlottenburg sollen die Linksextremen verantwortlich sein. Innensenatorin Spranger sagte vor der Notunterkunft, am Anschlagsort seien Spuren im Schnee gesichert worden. Erkenntnisse des Verfassungsschutzes würden bei der Suche nach den Tätern berücksichtigt.





















